Jamie-Lee: Berlin

Warum so ernst, Manga-Mädchen?

Jamie-Lee - Berlin

Die deutsche ESC-Hoffnung Jamie-Lee Kriewitz legt mit "Berlin" ein überraschend erwachsen klingendes Debütalbum vor. Dabei hätte der gerade mal 18-jährigen Sängerin hin und wieder etwas mehr jugendliche Leichtigkeit gutgetan.

Dekoriert mit Pandahütchen, falschen Wimpern und glitzernden Haarspangen sang sich Jamie-Lee Kriewitz in die Herzen der Zuschauer: erst bei der Castingshow "The Voice Of Germany", dann beim deutschen Eurovison-Song-Contest-Vorentscheid "Unser Lied für Stockholm". Rechtzeitig bevor die Newcomerin nun in Richtung Schweden startet (Samstag, 14. Mai), um Deutschland bei diesem prestigeträchtigen internationalen Musikwettstreit zu vertreten, erscheint ihr Debütalbum "Berlin".

Den Auftakt darauf macht "Ghost", Jamie-Lees "The Voice"-Siegertitel und gleichzeitig ihre Songauswahl für den ESC. In diesem mystisch-getragenen Lovesong oszilliert die Stimme der Schülerin zwischen kraftvollen Tiefen und sanften Höhen, während sie den Zuhörer einlädt, mit ihr ein fernöstliches Comic-Reich zu betreten. Ihre unverkennbare Liebe zu japanischen Mangas und koreanischer Popmusik spiegelt sich nicht nur in Jamie-Lees außergewöhnlichem Kleidungsstil wider, der sich "Decora Kei" nennt. Auch auf ihrem Album soll es bunt zugehen, wobei die Hitsingle "Ghost", die es immerhin auf Platz elf der deutschen Charts geschafft hat, eindeutig den Takt vorgibt. Das Grundthema "zarte Stimme plus Elektrosound" wird mehrmals nur leicht variiert: Beim Uptempo-Stück "Mine" überwiegen beispielsweise peitschende Beats, während in der Ballade "Visions" ruhige Pianoklänge angeschlagen werden.

Die Lyrics wirken dabei hin und wieder etwas zu erwachsen für die gerade mal 18-jährige Sängerin. In "Lions Heart" heißt es beispielsweise: "Life, it can knock you down so hard, hits you like a wrecking ball." Man fragt sich unweigerlich, welche persönliche Tragödie die süße Castingshow-Teilnehmerin bereits durchstehen musste, um zu dieser ernüchternden Erkenntnis zu gelangen: Matheklausur vergeigt? Follower auf Instagram verloren? Etwas mehr jugendliche Leichtigkeit hätte dem Album durchaus gutgetan - schließlich strahlt das quirlige Manga-Mädchen diese bei seinen Auftritten auch aus. Und: Neben den vielen melancholischen Songs hätten ein bis zwei fröhliche Dancetracks für etwas mehr Abwechslung im tristen Klangteppich gesorgt.

Hat "Berlin" von Jamie-Lee Kriewitz also zwölf Punkte verdient? Allemagne, douze points? Dazu reicht es leider nicht ganz, denn das Debütalbum lässt sowohl textliche als auch musikalische Vielfalt vermissen. Aber die kann ja noch kommen, schließlich hat Jamie-Lee noch vor ein paar Monaten im niedersächsischen Hameln die Schulbank gedrückt. Jetzt will sie erst einmal im Showbiz durchstarten und das aktuelle Schuljahr später wiederholen - ihre Noten hatten unter den ständigen Fehlzeiten zu sehr gelitten. Dass sich der Aufwand lohnt, kann das Manga-Fräuleinwunder am 14. Mai beim "Eurovision Song Contest" beweisen. Dann werden 200 Millionen Augenpaare aus ganz Europa auf sie gerichtet sein, zwischen grandiosem Triumph à la Lena Meyer-Landrut und peinlicher Null-Punkte-Pleite wie bei Ann Sophie im letzten Jahr scheint alles möglich. Der ESC hat schließlich seine eigenen Gesetze.

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