Dienstag Konzert in Bremen

Sportfreunde Stiller im Interview: „Was Musik bewirken kann, ist der Wahnsinn“

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Die Sportfreunde Stiller kommen am 22. November ins Pier 2 nach Bremen. Wie verlosen 2x2 Tickets.

Wenn die Sportfreunde Stiller am Dienstag, 22. November, im Pier 2 in Bremen vors Publikum treten, ist es bereits 20 Jahre her, dass Peter Brugger (43), Florian Weber (42) und Rüdiger Linhof (43) begannen, zusammen Musik zu machen. Pünktlich zum Bandjubiläum veröffentlichen die Münchner nun ihr siebtes Album „Sturm & Stille“ - eine Platte „gegen Pessimismus, das Zweifeln und Engstirnigkeit“, wie sie es selbst ausdrücken. Im Interview verraten Sänger Peter Brugger und Bassist Rüdiger Linhof, wie sie sich in den heutigen Zeiten ihren Optimismus bewahren und was sie tun, wenn die Luft mal raus ist.

nordbuzz: Mit „Auf Jubel gebaut“, dem letzten Song Eures neuen Albums, bedankt Ihr Euch bei all Euren Fans. Wofür seid Ihr nach 20 Jahren Sportfreunde Stiller am meisten dankbar?

Rüdiger Linhof: Für die ständige Inspiration und den Antrieb, weiter zu suchen. Und für dieses freie Leben bin ich total dankbar. Für das Gefühl, immer noch eine Form der Jugend in sich zu tragen - denn ohne die könnte man dieses Leben nicht mit so einer Freude spüren. Ich habe keine Ahnung, ob man das Leben überhaupt tiefer spüren kann als in unserem Beruf. Natürlich gibt es viele schöne Jobs, aber der hier passt für mich einfach perfekt.

nordbuzz: Hättet Ihr vor 20 Jahren gedacht, dass Ihr so lange durchhalten würdet?

Peter Brugger: Darüber habe ich mir nie richtig Gedanken gemacht. Wenn man Anfang 20 ist, denkt man sowieso, dass man 20 Jahre später alles vergessen kann (lacht). Und jetzt sind wir plötzlich selbst so alt. Wenn man bedenkt, dass viele Leute auf unseren Konzerten halb so alt sind oder unsere Kinder sein könnten, ist das schon krass. Das Schöne ist, dass mit all diesen Jahren natürlich jede Menge Erfahrungen einhergehen. Viele krasse und tolle Momente, berauschende Momente, aber auch schwierige Momente - gerade, was die Verknüpfung von Freundschaft und Geschäft anbelangt. Das bedarf einer ewigen Auseinandersetzung und Entwicklung. Dafür bin ich dankbar. Wir müssen uns immer weiterentwickeln, denn sobald wir stagnieren oder starr werden, zerrt es an allen Ecken und Enden.

„Ich kann betroffen sein und trotzdem an das Gute im Menschen glauben“

nordbuzz: Was macht Ihr, wenn Ihr merkt, dass die Luft raus ist?

Linhof: Rausgehen! Ich fange an zu laufen und mache mich fit. Nicht im Sinne von athletisch, sondern einfach, dass ich mich gut fühle in meinem Körper. Denn meistens hängt das beides zusammen. Und dann muss man sich auf die Suche begeben. Rausgehen, wegfahren. Andere Dinge lesen, die Nachrichten mal abschalten, in die Berge fahren, schwimmen gehen, Leute treffen. Und versuchen, das, was man mit sich herumschleppt, hinter sich zu lassen, um einen neuen Standpunkt zu bekommen.

nordbuzz: „Ich will neue Wege wagen“ heißt es passenderweise in „Raus in den Rausch“, der ersten Single des Albums.

Brugger: Wir probieren es zumindest. Natürlich haben wir als Band unsere Themen, aber wir versuchen schon, uns nicht zu wiederholen und die Dinge jedes Mal anders zu betrachten, aus neuen Blickwinkeln. Sie anders zu beschreiben - unseren Erfahrungen und unserem Alter entsprechend. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Aber ich freue mich über Stücke wie „Disco 4000“, zu dem man echt tanzen kann. „Sturm & Stille“ hat den typischen Sportfreunde-Stiller-Sound, aber mit ein paar Ausbrechern.

nordbuzz: Ihr bezeichnet „Sturm & Stille“ als Album gegen Pessimismus, das Zweifeln und Engstirnigkeit. Fällt es nicht schwer, optimistisch zu bleiben, wenn man darüber nachdenkt, was in der Welt so los ist?

Linhof: Finde ich nicht, weil das eine neben dem anderen existieren kann. Ich kann betroffen sein und trotzdem an das Gute im Menschen glauben. Daran, dass die Dinge sich wieder sortieren werden. Es leben 82 Millionen Menschen in Deutschland, von denen ein paar verwirrt sind und auf einen Zug aufspringen, der durch die Medien noch verstärkt wird. Aber gerade jetzt ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es auch wahnsinnig viele gute Leute gibt. Ohne Optimismus kommen keine Ideen, dann stirbt die Hoffnung. Wenn die Hoffnung stirbt, quillt die Angst hoch, und wo die Angst hochquillt, kommen die Radikalen, und die machen eh alles kaputt.

Brugger: Ich stimme Rüde da total zu - aber mir wird schon anders, wenn ich über die ganzen Zusammenhänge auf dieser Welt nachdenke. Diese Weltungerechtigkeit zieht mich manchmal runter. Wir müssen endlich mal anfangen zu checken, dass wir in der westlichen Welt mit dem Leben, das wir führen, Scheiße in anderen Teilen der Welt verursachen. Um das zu ändern, müsste ein riesiges Zahnrad umgelegt werden, und da habe ich meine Zweifel ... Gleichzeitig weiß ich, was man im kleinen Rahmen für tolle Sachen bewirken kann.

„Unsere Gesellschaft hat auch schon vieles geschafft“

nordbuzz: In „Zwischen den Welten“ geht es um genau diesen Zwiespalt, oder?

Brugger: Genau, um das Schwanken zwischen Positivität und Zweifel.

Linhof: Natürlich ist diese Ungleichheit fies. Man sieht im Sudan hunderttausende Flüchtlinge, und die Oligarchen schippern mit ihren riesigen Schiffen vorbei. Aber es entwickeln sich auch Dinge zum Positiven. Das Ozonloch über der Antarktis hat sich geschlossen. Als das Ozonloch aufkam, dachten alle, wir sterben übermorgen an Hautkrebs. Oder das Waldsterben - wo ist das Waldsterben? Man schaut immer auf die Probleme und Aufgaben, die vor einem liegen, aber unsere Gesellschaft hat auch schon vieles geschafft. Es gab Wackersdorf, riesige Straßenschlachten. Es gab die Hafenstraße, die Castortransport, die Startbahn West - hat man alles gelöst.

nordbuzz: Die negativen Schlagzeilen klingen halt lauter nach.

Linhof: Unser Fokus liegt mittlerweile so sehr auf dem Negativen, dass es uns total verkrampft und überfordert. Das nimmt uns die Handlungskraft. Deswegen ist es umso wichtiger, auch mal auf das Positive zu blicken.

Brugger: Ich lese gerade das Buch „Gott bewahre“ von John Niven. Darin wird Jesus wieder auf die Welt geschickt - also Gott muss ihn noch mal schicken, weil so viel schiefläuft. Niven schreibt darin auch, dass es eigentlich nur ein Gebot gab: „Seid lieb zueinander“. Es darauf herunterzubrechen, ist eigentlich super - auf eine sehr ironische und naive Art.

nordbuzz: Ihr selbst habt in München letztes Jahr das kostenlose Konzert „WIR. Stimmen für geflüchtete Menschen“ organisiert, bei dem unter anderem Herbert Grönemeyer und Bosse auftraten. Warum?

Brugger: Es war einfach beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen sich in München für die ankommenden Flüchtlinge engagierten. Wie viel Kraft und Zeit investiert wurde, damit es irgendwie hinhaut. Diesen Menschen wollten wir Danke sagen. Und gleichzeitig war das Konzert auch für die Flüchtlinge. Wir wollten damit zeigen, dass es uns ein Anliegen ist, dass man ins Gespräch kommt, sich kennenlernt und versucht, gemeinsam in diesem Land zu leben, das so viel zu geben hat.

Linhof: Wenn es eine Stadt wie München schafft, pro Tag 10.000 bis 12.000 Menschen zu versorgen, dann schafft man es auch als Land, sich so einer Aufgabe zu stellen. Sich dieser Angst zu stellen.

„Ich glaube daran, dass es Sinn hat, an das Gute zu glauben“

nordbuzz: Vielleicht solltet Ihr in die Politik gehen?

Brugger: Ich nicht, Rüde vielleicht schon.

Linhof: Mir ist das einfach ein Anliegen, weil ich mich als Mensch so krass betroffen fühle durch das, was ich sehe. Vielleicht kommt es auch, weil ich inzwischen Vater bin - dass man anders fühlt in dem Ganzen.

nordbuzz: Ein anderes Thema, das auf „Sturm & Stille“ mehrmals auftaucht, ist der Tod - zum Beispiel in „Keith und Lemmy“. Weil nach 20 Jahren im Geschäft auch die eigene Sterblichkeit mehr ins Blickfeld rutscht?

Linhof: Die ersten großen Begegnungen mit dem Sterben hatte ich tatsächlich durch die Band. Als sich jemand, der Fan und schwer krank war, von uns persönlich verabschieden wollte. Dadurch ist es zu einem offenen Austausch über das Leben und das Sterben gekommen. Es ist wichtig, sich irgendwann bewusst zu machen, dass das Leben endlich ist. Das hat nichts mit einer Angst zu tun, sondern es gehört halt dazu. Gerade Helden wie Lemmy oder Keith scheinen ja immer unsterblich. Aber der Tod wartet auf jeden - deshalb sollte man das Leben genießen.

nordbuzz: Ob es ein Leben nach dem Tod oder gar einen Gott gibt, darum geht es in „Viel zu schön“. Woran glaubt Ihr?

Brugger: Ich glaube an viel. An die Menschen und die Kraft der Verbindung zwischen ihnen. Ich glaube auch an die Kraft von einzelnen Menschen. Und ich glaube an die Musik, denn was sie bewirken kann, ist der Wahnsinn.

Linhof: Ich glaube daran, dass es Sinn hat, an das Gute zu glauben. Ich glaube an die Kraft der Gedanken, also dass man Dinge wahrscheinlicher macht, indem man an sie glaubt. Und daran, dass es Sinn ergibt, sich seinem Gegenüber zu widmen. Sich zuzuhören, seine Meinung zu äußern und selbst Gehör einzufordern.

tsch

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