Jake Bugg im Interview

„Ich kann sehr kindisch sein"

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Am 17. Juni erscheint mit „On My One“ das dritte Album von Jake Bugg.

Der nächste Bob Dylan wurde schon oft ausgerufen. Lauter als bei Jake Bugg waren die Rufe allerdings selten. Wie das vermeintliche Vorbild scheint der Brite nun auch vor allem nach der eigenen Pfeife tanzen zu wollen.

Im zarten Alter von 17 Jahren unterzeichnete er seinen Plattenvertrag, ein Jahr später toppte er mit seinem Debütalbum die Spitze der UK-Charts - als jüngster britischer Sänger aller Zeiten. Die Rede ist von Jake Bugg. Der junge Mann aus Nottingham legte 2012 einen beeindruckenden Karrierestart hin. Heute bezeichnet er jene Zeit als seine „musikalische Ausbildung“. Mit seinem dritten, sehr facettenreichen Album „On My One“ geht er nicht nur musikalisch neue Wege. „Ich habe mir vorgenommen, nur noch Sachen zu machen, die mir Spaß bereiten“, sagt der 22-Jährige - und bestellt sich erst mal ein Bier, als er es sich in der holzverkleideten Baumhaus Bar in Berlin zum Interview gemütlich macht.

nordbuzz: Prost! Ich hoffe, es schmeckt.

Jake Bugg: Danke. Hier in Deutschland habt Ihr wenigstens gutes Bier! Viel besser als in England. Wir haben ganz guten Cider, aber mir fällt kein einziges gutes Bier aus England ein.

nordbuzz: Sie sagten eingangs, dass Sie nur noch machen wollen, was Ihnen Spaß bereitet. Das impliziert ja, Sie hätten in den letzten Jahren zum Teil keinen Spaß gehabt ...

Bugg: Wenn ich mal wieder einen langen Interviewtag hatte oder ein Musikvideo gedreht habe, das ich nicht machen wollte, fragte ich mich schon manchmal, was ich da eigentlich tue. Ich komme gerade von einem Promo-Trip durch Amerika zurück. Normalerweise reise ich alleine, aber dieses Mal nahm ich meinen Bassisten mit. Es war toll, einen Freund dabei zu haben. Es ergibt doch alles keinen Sinn, wenn es keinen Spaß macht.

nordbuzz: Sie waren gerade mal 18 Jahre alt, als Ihr Debütalbum erschien. Wissen Sie heute, mit 22 Jahren, besser, was Sie wollen?

Bugg: Absolut. Anfangs sagst du zu allem ja, weil du gar nicht weißt, was mit dir passiert. Mittlerweile habe ich gelernt, dass es auch okay ist, mal nein zu sagen. Ich will Spaß daran haben, was ich tue, denn deshalb habe ich mit der Musik doch angefangen.

nordbuzz: Ihr neues Album „On My One“ haben Sie komplett in Eigenregie aufgenommen. Warum?

Bugg: Ich musste das tun, für mich. Ich habe mich in der Vergangenheit dazu geäußert, was ich davon halte, wenn Leute nicht ihre eigenen Songs schreiben. Ich wurde dann schnell dafür kritisiert, dass ich bei meinen ersten beiden Alben zum Teil selbst mit anderen Komponisten arbeitete. Mir ging es nicht darum, den Kritikern etwas zu beweisen, sondern mir selbst. Wenn ich es jetzt nicht gemacht hätte, wann dann?

nordbuzz: Macht Einsamkeit kreativ?

Bugg: Manchmal. Musik war für mich immer eine einsame Angelegenheit. Schon als ich mit 14 oder 15 angefangen habe, Songs zu schreiben. Wenn ich einen schlechten Tag habe, nehme ich meine Gitarre. Das klingt wie ein Klischee, aber ich tauche dann in meine eigene Welt ab. Es ist meine Zeit für mich. Wenn ich alleine bin, entstehen persönlichere Songs.

nordbuzz: Können Sie generell gut alleine sein?

Bugg: Ich brauche auf jeden Fall viel Zeit für mich - das war schon immer so.

nordbuzz: Das Thema Einsamkeit taucht in den Songs Ihres neuen Albums immer wieder auf.

Bugg: Das Album spiegelt sicherlich auch wider, was ich die letzten Jahre gemacht habe. Ich war eben viel alleine - auf Tour. Aber es geht nicht nur um mich. Es geht um unterschiedliche Formen der Einsamkeit. Menschen, die wie ich einfach gerne mal alleine sind. Andere, die immer glücklich wirken, aber in Wirklichkeit depressiv sind, wenn sie nach Hause kommen. Oder auch Leute, die einfach sehr scheu sind. Einsamkeit ist einfach ein Thema, das ich um mich herum viel beobachtet habe. Es reicht ja schon, wenn man die Nachrichten anmacht und sieht, wie die Welt immer schlimmer wird. Ich habe das Gefühl, die Menschen werden mit jedem Tag reservierter.

nordbuzz: Dabei ist die Welt doch heute so vernetzt. Auf Facebook haben wir alle hunderte Freunde ...

Bugg: Ich bin froh, dass Sie das ansprechen. Denn auch daher kommt meine Frustration. Vor allem in Amerika ist immer alles toll, keiner traut sich etwas Schlechtes zu sagen; selbst wenn alle das gleiche denken, wird immer dieser falsche Enthusiasmus bewahrt. Ich wünschte, die Leute wären manchmal etwas ehrlicher, statt immer ein Lächeln aufzusetzen.

nordbuzz: Warum sind sie nicht ehrlich?

Bugg: Weil sie sich mit der Wahrheit nicht auseinandersetzen wollen. Ich merke das ja selber: Andere Künstler sind immer am Grinsen und machen alles mit. Und dann komme ich und sage: nein! Dummerweise muss man dieses PR- und Promi-Spiel mitspielen, wenn man eine Karriere haben will. Am liebsten würde ich bloß Musik machen und mein Gesicht gar nicht zeigen. So will Bill Withers: Jeder kennt seine Musik, aber kaum jemand seinen Namen, geschweige denn sein Gesicht.

nordbuzz: Fühlen Sie sich im Scheinwerferlicht unwohl?

Bugg: Ich würde mich wohl fühlen, wenn es nicht so aufgesetzt wäre. Leider trifft man in dieser Branche nur selten jemanden, der ehrlich ist.

nordbuzz: Es ist ja dämlich, immer auf Ihrem Alter herumzureiten, aber das klingt alles so reif was Sie sagen.

Bugg: Wenn Sie das finden ...

nordbuzz: Fühlen Sie sich reif?

Bugg: Nein, ich glaube eher, die anderen sind alle kindisch (lacht). Ich kann allerdings auch sehr kindisch sein.

nordbuzz: Das äußert sich dann wie?

Bugg: Wenn ich keine Musik mache, gehe ich am liebsten in ein Pub, gucke Fußball und trinke ein paar Bier mit meinen Freunden. Fans, die mich privat treffen, sind oft überrascht, dass ich die ganze Zeit Witze mache. Ich sage nicht, dass sie witzig sind, aber ich bin eher ein Clown. Meine Musik nehme ich sehr ernst, aber mich als Person nicht.

nordbuzz: Musikalisch ist „On My One“ sehr abwechslungsreich. Es reicht von HipHop-Einflüssen bis zu 70er-Jahre-Grooves. Wie kommt's?

Bugg: Ich will die Leute nicht verschrecken, auch wenn die erste Single „Gimme The Love“ das wahrscheinlich getan hat (lacht). Ich wollte einfach etwas Neues machen. Genres sind mir egal. Es gibt nur gute oder schlechte Songs. „Bitter Salt“ zum Beispiel habe ich ursprünglich als Folk-Song geschrieben, am Ende wurde ein tanzbarer Dance-Song daraus. Aber es ist immer noch der gleiche Song. Es geht um die Melodie, den Text.

nordbuzz: „I'm just a poor boy from Nottingham, I had my dreams but in this world they're gone“, heißt es im Titelstück des Albums. Welche Träume meinen Sie?

Bugg: Meine Träume sind alle wahr geworden - deshalb scheinen viele Leute zu denken, dass ich mich mit dem Song selbst bemitleide. Das stimmt aber nicht. Ich stelle mir vielmehr vor, was wohl sein würde, wenn das alles nicht passiert oder meine Karriere plötzlich zu Ende wäre.

nordbuzz: Haben Sie Angst, dass das passieren könnte?

Bugg: Klar. Ich spiele diesen Sommer Festivals und bin auf der Liste der Bands weiter unten als beim letzten Mal. Das ist schon etwas entmutigend. Andererseits: Je mehr Angst man hat, umso wahrscheinlicher ist es, weil man zu viel Zeit damit verbringt, sich Sorgen zu machen. Aber ich bin ambitioniert. Ich versuche einfach, mich wieder nach oben zu arbeiten!

tsch

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