Nick Cave & The Bad Seeds: Skeleton Tree

Der Verlust und das Elend

Nick Cave & The Bad Seeds - Skeleton Tree

Interviews gibt Nick Cave seit dem Tod seines Sohnes keine. Er lässt seine Musik sprechen. So abgedroschen es sich auch anhören mag: Die sagt mehr als tausend Worte.

Wie hört sich das an, wenn ein Ewig-Düsterer trauert? Besser: Wie fühlt es sich an? „Skeleton Tree“, das 16. Studioalbum von Nick Cave und seinen Bad Seeds, entstand unter dem Eindruck eines schlimmen Verlustes: Caves Sohn Arthur stürzte im Juli 2015 von einer Klippe im südenglischen Brighton, wo der Australier seit 1980 nunmehr mit Familie lebt. Er starb an mehreren Kopfverletzungen. Die Caves baten die Öffentlichkeit um Privatsphäre, um Zeit zum Trauern. Kann eine schwarze Seele, wie die des 58-Jährigen, noch dunkler werden? Lässt sich ein Nick Cave vom wohl ultimativen Schmerz des Verlusts auffressen? Und vermag er auch dieses Leid mit seinen Zuhörern zu teilen?

Die Arbeiten am Album begannen bereits vor dem Unglücksfall. Freilich: Der Prozess wurde unterbrochen, das Atmen fiel schwer. Und alles vorher Erreichte hatte in der neu entstandenen Gefühlswelt keinen Platz mehr. Doch, so war es zumindest Caves Hoffnung: Seine Kunst wird ihm schon darüber hinweghelfen. Am besten der ganzen Familie. Bereits zwei Wochen nach dem tragischen Unfall schickte er seinem langjährigen Partner, Bad-Seeds-Mitglied Warren Ellis, Gesangsaufnahmen über das Telefon.

Doch direkt eingehen auf den Tod seines Sohnes, das ist nicht die Sache Nick Caves. Wie auch im dazugehörigen Film „One More Time with Feeling“, einer selbstredend sinistren Album-Dokumentation in 3D, die einmalig am 8. September in ausgewählten Kinos gezeigt wurde, wird das Unaussprechliche nicht ausgesprochen. „Skeleton Tree“ speist sich zudem aus dem ständig erweiterten Fundus an Songtexten, die Cave mit sich führt. Doch die Spuren des Unglücks sind in Film und Musik offensichtlich.

Der Sänger wirkt tatsächlich noch distanzierter als sonst. Seine Stimme älter. Die Hochstimmung, die in seinen letzten Alben und öffentlichen Auftritten ausgemacht wurde, ist vollkommen gewichen. Verstörende Industrial-Loops, Trommelschläge- und Wirbel sowie Basslinien, besonders in „Anthrocene“, verstärken eine immerwährende Bedrohlichkeit. Auch wenn Cave und Ehefrau Susie Bick am Ende des Filmes verkünden, man wolle glücklich sein - „Skeleton Tree“ präsentiert vielmehr einen Mann, der sich verkriechen will. Das Elend des Leidenden arbeitet sich auch beim Hörer bis in die Fußspitzen vor.

Sogar beim Aufbruchstück „Distant Sky“, in dem die dänische Sopranistin Else Torp dunkle Wolken aufreißt, zieht Caves Wimmern wieder nach unten. Es ist schließlich die Orgel im Titelstück, das mit Bedacht ans Ende gesetzt wurde, die wieder Hoffnung auf Alltag macht, auf Weiterleben. „Nothing is for free“ heißt es darin, das Leben spielt einen manchmal üble Streiche, für die man bezahlen muss ... Song und Album enden mit einem dreifachen „And it's all right now“. Das mag man nur hoffen. Und dass Nick Cave so schnell nicht wieder Ähnliches zu verarbeiten hat - auch wenn es ein weiteres so hinreißendes Album zur Folge hätte.

tsch

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