Biffy Clyro-Sänger Simon Neil im Interview

„Wenn ich Lego baue, kann ich abschalten“

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Biffy Clyro veröffentlichen mit „Ellispis“ ihr siebtes Studioalbum.

Biffy Clyros Frontmann Simon Neil meldet sich bereit zur Therapiestunde und gräbt tief in seinem Inneren.

21 Jahre ist es her, dass Simon Neil gemeinsam mit seinem Kumpel Ben Johnston und dessen Zwillingsbruder James anfing, Musik zu machen. Mittlerweile blickt die schottische Band Biffy Clyro auf eine bewegte Karriere zurück. Vom experimentellen Prog-Rock-Geheimtipp hat das Trio es längst in den Mainstream geschafft: Mit dem sechsten Album „Opposites“ erreichten sie 2013 erstmals die Spitze der britischen Charts. Danach nahm die Band sich eine einjährige Pause. Sänger Simon Neil baute Lego, -wie der 36-Jährige im Interview verrät -, horchte in sich hinein und nahm mit seinen Mitstreitern schließlich „Ellipsis“ (ab 8. Juli) auf, ein Album voller tiefgründiger Rock-Hymnen.

nordbuzz: Auf Ihrem neuen Album singen Sie die Zeile „we have achieved so much more then we possibly thought we could“. Ein Rückblick auf die letzten 21 Jahre, die Sie mit Ihren Freunden gemeinsam Musik machen?

Simon Neil: So ist es. Viele hätten uns das sicher nicht zugetraut, aber wir sind immer noch hier. Die Tatsache, dass wir von der Musik leben können und jetzt bei unserem siebten Album angekommen sind, macht mich wirklich glücklich. Dass ich hier sitze und mit Leuten wie Ihnen über unsere Musik spreche ... wir werden das nie als selbstverständlich erachten.

nordbuzz: Sie kommen aus dem kleinen Ort Ayr an der schottischen Westküste, wo Sie nach wie vor leben. Wie würden Sie Ayr beschreiben?

Neil: Ayr ist eine kleine Stadt am Meer. Wenn die Sonne scheint, fallen die Leute aus Glasgow ein, machen eine Menge Dreck und hauen wieder ab (lacht). Ansonsten ist es ein wunderbarer Fleck Erde. Als ich jung war, dachte ich immer, dass ich aus Schottland abhauen und nie wieder zurückkommen würde, aber je mehr ich um die Welt reise, desto klarer wird mir, wie sehr Schottland und Ayr ein Teil von mir sind. Und ein Teil dessen, was wir mit der Band machen. Dort zu leben, hilft mir auf dem Boden zu bleiben. Man kann dort wirklich so sein, wie man ist.

nordbuzz: Wie sind Sie denn so? Was machen Sie, wenn Sie keine Musik machen?

Neil: Ich fahre viel Fahrrad - zu meinem Vater, meinen Freunden, meinem Bruder. Und - ob Sie es glauben oder nicht: Ich baue leidenschaftlich gerne „Lego Architecture“.

nordbuzz: Wie bitte?

Neil: Das ist eine Modellreihe von Lego, man baut die berühmtesten Bauwerke der Welt nach. Gerade habe ich die Skyline von Berlin und das Brandenburger Tor fertiggestellt. Es gibt auch drei Gebäude des Architekten Frank Lloyd Wright, der unter anderem am Guggenheim Museum beteiligt war. Wirklich langweilig und kindisch - aber ich liebe es!

nordbuzz: Sie haben also einen Hobbykeller voller Lego?

Neil: Einen solchen eigenen Keller dafür würde sich vor allem meine Frau wünschen. Doch zuletzt habe ich sogar einige meiner Preise beiseitegestellt, um Platz für die Lego-Modelle zu schaffen. Ich bin echt stolz auf die Dinger (lacht). Aber als meine Frau das sah, meinte sie nur: „Was zur Hölle machst du da?“ Seitdem verfrachtet sie nach und nach alle Modelle außer Sichtweite ... Wissen Sie, mir geht wirklich ständig Musik durch den Kopf. Wenn ich Lego baue, kann ich abschalten. Es lenkt mich ab. Rock'n'Roll, nicht wahr?

nordbuzz: Sie hatten zuletzt ja viel Zeit, sich Ihren Lego-Modellen zu widmen, denn nach dem letzten Biffy-Clyro-Album verordneten Sie sich eine einjährige Pause. Warum?

Neil: Normalerweise fällt es mir ziemlich leicht, Songs zu schreiben, aber bei diesem Album war ich mir zum ersten Mal nicht sicher, was wir als Nächstes tun sollten. Das war beängstigend. Ich dachte, vielleicht war's das, vielleicht habe ich all meine guten Stücke geschrieben. Ich hatte eine richtige Identitätskrise. Denn wenn ich keine Lieder mehr schreiben kann, was mache ich dann? Ich kann schließlich nichts anderes. Das war das erste Mal, dass ich so einen Druck verspürte. Ich glaube, es lag auch an den großen Konzerten, die wir spielten. In meinem Kopf schrieb ich für diese Menschen, statt wie früher für mich zu schreiben.

nordbuzz: Wodurch kam die Inspiration zurück?

Neil: Ich habe beschlossen, eine Weile nicht an Biffy Clyro zu denken. Dann fing ich an, mit Freunden Musik zu machen, und nahm ein Soloalbum unter dem Namen ZZC auf, das nächstes Jahr erscheinen wird und ziemlich elektronisch ist. Ich musste mich zunächst von der Gitarre entfernen, um anschließend wieder eine Verbindung zu ihr zu finden. Es gab aber auch ein paar persönliche Dinge, mit denen ich mich beschäftigen musste.

nordbuzz: Nämlich?

Neil: Während man als Band auf Tour ist, geht das Leben trotzdem weiter. Gute Dinge passieren, aber auch schlechte. In meinem Leben sind einige schlechte passiert. Als ich zu Hause war, musste ich mich damit auseinandersetzen. Irgendwann war es so weit, dass ich mein Haus einen Monat lang nicht verlassen habe. Ich war in diesem Loch gefangen, aus dem ich nicht mehr herauskam. Ich bin halt generell nicht gerade jemand, der in allem das Positive sieht. Im Gegenteil, mein Glas ist immer halb leer.

nordbuzz: Ist das nicht typisch schottisch?

Neil: Das stimmt, wir sind eine sehr zynische Nation, das Glas ist immer halb leer. Das Sprichwort „to snatch victory from the jaws of defeat“ haben wir umgekehrt zu „we snatch defeat from the jaws of victory“ - was so viel bedeutet, wie einen sicher geglaubten Kampf überraschend doch noch zu verlieren (lacht). Naja, auf jeden Fall sind viele Songs an meine Frau gerichtet - sie sind im Grunde genommen eine Entschuldigung dafür, dass ich manchmal echt anstrengend sein kann.

nordbuzz: So schlimm?

Neil: 90 Prozent der Zeit bin ich echt ein ruhiger Zeitgenosse, aber die anderen zehn Prozent kann ich ganz schön verrückt sein. Davon handelt der Song „Animal“. Diese animalischen Züge sind ein Teil meiner Persönlichkeit, die ich nur schwer kontrollieren kann. Manchmal bin ich gemein zu Menschen, die ich liebe, und merke es noch nicht einmal. Überhaupt geht es auf „Ellipsis“ darum, die negativen Seiten der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren und sich selbst nicht zu sehr zu verurteilen. Darum, Verantwortung zu übernehmen, und sich selbst wachzurütteln, um innere Kämpfe und Stärke, aber auch darum, Leute zu verlieren. Ich stelle Freundschaften in Frage, die ich seit Jahren habe.

nordbuzz: So wie in „Friends & Enemies“?

Neil: Genau. Freundschaft bedeutet für mich, dass man für einander da ist und sich gegenseitig ermutigt. Dass man dem anderen das Gefühl gibt, dass einem etwas an ihm liegt. Bei 99 Prozent meiner Freunde ist das auch so, aber es gibt immer jemanden, der auf einen herumhackt. Irgendwann fragt man sich, warum man mit dieser Person überhaupt Zeit verbringt. Freundschaften können auch zu einer Art Gewohnheit werden.

nordbuzz: Wenn man jung ist, fragt man sich auch, warum Erwachsene nur eine Handvoll Freunde haben ...

Neil: Nicht wahr? Und jetzt geht es mir genauso. Es gab da ein paar Leute in meinem Leben, die ich schon ewig kenne, und die mir immer wieder das Gefühl gaben, dass ich ein schlechter Mensch sei. Ich bin eine sehr loyale Person, aber ich hatte das Gefühl, sie hängen nur mit mir herum, weil es cool ist oder sie einen Vorteil dadurch haben. Das Leben ist zu kurz für so etwas. Manchmal entfernt man sich einfach voneinander.

nordbuzz: Klingt, als hätten Sie mit diesem Album tief in sich hineingeblickt?

Neil: Ich habe fast schon zu viel nachgedacht! Wir nehmen nie wieder ein Jahr frei (lacht). Wirklich. Ich bin froh, dass das Album ist, wie es ist - aber gesund war das nicht. Mir geht es definitiv besser, wenn ich beschäftigt bin. Wenn ich nicht innehalte und reflektiere. Im Dezember 2014 Monaten spielten wir zu unserem 20-jährigen Jubiläum ein paar Shows in Glasgow. Es ging im Grunde darum, das zu feiern, was wir bisher erreicht haben. Es sollte eine tolle Feier werden, aber am Ende hatte ich plötzlich Angst vor der Zukunft, weil ich so stolz bin auf das, was wir bisher erreicht haben.

nordbuzz: Was bedeutet Ihnen Erfolg?

Neil: Erfolg ist toll, aber nicht der Grund, warum ich Musik mache. Das aufregendste am Musikmachen ist der Moment, in dem man eine Idee aufnimmt, wieder abspielt und dabei plötzlich etwas spürt. Bevor der erste Einfall kommt, ist da nichts. Man singt eine Zeile, und plötzlich entsteht etwas. Das ist ein sehr intensives Erlebnis. Und etwas, das ich nach wie vor nicht ganz begreife.

tsch

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