Nie wieder glatt

Neues Pixies-Album: Head Carrier

Pixies - Head Carrier

Nach der zu poppigen EP-Compilation „Indie Cindy“ steht nun das erste richtige Album nach dem Pixies-Comeback an. Und das wird Fans jubeln lassen.

Aus, vorbei, endgültig. So dachten viele Pixies-Verehrer, als Kim Deal 2013 die Indie-Legenden verließ. Schließlich galt die Bassistin und Sängerin samt ihrer skandalträchtigen Eskapaden als ebenso essenziell für die 1986 gegründeten Bostoner wie Mastermind Frank Black. Doch auch nach zahlreichen Streitigkeiten, die bereits 1993 zur Bandauflösung geführt hatten, machte der Pixies-Kopf einfach weiter. Und wie: Zwölf Jahre nach der Reunion und zwei nach der Comeback-Compilation „Indie Cindy“ veröffentlicht die wohl einflussreichste Band des Indie-Genres ihr erstes echtes Studioalbum seit „Trompe Le Monde“ 1991. Mit Paz Lechantin als neuer Frontfrau und einem mitreißend unglatten Sound, der direkt der Prä-Grunge-Ära entsprungen scheint, schickt sich „Head Carrier“ erfrischend simpel an, ein vielversprechendes Spätwerk der Pixies einzuleiten.

Die Enttäuschung war groß

Die Kritik fiel harsch aus. Als die Pixies 2014 ihr erstes Album nach der Reunion ankündigten, war die Vorfreude ebenso gigantisch wie die nachfolgende Enttäuschung, als sich „Indie Cindy“ lediglich als eine Compilation der zuvor veröffentlichten drei EPs entpuppte. Dabei war das Album beileibe kein Reinfall, die Pixies-Genialität war durchweg zu spüren - vielleicht etwas zu pompös produziert, etwas zu glatt, zu poppig. Doch dass Kim Deal kurz zuvor die Band verließ, verstärkte den Eindruck der verblassenden Pixies umso mehr.

Und nun das: „Head Carrier“ räumt beeindruckend klar alle Klagepunkte aus dem Weg. Zwölf gänzlich neue Songs, die in ihrer kantigen Wut, ihrem kompromisslosen „Was-Sonst“ zweifellos auch von den Spät-80er-Krachern „Surfer Rosa“ oder „Doolittle“ stammen könnten. Einfach produziert, ohne viel TamTam und erleichternd glanzlos straft ein bisweilen jungspundig schreiender Frank Black mit unnachahmlichem Exzess-Pop all jene Lügen, die den Ikonen bereits den Todesschein ausgestellt hatten.

Der wohl beste Lebensbeweis dagegen: Nicht nur gelang es dem noch immer begnadeten Songwriter-Genie Black wie in der guten alten Slacker-Zeit ein meisterliches Arrangement zwischen melodiösen Indie-Hits und sperrigen Nerd-Rock-Stücken zu fabrizieren. Auch schaffte der 51-Jährige das beinahe Unmögliche: Mit Paz Lechantin holte er eine adäquate Kim-Deal-Nachfolgerin ins Boot, die der Alternative-Diva in Sachen Bass und Gesang in nichts nachsteht. Doch kopiert die Argentinierin nicht nur, sie entwickelt ihre ganz eigene arschcoole Melancholie.

Demonstration der allumfassenden Genialität

Lechantin beweist, dass sie weit mehr als Ersatz zu sein verspricht - ob im überaus harmonierenden Duett mit Black, etwa im Indie-Lovesong „Might As Well Be Gone“, oder als Solo-Sängerin - wie in der nachdenklichen Grunge-Ballade „All I Think About Now“. Dass Black voller bedrohlicher Harmonie im Stück „Oona“ charakteristisch den Chorus „Please I Want To Be In Your Band“ herauspresst, darf durchaus als selbstironischer Seitenhieb auf die oft kritisierte und nicht immer im Guten verlaufende Personalpolitik der Pixies angesehen werden.

„Head Carrier“ scheint im besten Sinne eine Art Demonstration der allumfassenden Genialität der Pixies: Surfige Indie-Hymnen in spe wie die herausragenden „Classic Masher“ und „Bel Esprit“ wechseln sich klug arrangiert mit dem wütend-unzugänglichen Grunge-Geist eines „Baals Back“ oder „Um Chagga Lagga“ ab, die den Zuhörer direkt ins Boston des Jahres 1989 zu katapultieren scheinen. Dass sie die Zeit nicht tatsächlich in jene rebellischen Jahre des US-Undergrounds zurückdrehen können, ist das Einzige, das man den Pixies jetzt noch vorwerfen kann.

Pixies auf Tournee:

24.11.2016, Köln, Palladium

tsch

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