Neil Young + Promise Of The Real: Earth

Zorniger alter Mann

Neil Young + Promise Of The Real - Earth

Nur noch kurz die Welt retten: Neil Young hat auf seine alten Tage ziemlich ambitionierte Ziele.

Kann Musik die Welt retten? Eine geradezu philosophische Frage, die sich schon Generationen von Fans und Musikern stellten. Wirft man einen Blick auf die Charts, scheinen Protestsongs allerdings völlig aus der Mode gekommen. Insofern wirkt Neil Young mit dem Album „Earth“ wie der letzte Vertreter einer aussterbenden Spezies. Die Folk- und Rocklegende legt nicht nur den Finger auf die Wunden der Erde, er zeigt auch den vermeintlichen Verursachern der Misere den Stinkefinger. Ein zorniger junger Mann im Körper eines 70-Jährigen - Neil Young macht seinem Nachnamen alle Ehre.

Das Doppel-Album „Earth“ ist sperrig. Weniger was die Musik angeht, mehr hinsichtlich des Konzepts. Gilt es noch als Live-Album, wenn die Reihenfolge und Auswahl der Songs nicht von der ursprünglichen Setlist diktiert wird, sondern von der inhaltlichen Vorgabe, dass es sich um Protestlieder handeln muss? Gilt es noch als Live-Album, wenn nicht nur mitten in den Applaus, sondern auch während der Songs selbst nachträglich tier-, natur- und menschengemachte Geräusche beigemischt sind wie in einem surrealen Hörspiel?

„Earth“ erscheint auf Vinyl und CD, aber auch in Youngs Highend-PonoMusic Store. Mit seinem Gegenangebot zum MP3-Format kämpft der ewige Rebell gegen minderwertige Tonqualität, mit seiner Musik gegen minderwertige Politik, Wirtschaft und Moral. Um die Welt mit seiner Sammlung kritischer Songs aus allen Phasen seines Schaffens zu retten, hat der Kanadier sich Verstärkung mit jugendlichem Elan geholt: die Indie-Rocker Promise Of The Real. Mit der Gruppe, zu der auch zwei Söhne der Country-Ikone Willie Nelson zählen, hatte Young 2015 bereits „The Monsato Years“ veröffentlicht, eine E-Gitarren-verstärkte Kampfansage an den verhassten Genmais-Produzenten.

Vier der Stücke auf dem neuen Album sind von der aktuellen Platte. Der Opener „Mother Earth“ ist ein mehrstimmig vorgetragener Appell an mehr Umweltbewusstsein - die minimalistisch nur von einer Orgel begleitete Hymne an Mutter Erde endet im Fliegensummen. Ebenso reduziert auf das Wesentliche: der Klassiker „After The Goldrush“, inszeniert fast schon als Accappella-Stück, begleitet von einem zum Goldrausch passenden Western-Piano. Dass der Goldrausch der Menschen auch im 21. Jahrhundert anhält, ist die wenig subtile Message.

Die negativen Seiten des Großstadtlebens thematisiert das im Country-Folk-Rock-Mix vorgetragene „My Country Home“. Deutlich flotter und aggressiver sind Songs wie „I Won't Quit“ und „Hippie Dream“, bei denen Youngs Rückendeckung durch Promise Of The Real sich bezahlt macht. Tracks wie diese rocken mit so viel Verve, dass man dem dreifachen Vater den agilen Einsatz als Superheld, der die Welt vor der Massentierhaltung und vor Menschen ohne Visionen rettet, absolut abnimmt.

Alles in allem kommt das Live-Feeling trotz Jubeln und Applaus am Ende der Tracks nicht immer authentisch rüber, was vielleicht an der nett gemeinten Zugabe der Tier- und Naturgeräusche liegt. „Warning: Contains modified content“ liest man auf dem Cover - eine augenzwinkernde Anspielung darauf, dass Firmen wie Monsato ihre modifizierten Inhalte nicht kennzeichnen. Young warnt uns immerhin vor.

Neil Young + Promise Of The Real auf Tournee:

20.07.2016, Leipzig, Völkerschlacht-Denkmal

21.07.2016, Berlin, Waldbühne

23.07.2016, Klam, Burg Clam

tsch

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