Bob Dylan

Plagiator, Provokateur, Popmusikgenie?

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Knocking On Heaven's Door: Bob Dylan feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag - und denkt noch lange nicht ans Aufhören.

"The Times They Are A-Changin'": Bob Dylan wird 75 und bleibt einer der wichtigsten, aber auch widersprüchlichsten Figuren der Popgeschichte.

Selten verliert jemand mal ein schlechtes Wort über Bob Dylan. Die Aussagen von Joni Mitchell in einem Interview 2010 sorgten da selbstredend für helle Aufregung: Bob Dylan sei "überhaupt nicht authentisch", erklärte die Folk-Legende, er sei "ein Plagiator", seine Stimme und sein Name "unecht". Neid? Nur eine Wiederholung der bekannten Kontroverse aus den 60er-Jahren, als Dylan sich die E-Gitarre umschnallte und Folk-Puristen wie Mitchell vergrätzte? Doch die Vorwürfe verblassten, an dem Titel "Berühmtester Songwriter aller Zeiten" ist nicht zu rütteln. Obwohl - oder gerade weil - die Welt seit Jahrzehnten rätselt, wer dieser Mann "in echt" eigentlich ist. Brüche und Widersprüche prägen die über 50-jährige Karriere von Bob Dylan, der am 24. Mai seinen 75. Geburtstag feiert und fast gleichzeitig mit "Fallen Angels" ein weiteres Album mit Traditional-Pop-Standards vorlegt.

Vollständig ist das Rätsel um seine Person nicht zu lösen. Natürlich existieren Fakten: Er ist in Duluth, Minnesota, als Robert Allen Zimmerman geboren, ein Kind jüdischer Eltern, benannte sich später nach Dylan Thomas um. Vier leibliche Kinder aus erster Ehe mit Sara Lownds (1965-1977), eines aus zweiter Ehe mit Carolyn Dennis (1986-1992). Dass er die Existenz seiner letzten Tochter jahrelang geheim hielt, ist bezeichnend. Er hasst es, über sich und vor allem sein Privatleben zu reden. Dylan, der Familienmensch? So viel ist klar: Viele seiner Rückzüge in der Vergangenheit, der berühmteste wohl 1966, als die "Basement Tapes" entstanden, dienten dem Schutz seiner Lieben.

Aber auch der Musiker Dylan ist kaum zu fassen. Zu viele Gesichter zeigte der Songwriter: Er kommt aus der Folk-Tradition. War Beatnik und Stadion-Rock'n'Roller. Hippie und Aussteiger. Konvertierter Christ, der mit predigenden Songs auftrat. Teil der Folkrock-Supergroup Travelling Wilburys (mit George Harrison, Roy Orbison und Tom Petty). Und ist seit 25 Jahren unterwegs, um seine Songs live stets neu zu interpretieren. Gibt es Konstanten in Dylans Leben, Schaffen und Wirken?

Vielleicht schon: "Ich bin wild und einsam", sinnierte er vor wenigen Jahren. "Aber ich verspüre Liebe für die Menschheit, eine Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit. Ich glaube, ich habe eine dualistische Natur." Ein Hinweis auf die selbst für ihn nicht aufzulösenden Widersprüche? Denn derer gibt es viele.

Die Vorstellung vom kritischen Moralisten, die ihn seit seiner frühen Karriere begleitet, ist manchmal kaum aufrechtzuerhalten. Seine Abneigung und Geringschätzung für Politik ("Politik ist Unterhaltung", "Politik schafft mehr Probleme, als sie löst") hielt ihn nicht davon ab, sich geehrt zu fühlen, als ihn George W. Bush zum "Ehren-Texaner" erklärte. Später schwärmte er für Obamas Autobiografie "Dreams Of My Father", nur um die Hoffnung auf eine "gute Präsidentschaft" abzuschwächen: "Er wird der beste Präsident sein, der er sein kann. Aber viele kommen mit den besten Absichten in dieses Amt und verlassen es als geschlagene Männer." - Heute weiß man, dass er auch hier Recht behielt.

Dylan - der weise, realistische Zyniker der Moderne also? Wieder ein leicht schiefes Bild. Er will sich nicht als Nostalgiker verstanden sehen, er lebe gerne in der Gegenwart, erklärte er einst gegenüber dem "Spiegel". Andererseits: Wenn es nach Dylan ginge, gäbe es immer noch Vinyl statt CDs und Downloads. Hätte Europa noch seine alten Währungen ("Ich vermisse die Bilder auf dem alten Geld"). Würde sich die Jugend nicht mit Handys, iPods und Videospielen vergnügen, die ihnen nur ihre Identität raubten.

Ähnlich undurchsichtig seine Haltung zu moderner Musik. So oft Dylan seine musikalischen Vorbilder und Vorlieben aus der Vergangenheit auch betont (Woody Guthrie, Robert Johnson, Hank Williams, die frühen Sun-Records-Aufnahmen von Johnny Cash und Elvis) und sich beschwert, dass die "verrückte gehetzte Welt" über "feinfühlige Musik" wie Jazz und Swing hinwegtrampeln würde: Neuer Musik verschließt er sich nicht. In seiner Radio-Show "Theme Time Radio Hour" spielte Dylan von 2006 bis 2009 neben obskuren Ausgrabungen und bekannten Klassikern auch moderne(re) Pop-Künstler wie Kraftwerk, Blur, Puff Daddy, Green Day und The White Stripes.

Es gibt wohl nur wenige zeitgenössische Musiker, die Bob Dylan nicht alle Ehre erweisen würden. Dass er eine (fast) unantastbare, lebende Legende ist, dessen ist sich Dylan sehr wohl bewusst. Dem Vernehmen nach lässt er Mitmenschen durchaus spüren, dass sie seinem Talent nicht ebenbürtig sind. Was nicht heißt, dass sich Dylan nicht auch vor anderen, von ihm geschätzten Musikern verneigt. Er sei nur die Nummer zwei aller großen Rock'n'Roll-Überlebenden, gab er dem "Rolling Stone" bescheiden zu Protokoll: Chuck Berry liege unangefochten vor ihm. "In 50 oder 100 Jahren sieht man in ihm vielleicht sogar eine religiöse Ikone", erneuerte er seine Begeisterung in einem Interview mit dem "AARP"-Magazin, einem Kundenblatt der gleichnamigen Rentner-Lobby in den USA - Dylans einziges Interview der vergangenen Jahre.

Seine Liebe zu Sinatra scheint nicht minder groß zu sein, daran lassen seine zwei neuen Alben "Shadows In The Night" (2015) und nun "Fallen Angels" keine Zweifel. Ohnehin: In seinen seltenen Interviews, in ellenlangen Reden (wie bei den Grammys 2015) oder im ersten Teil seiner noch fortzusetzenden Autobiografie "Chronicles" (2004) entpuppt und gefällt sich Dylan immer wieder als wandelndes Lexikon von Folk-, Blues-, Jazz-, Rock- und Pop-Musik. Die Einordnung und Wahrnehmung von Pionieren und wichtigen Akteuren scheint ihm überaus wichtig. Rückblicke auf die eigene Karriere verbindet er immer wieder mit anderen Namen, als sei er nur einer von vielen.

Weitere Fragen bleiben offen, Widersprüche ungeklärt, Einschätzungen unterschiedlich: Ist Dylan der rastlose Chronist, der ständig "On The Road" ist? Sind seine Zeichnungen und die Malerei ein Ausgleich dafür? Wie passen Verweigerungshaltung und Prinzipientreue zu einem Auftritt in einem Pepsi-Werbespot? Wie kann ein selbst ernannter Folk- und Rock-Außenseiter über 100 Millionen Platten verkaufen? Ist er der größte Songwriter aller Zeiten? Ein Erneuerer amerikanischer Musiktradition oder nostalgietrunkener "Plagiator"? Auch wenn vieles ungeklärt bleibt, letzterer Vorwurf sollte doch noch entkräftet werden. Die Authentizität, die Joni Mitchell einfordert, gibt es schlicht nicht. Dylan ist ein Populärmusiker. Einer, der gerade im Herbst seiner Karriere die Geschichte nicht neu, aber dennoch fortschreibt - mit wechselnden Gesichtern, in unterschiedlichster Form.

Es ist kein Beruf, sondern eine Berufung, der Dylan folgt. Mit der gebotenen Ernsthaftigkeit - aber auch einem fast schon legendären boshaften Humor. So antwortete er etwa auf die Frage, ob junge Männer, um Frauen kennenzulernen, lieber Maler oder Musiker werden sollten: "Wahrscheinlich weder noch. Wenn jemand dabei Frauen im Kopf hat, dann sollte er darüber nachdenken, Anwalt oder Arzt zu werden."

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