Xavier Naidoo: Nicht von dieser Welt 2

Das Warten auf die Apokalypse

Xavier Naidoo - Nicht von dieser Welt 2

Alle gegen Xavier Naidoo? Naja, hinter dem Mannheimer stehen Pop-High-Society und eine Millionenschar von Fans. Trotzdem würde man sich doch mal einen Rundumschlag des Sängers wünschen. Kommt der nun auf "Nicht von dieser Welt 2"?

"Zu Hollywood" sei ihm der Song "Frei" eigentlich gewesen, zu sehr "Filmmusik von so 'nem Frauenfilm", gesteht Xavier Naidoo. Doch Moses Pelham hatte beim neuen Album das Sagen - wie schon vor 18 Jahren, als die beiden gemeinsam "Nicht von dieser Welt" hinaus in die selbige schickten. Nun steht Teil zwei des damaligen Durchbruchalbums des Sängers an, als CD im Laden und als Stream vorerst exklusiv bei Apple Music - inklusive "Frei": "Jetzt, ein paar Monate später, denke ich: Wow, das trifft den Nagel auf den Kopf", heißt es weiter in einem selbstgeführten Interview zur neuen Platte. Das Lied, schickt er mit freudiger Süffisanz nach, sei gemünzt auf die "ganzen Schlagzeilen aus den letzten Monaten". Ist "Frei" also die große Abrechnung des Xavier Naidoo? Die von ihm schon so oft beschworene, selbst herbeigeführte Apokalypse? "Nicht von dieser Welt 2" hätte so spannend sein können ...

Hätte. Denn der 44-Jährige zeigt sich wie gewohnt über allem stehend. "Frei wie ein Kind". Bei dem fast weihnachtlich anmutenden Stück erscheint da schnell ein neugeborenes Jesulein vorm inneren Auge: "Ich bin frei, frei wie ein Stern, der strahlend hell am Himmel steht". Tatsächlich ist "Frei" sehr kitschig und überkandidelt - wie so vieles auf Naidoos sechster Soloplatte. Seine Gedanken seien frei. Die Wahrheit verleihe diese Kraft. Und die stammt natürlich vom lieben Gott. Seine (sch-)machtvollsten Waffen führt Naidoo gegen all seine Kritiker ins Gefecht: seine Stimme und seinen Glauben. Wer sich selbst so sicher sein kann, braucht sich an weltlichen und alltäglichen Beckmessereien nicht stören.

"In verschwörungstheoretischem Geschwurbel prangert er immer wieder an, Deutschland sei nicht souverän. Er bedient sich dabei demokratiefeindlicher und rechtspopulistischer Muster": So formulierte etwa die "Süddeutsche Zeitung" ihre Kritik an der NDR-Entscheidung im November 2015, dass Xavier Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten wird. Bekanntlich folgte schnell darauf der Rückzieher der Rundfunkanstalt. Naidoo schwieg.

Direkte Spitzen gegen das von den Medien zuletzt wieder aufgewärmte Bild vom verqueren Spinner schenkt sich der Sohn Mannheims auf seiner Platte. Höchstens: Er ist am Ende mit seinem "Latein" - eine kryptische Spielerei mit den bekanntesten Zitaten aus der toten Sprache. Da gibt es natürlich nicht wenige, die Interpretationsspielraum böten. In der Gewissheit, nach wie vor Massen hinter sich zu haben, die durch die VOX-Sendung "Sing meinen Song" bestimmt nicht kleiner wurden, hat er es auch gar nicht nötig, eine dicke Lippe zu riskieren. Ohnehin verbreiteten sich seit Monaten verschwörungstheoretische Ansichten Verblendeter auch ohne großes Zutun des Deutschpop-Zugpferdes ganz wunderbar in den sozialen Medien.

Nur selten weicht Naidoo auf "Nicht von dieser Welt 2" wie schon auf Teil eins vor fast 20 Jahren und allen nachfolgenden Alben vom Thema Glauben ab. Wenn er es doch tut, wünschte man sich, er hätte es sein gelassen: In "Das lass' ich nicht zu" stellt sich Naidoo gegen partnerschaftliche Gewalt, nicht ohne seine Botschaft am Ende auch auf Türkisch zu formulieren - klar, der Muslim ... Und wenn er in "In meinen Armen" die Liebe besingt, nicht die zu Gott, sondern zu einem real existierenden Menschen, dann klingt das wie die eines unheimlichen Stalkers. Sein Tierrechtssong "Ich will Leben" kommt nicht ohne das längst beschworene jüngste Gericht aus ...

Xavier Naidoo wurde in der Vergangenheit vieles verziehen - oder man hörte einfach nie richtig hin. Die vor allem von Moses Pelham verfassten Kalendersprüche wie "Denn im Prinzip ist das Prinzip nur, dass Liebe Liebe liebt und Liebe siegt" ("Prinzip") werden die Fans auch diesmal nicht stören. Dessen Gitarren- und Streicher-Leidenschaft sowie krampfhaft "fett" und voll produzierte Tracks ebenso wenig. Von den Steinzeit-Flows Pelhams bei dessen zwei Gastauftritten ganz zu schweigen. Der Tauschkonzert-Pate Naidoo wird vor allem für sein auf große Gefühligkeit aufgebauschtes, längst in Platin und Gold gegossenes Organ geliebt. Und das bekommt auf "Nicht von dieser Welt 2" genug Spielraum, sich zu entfalten. Für das nächste Mal wünscht man sich dann aber doch den Rundumschlag, die Apokalypse. Es muss ja auch wieder mal was zu mäkeln geben.

Xavier Naidoo auf Tournee:

17.11.2016, Oberhausen, König-Pilsener-Arena

18.11.2016, Kön, Lanxess Arena

19.11.2016, Hamburg, Barclaycard Arena

21.11.2016, Leipzig, Arena Leipzig

22.11.2016, Berlin, Mercedes-Benz Arena

24.11.2016, Frankfurt, Festhalle

26.11.2016, Mannheim, SAP ARENA

28.11.2016, München, Olympiahalle

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