„Risiko statt Nörgelei“

Pixies-Mastermind Frank Black im Interview

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Die Pixies melden sich mit „Head Carrier“, ihrem ersten „richtigen“ Album seit 1991, zurück.

Pixies-Mastermind Frank Black über den Klang der neuen Platte, nervige Internet-Nörgler und echte Kunst.

„Kurz davor“ könnte gut als Wahlspruch der Pixies durchgehen. Kurz vor der kommerziellen Hochphase des Grunge löste Mastermind Black Francis die Band, die seit den 80-ern von Kurt Cobain bewundert wurde, 1993 in Eigenregie auf. Und kurz vor dem großen Album-Comeback der Indie-Ikonen, die 1999 mit „Where Is My Mind“ verspätet einen Superhit landeten, sprang Bassistin und Frontfrau Kim Deal 2013 nach Dauerkonflikten ab. Die Pixies schienen sich endgültig in den verdienten Ruhestand zu verabschieden. Wäre da nicht der eigensinnige Frank Black, der mit Paz Lenchantin einen angemessenen Deal-Ersatz fand. In neuer Besetzung veröffentlicht die wohl einflussreichste Indie-Band der 90-er mit „Head Carrier“ nun ihr erstes echtes Album seit 1991. Warum die Pixies trotzdem frischer klingen als vor einem Vierteljahrhundert, was wahre Künstler ausmacht und warum er Internet-Nörgelei nicht ernst nehmen kann, erklärt der genialische Exzentriker Frank Black im Gespräch.

nordbuzz: Sähen Sie es als Lob oder Beleidigung, wenn man sagte, das neue Pixies-Album klingt wie den späten 80-ern entsprungen?

Frank Black: Natürlich denke ich gerne, dass unsere Musik in gewissem Sinne zeitlos ist. Andererseits nahmen wir auch nie ein Album auf, das klang, als stamme es aus dem Jahr 1965. Bis zu einem gewissen Grad sind wir eben eine Band aus den 80er-Jahren. Bestimmte Ästhetiken und Sounds der Pixies bleiben in dieser Ära verhaftet.

nordbuzz: Während „Indie Cindy“ weicher klang, scheinen Sie mit „Head Carrier“ wieder den kantigeren Klang jener Jahre zu bedienen ...

Black: Die geringere Dichte der Platte erinnert auch mich eher an „Doolittle“. Das besaß weniger symbolischen Raum und klang schmuddeliger als etwa das vollgepackte, groß produzierte „Bossanova“. In diesem Sinne ist das Raumgefühl des neuen Albums jenem von „Doolittle“ ähnlicher.

nordbuzz: Woran denken Sie, wenn Sie von jenem „Raum“ sprechen?

Black: In erster Linie, dass es weniger Überlagerungen gibt, dass es weniger bombastisch produziert klingt. Es besitzt eine bestimmte Art von Simplizität. Auch in Sachen Produktion und Vorbereitung ähnelte der Prozess jenem von damals.

„Man arbeitet schneller, um schneller Erfolg zu sehen“

nordbuzz: Dennoch waren Sie für kein anderes Album zuvor länger im Studio. Früher hieß es, die Pixies nähmen ihre Platten „fast and dirty“ auf ...

Black: Das ist etwas verallgemeinert - es kommt ganz auf den Blickwinkel an: Generell hat man am Anfang einfach weniger Geld und Zeit für die Aufnahmen, man arbeitet schneller, um schneller Erfolge zu sehen. Erst dann kann man mehr Geld, mehr Zeit, mehr Luxus investieren. Das ist der typische Weg.

nordbuzz: Viele wünschen sich diese alten Pixies zurück - andere kritisierten Sie als reine Nostalgie-Band. Nehmen Sie diese unterschiedlichen Erwartungen der Fans überhaupt wahr?

Black: Klar, in Zeiten des Internets haben eine Menge Leute jede Menge Meinungen über jede Menge Dinge. Viele beschweren sich nur noch. Die Online-Kultur hat den Nörgler in den Menschen hervorgeholt.

nordbuzz: Sie meinen die berüchtigten Kommentare auf den Social-Media-Seiten?

Black: Ja - nur ein Beispiel: Wenn ich heute Abend hier in Kreuzberg Thai-Küche essen will, gehe ich ins Internet und schaue mir die Bewertungen der Thai-Restaurants an. Selbst ich habe genug Online-Erfahrung, dass ich das Problem kenne: Alle Kommentare zu lesen ist anstrengend. Denn die Hälfte der Leute, die sich überhaupt für so etwas Zeit nehmen, sind ein Haufen bekloppter, wehleidiger Jammerer, die gerne negativ sind. Und sich über verdammt nochmal alles beschweren. Man kann definitiv sicher sein, dass man unter den Bewertungen von Bangkok-Thai-Küchen jemanden gibt, der schreibt: „Blablabla, das und das ist schlecht“.

nordbuzz: In Sachen Musik ist das auch so?

Black: Ja, es ähnelt sich alles an. Wenn ein Schreiber etwas in diesem Ton verfasst, klingt es wie eine negative Thai-Küchen-Bewertung. Wie alle Störgeräusche. Egal ob in Zeitungen, Magazinen oder im Internet. Und dann beginnt man, das zu ignorieren: Man hört es nicht, man sieht es nicht, es langweilt einen. Dadurch wird man schnell zu einem Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne: „Oh, mehr von dem Kram, mehr Informationen, die ich nicht brauche!“

nordbuzz: Ging Ihnen das auch so, als so mancher Kritiker Ihr letztes Album „Indie Cindy“ als mittelmäßige Compilation abwertete?

Black: Sie meinen, weil wir es zunächst getrennt in Form von drei EPs herausbrachten? Die gingen uns auf den Zeiger! Das war ja absichtlich so geplant. Da muss man sich doch nur die Credits anschauen: Das wurde alles zur selben Zeit im selben Studio mit demselben Tonmann und Produzenten aufgenommen. Das nennt man eine traditionelle Aufnahme-Session. Das Auftrennen in EPs war nur ein Marketing-Gag.

„Der Social-Media-Umgangston macht es schwer mit Kritik umzugehen.“

nordbuzz: Ärgert Sie das, wenn Leute im Netz über Ihre Band klagen?

Black: Vor allem der Ton nervt. Selbst bei jüngeren Journalisten beispielsweise bemerkt man den Nörgel-Stil aus Blogs und Social Media. Diesen Beschwerde-Ton aus den YouTube-Kommentaren. Das ist dieses: „Wähwähwähwäh. Blöd! Das mag ich nicht, die sind doof! Wähwäh!“ Dieser Umgangston macht es mir persönlich sehr schwer, mit Kritiken umzugehen. Für mich stehen die Ansichten zur Band dann auf derselben Ebene wie alle übrigen Internet-Kommentare.

nordbuzz: Wenn Musikjournalisten so über die Pixies schreiben, lässt Sie das also kalt?

Black: Sicher haben Journalisten genauso damit zu kämpfen, dass ihre Stimme gehört wird wie jeder andere auch. Ich meine: Jeder ist heute ein Schreiberling. Jeder kann es sein: „Ich habe etwas geschrieben und es ins Internet gestellt - ich bin ein Schriftsteller!“ So funktioniert es doch. Keine Ahnung, ob es einen Test für Schreiber gibt, ich kenne nur den für Musiker.

nordbuzz: Wie lautet denn der Test für Musiker?

Black: Nur weil du es hinbekommen hast, ein wenig Musik aufzunehmen, macht dich das noch lange nicht zu einem echten Musiker. Mit wenigen Ausnahmen gilt: Wenn du nicht rausgehst und dich nicht vor Leute auf eine Bühne stellst, befindest du dich nicht in der Realität des Musikerdaseins. Denn alles was du sonst tust, ist etwas zum digitalen Archiv hinzuzufügen.

nordbuzz: Sie spielen auf all die Internet-Hype-Band der vergangenen Jahre an ...

Black: Genau - es fällt mir schwer, jemanden ernst zu nehmen, den ich nicht live performen sehen kann. Dabei existiert einfach kein Risiko. Es gibt kein Risiko, wenn man nicht auftritt.

„Wenn man Künstler ist, muss man riskieren, zu scheitern.“

nordbuzz: Gab es für Bands wie die Pixies Ende der 80er-Jahre ein größeres Risiko?

Black: Nein, es ist dasselbe wie heutzutage. Das Risiko menschlicher Interaktion. Wenn diese nicht existiert, gibt es einen Mangel an Aussagekraft. Wenn man Künstler ist, muss man riskieren, zu scheitern. Wenn man dazu nicht bereit ist, ist man eben kein echter Künstler.

nordbuzz: Gab es bei Ihnen und den Pixies Momente, die Sie als Scheitern begriffen?

Black: Klar, sicher, vor allem in Form von Songs. Manchmal hat man sich da zwar in etwas reingesteigert. Aber ich hatte meine Stücke, von denen ich dachte, sie seien die besten. Man hatte eine A-List, aber auch eine B-List von Songs, die man durchaus als gescheiterte Songs betrachten könnte. Auch das geht jedem so.

nordbuzz: Ein wahrer A-List-Song auf „Head Carrier“ ist sicher „All I Think About Now“ - gesungen von der neuen Frontfrau Paz Lenchantin und Kim Deal gewidmet. Stimmt es, dass dies Paz' Idee war?

Black: Das ist richtig. Allerdings schufen wir den Song für jeden Menschen - jeder kann sein eigenes Leben einfügen. Es ist das, was man ein „universelles Lied“ nennt. Es ist nicht zu spezifisch auf Kim gerichtet. Wir befanden uns aber zu dieser Zeit in einer bestimmten emotionalen Situation. Dieses Gefühl hat uns zum Song geführt, aber es war nicht so intendiert.

tsch

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