Honne: Warm On A Cold Night

Der Soul der Schmalbrüstigen

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Zitieren alte Soulpop-Meister: die jungen Engländer von Honne.

Honne machen intime Soulmusic, die man sich von einem amerikanischen Nachtradio wünschen würde. Dahinter stecken jedoch zwei bleiche Engländer.

Sigmund Freud fand heraus, dass unser „Ich“ mit den Antagonisten „Es“ und „Über-Ich“ reichlich zu tun hat. In Japan bezeichnet man mit „Honne“ die wahren Gefühle eines Menschen, die sich traditionsgemäß hinter dem gesellschaftlichen Kodex „Tatemae“ verstecken müssen. Honne ist nun auch der Name eines englischen Blue-Eyed-Soul-Duos, dessen geschmackvolle, intim arrangierte Lieder nicht ganz überraschend von sämtlichen Facetten der Liebe handeln. Kleiner Witz: Das hauseigene, frühere Label des vollbärtigen Sängers Andy Clutterbuck und seines Multi-Instrumentalisten und Co-Songwriters James Hatcher hört auf den Namen Tatemae Recordings. Wie die schmalbrüstigen Engländer auf ihrem Debütalbum „Warm On A Cold Night“ nun wahres Gefühl und Pop-Geschäft vereinbaren, ist in der Tat aller Ehren wert.

Die Geschichte des Blue-Eyed-Soul ist voller grandioser Musik: Dusty Springfield, Hall & Oates, vielleicht auch frühe Platten von Phil Collins und Simply Red. Auch wenn die Grenzen zwischen schwarzer und weißer Musik längst ebenso fielen wie stilistische Pop-Schubladen zerbarsten: Der Begriff muss für dieses männlich-melancholische Duo mal wieder ausgepackt werden. Spiegelt sich in der Schmachtstimme Clutterbucks und seines Tasten drückenden Hintermanns Hatcher doch der alte Wunsch der Weißen, tief zum Innersten des Blues vorzudringen. Dass die Sounds von Honne dabei gern mal klingen, als wären sie Ende der 70-er, Anfang der 80-er aufs Mehrspurband gespielt worden, befeuert das früh-elektronische Retro-Feeling dieser Gefühlsmusik zusätzlich.

Clutterbuck und Hatcher, der ein bisschen so aussieht, als hätte er auch bei Depeche Mode Anfang der 80-er mitwirken können, bauen Tracks, die mit alten Mitteln des Soul-Pop tief im Ohrwurmgewebe nisten. Der grandiose Titeltrack „Warm On A Cold Night“ erinnert mit reduziert scheppernden Beats, den einfachen Synthie-Orgeln und einer intimen Hook-Melodie an Womack & Womacks Hit „Teardrops“ von 1988. Schön, dass diese Ästhetik im Pop mal wieder aufgegriffen wird. Auch andere Stücke der juvenilen Briten funktionieren nach solchen Retro-Schemata.

Wobei die schönen, im Netz auffindbaren akustischen Live-Videos des Duos zeigen: Gerade mit Klavier und Stimme fangen viele Songs auf „Warm On A Cold Night“ richtig zu funkeln an, sicher ein Beweis für gutes Songwriting. Das zerbrechliche „All In The Value“, das jazzig verklimperte „On At A Time Please“, aber auch schnellere, mit leichteren Gefühlen spielende Stücke wie das starke „Coastal Love“ oder „Someone That Loves You“ mit Gastsängerin Izzy Bizu überzeugen. Nicht alles ist genial auf diesem Debüt, einige Tricks alter Soulpop-Meister werden doch arg ungebrochen zitiert, doch der Kern des Ganzen stimmt: Viel Gefühl und Pop-Cleverness treffen auf einen Stil, der einfach mal wieder dran war.

Honne auf Tournee:

09.07.2016, Appletree Garden Festival, Bürgerpark

29.09.2016, Way Back When Festival, FZW

tsch

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