Annett Louisan: Berlin, Kapstadt, Prag

Schneller Wurf, gut getroffen

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Gut gecovert: Annett Louisan interpretiert auf ihrem neuen Album zehn bekannte deutschsprachige Songs anderer Künstler.

Annett Louisan entdeckte bei "Sing meinen Song" den Spaß am Covern. Nun schickt sie ein schnell aufgenommenes Album mit zehn bekannten Liedern aus der Feder anderer deutschsprachiger Interpreten ins Rennen. Das Ergebnis ist nicht durchgängig "wichtig", doch einige Lieder erweisen sich als durchaus beachtlich.

Dass Annett Louisan aus fremdem Songmaterial interessante neue Facetten herauszaubern kann, darf man derzeit in der TV-Show "Sing meinen Song" bewundern. Nun hat die deutsche Pop-Chanteuse ein ganzes Album mit Coverversionen aufgenommen. Zehn Songs deutscher Zunge, die meisten davon ziemlich bekannt. Lieder von Rammstein, Marteria, Krafwerk, Ich+Ich, Tokio Hotel, Philipp Poisel, Udo Jürgens, Münchener Freiheit, Wanda und David Bowie ("Helden"). Das Konzept dieses "Zwischenalbums", das sicher auch den Aufmerksamkeitsschub der famosen dritten "Sing meinen Song"-Staffel ausnutzen soll: Die Coverversionen kommen tendenziell schlicht daher, und an jedem Lied wurde nur ein Tag lang gearbeitet. Der berühmte schnelle Wurf also. Dennoch lässt sich das Ergebnis gut hören.

Annett Louisan zählt zu jenen Künstlern, die an der VOX-Show "Sing meinen Song" eindeutig gewachsen sind. Auch jene Zuschauer, die nicht zu den Fans der blonden Chanteuse zählen, sahen, dass die 39-Jährige in Sachen Interpretation von fremdem Material eine Menge Ambition und Qualität auf die südafrikanische Bühne zaubert. Auf jene Erfahrungen vom anderen Ende der Welt spielt auch der Albumtitel an. Berlin steht für Alltag, Kapstadt für das Aha-Erlebnis, und in Prag nahm Annett Louisan diese Songs nun auf. Einige von ihnen wurden mit Bossa Nova oder anderen unter "Easy Listening" geführten Rhythmen gefüttert, was eine gewisse Leichtigkeit vermittelt. Im Widerspruch zu jenen Arrangements ist Lousians Stimme allerdings sehr melancholisch. Ein Gegensatz, der schon immer den Reiz der Sängerin ausmachte.

Es gibt Lieder, die auf diese Weise ganz bezaubernd und anders zu glänzen beginnen: "Engel" von Rammstein wird zu einem gehauchten Traum mit dunkelschweren Inhalten. Ob man hingegen "Solange man Träume noch leben kann" (Münchener Freiheit), "Das Modell" von Kraftwerk oder "Bologna" von Wanda in diesem Gewand braucht, sei mal dahingestellt. Die Versionen der drei genannten Stücke sind "nett", fügen ihnen jedoch wenig hinzu - und ohne die enorme Rock-Dringlichkeit Wandas geht bei "Bologna" schon einiges verloren. Gelungen hingegen: "OMG!" von Marteria. Einfach ein starker Text, der dem Rap-fremden Publikum hier in schwermütigem Gesang dargebracht wird. Schön geworden ist auch Philipp Poisels "Wie soll ein Mensch das ertragen", das ebenso balladesk-hymnisch produziert wurde wie das Original. Poisel und Louisan sind von ihrem künstlerischen Ansatz ohnehin artverwandt, das Cover kommt daher ohne Überraschungen aus.

"Stark" von Ich+Ich gehört zu den faszinierendsten Stücken dieses Albums, weil Louisan hier ein melancholisches Rock-Outfit wählte, das sich gegen Ende der sechs Minuten und 19 Sekunden in einen wahren Taumel melancholischer Westcoast-E-Gitarrren und Refrain-Stimmen schaukelt, als stünde Louisan gemeinsam mit Jackson Browne oder Crosby, Stills & Nash auf der Bühne. Ebenfalls gut: "Durch den Monsun" von Tokio Hotel, über das die Interpretin sagt: "Eine großartige Melodie mit einem beinahe kindlichen Text, gesungen von einem Jungen. In diese Welt musste ich mich erst mal einfühlen, obwohl ein Teil meiner musikalischen Anlage ja auch mädchenhaft ist." Tatsächlich gewinnt die Dramaturgie dieses Lieds durch Annett Louisans Stimme noch mal enorm an Qualität.

Den Abschluss des Albums bilden Udo Jürgens' "Merci Chérie" und David Bowies "Helden". Zwei Künstler, die Louisan verehrt und die sicher auch wegen ihres kürzlichen Ablebens am Ende stehen. Beides Balladen, die ebenso balladesk interpretiert wurden und dem Original - ehrlicherweise - nicht ganz so viel beifügen. Allerdings ist dies gerade bei solch bekannten und auch ein bisschen "totgehörten" Songs sicher Geschmackssache. Insgesamt ist der schnelle Album-Wurf Annett Louisans beachtlich. "Berlin, Kapstadt, Prag" beinhaltet zumindest fünf, sechs Stücke, die sich auch noch in zehn Jahren auf einer Annett-Louisan-Playlist gut machen werden.

Annett Louisan auf Tournee:

28.02.2017, Köln, Philharmonie

01.03.2017, Stuttgart, Liederhalle

02.03.2017, Karlsruhe, Stadthalle

04.03.2017, Ulm, Congress Centrum

05.03.2017, Frankfurt, Jahrhunderthalle

06.03.2017, Düsseldorf, Tonhalle

08.03.2017, Wuppertal, historische Stadthalle

09.03.2017, Hannover, Theater am Aegi

12.03.2017, Saarbrücken, Congresshalle

14.03.2017, Ravensburg, Oberschwabenhalle

16.03.2017, Bochum, Jahrhunderthalle

18.03.2017, Bremen, Congress Centrum

19.03.2017, Leipzig, Haus Auensee

20.03.2017, Rostock, Stadthalle

22.03.2017, Flensburg, Deutsches Haus

23.03.2017, Berlin, Tempodrom

24.03.2017, Halle, Steintor Varieté

28.03.2017, Nürnberg, Meistersingerhalle

29.03.2017, Erfurt, Alte Oper

01.04.2017, Dresden, Alter Schlachthof

05.04.2017, Mannheim, Rosengarten

07.04.2017, Hamburg, Mehr Theater

05.07.2017, München, TOLLWOOD Festival

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