Tamara Danz

Als der Osten noch glamourös war

+
Umgarnte Rockröhre: Im bundesrepublikanischen Alltag mussten sich Silly nach dem Zerfall der DDR erst behaupten. Dank Tamara Danz gelang es.

Vor 20 Jahren starb die charismatische Silly-Frontfrau Tamara Danz an den Folgen einer Brustkrebserkrankung. Sie bleibt als außergewöhnliche Künstlerin in Erinnerung.

„Das Einzige, was mir noch droht, ist noch so ein Leben nach dem Tod“: Auf ihrem letzten Album „Paradies“ widmete sie sich, gerade 43 Jahre alt, offensiv pragmatisch dem Lebensende. Nur wenige Monate später, am 22. Juli 1996, starb Tamara Danz an den Folgen einer unheilbaren Brustkrebs-Erkrankung. Die Rockband Silly verlor ihre charismatische Frontfrau und die deutschsprachige Musik eine ihrer außergewöhnlichsten Sängerinnen. Rebellische Ostrockröhre und international bekannte Künstlerin; offiziell „beste Rocksängerin“ der DDR und politisch unbequeme Oppositionelle - die gebürtige Thüringerin und Wahlberlinerin vereinigte in sich die kulturellen Widersprüche des Arbeiter-und-Bauern-Staates. 20 Jahre nach ihrem Tod wirkt die „Tina Turner des Ostens“ wie eine Figur aus ferner Zeit.

„Wir können uns nicht wehren / wenn's einfach nur beginnt“: Das Ende ihres größten Hits wirkte im Rückblick wie eine Vorahnung auf die Krebserkrankung, an der sie zehn Jahre später so tragisch versterben sollte. Im Liebeslied „Bataillon d'Amour“ sang Tamara Danz 1986 so verführerisch und unanständig, dass es wie ein kosmopolitisches Gegenstück zum kleinbürgerlichen DDR-Kulturbetrieb wirken musste. Im Gegensatz zum zerstörerischen Krebs konnte sich die Silly-Sängerin gegen die angestaubte Kunstwahrnehmung der DDR-Obrigkeit jedoch immer zur Wehr setzen.

Sicher, eine radikale Widerständlerin war sie nie. Kritiker sahen in Danz auch die systemkonforme Repräsentantin, die dem DDR-Rock ein westlich-wildes Image verleihen sollte. Viermal wurde sie von Musikkritikern des Landes zur „Besten Rocksängerin des Jahres“ gewählt; und auch vor ihrer Karriere als Sängerin befand sich die Tochter eines Maschinenbau-Ingenieurs und einer Kindergärtnerin auf dem besten Weg zur treuen Bürgerin des sozialistischen Staates: russischsprachige Schule in Bulgarien, EOS und Abitur in Berlin, Dolmetscherstudium.

Doch das Studium brach sie bald ab - Tamara Danz wollte singen. „Du musst deins machen, wenn's Erfolg hat, haste Glück“, beschrieb sie später einmal ihr Lebensmotto. Glück hatte die ambitionierte Jungmusikerin erst mal nicht, sie bewarb sich erfolglos an der „Hanns Eisler“-Musikhochschule in Berlin, engagierte sich dennoch in verschiedenen Bands, darunter im Oktoberklub und ab 1973 als Berufssängerin in der Horst-Krüger-Band. Wie die Namen der Combos, so auch der wenig rebellische Weg, den man in der DDR als Profi-Musikerin einschlagen musste: Statt Sex, Drugs und Rock'n'Roll gab es für Danz eine dreijährige Ausbildung an der Musikschule Friedrichshain, an deren Ende die damals 24-Jährige einen Berufsausweis überreicht bekam.

Und dann kam die Band, mit der die junge Frau auf ewig verknüpft sein würde. Kurz nach ihrer „Zulassung als Unterhaltungskünstler“ trat Danz 1978 der Familie Silly bei, die zwei Jahre später ihren Namen auf jenes von den Behörden eigentlich nicht zugelassene Wort verkürzen sollte, mit dem sich Tamara Danz und die Jungs um Bandgründer Thomas Fritzsching in den folgenden Jahren in die Herzen und Hitparaden der DDR spielten. Erfolge feierte man im Ausland, in Norwegen, Rumänien und der Tschechoslowakei - mit „Mont Klamott“ wurde Silly schließlich auch in der BRD zum Begriff und spätestens mit „Bataillon d'Amour“ zum Erfolgs-Export.

Das lag einerseits an Texter Werner Karma, der sich mit seinen grandiosen Lyrics nicht selten hart an der Grenze zur Zensur bewegte. Vor allem aber an jener markanten Stimme, die diese Texte auf unnachahmliche Weise intonierte: Tamara Danz, die mit ihrer riesigen, aufwendigen Föhnfrisur und den eng anliegenden Lederklamotten sowohl Tina Turner als auch den angesagten Rockgrößen ihrer Zeit Konkurrenz machte, geriet flugs zur ostdeutschen 80er-Jahre-Diva. Ihrer eigenen Ansicht blieb sie treu: „Nur auf jeden dritten Rat hören, sich auf dem Weg nach oben nicht die Beine brechen und gucken, wo man hintritt.“ Eine solche Klarheit beeindruckte auch ihre Bandkollegen: Mit Ritchie Barton lebte die begehrte Danz jahrelang zusammen, später heiratete sie den 1986 zur Band gestoßenen Gitarristen und zunächst heimlichen Geliebten Uwe Hassbecker.

Von der anfänglich spaßigen zeitgenössischen NDW-Kapelle entwickelten sich Silly unter der kreativen Ägide des kongenialen Duos Danz/Karma bald zu poetischen, künstlerisch ambitionierten Botschaftern des DDR-Rock - und wirkten dabei weniger altbacken als die Größen Puhdys, City und Karat. Die Ambivalenz zwischen kreativem Freiheitsdrang und einengendem DDR-Muff verkörperte Tamara Danz wie keine Zweite. Zu Beginn der 80-er spielte sie mit Silly gar noch auf staatlichen Massenevents wie dem „Rock für den Frieden“ 1983 im Palast der Republik - eine „Staffage für ideologische Agitation“, wie sie im Nachhinein analysierte. Später verstand es die Ostrock-Ikone mit den traurig-klugen Augen, sich clever im Regime zu bewegen, möglichst ohne die eigenen Ideale zu verkaufen: „Wir haben ganz zu Anfang sehr viele Kompromisse gemacht, daraus haben wir gelernt, und seitdem machen wir keine mehr“, sagte Danz bereits 1988 in einem Dokumentarfilm: „Du kannst keine Musik machen mit Kompromissen“.

Kompromisse ging Danz natürlich, wie jeder Musiker und Künstler in der DDR, der nicht verfolgt und verboten werden wollte, dennoch ein: Texte versah man mit offensichtlich überkritischen Stellen, sodass diese definitiv von den Behörden zensiert wurden - und subtilere Anspielungen gegen das Regime verbleiben konnten. Danz geriet zu einer leuchtenden und doch mit dem Merkmal der Bodenständigkeit assoziierten Figur, die den sonst nur nach West- und US-Rock gierenden jungen DDR-Bürgern vermittelte: Auch eine von euch, eine im thüringischen Winne Geborene, kann selbst in diesem provinziellen Land glamouröse Popkultur verkörpern.

Eine Position, von der aus die Danz im Herbst 1989 eine entscheidende Pionierrolle einnahm: Sie war Initiatorin und Erstunterzeichnerin der „Resolution von Rockmusikern und Liedermachern“, die von der SED eine Aufhebung des Verbots regimekritischer Bands forderte. Auf den Silly-Konzerten verlieh Danz den Forderungen Nachdruck - plötzlich war die Rockdiva politisch brisant. Gemeinsam mit DDR-Kreativen wie Stefan Heym und Christa Wolf erstunterzeichnete Danz im November 1989 den Aufruf „Für unser Land“, in dem ein demokratischer Sozialismus angestrebt wurde. So wie viele Intellektuelle und Künstler wollte Danz eine bessere, freiere DDR. Sie saß an Runden Tischen, wurde Mitglied in Komitees - dem simplen Wunsch der Massen nach D-Mark, Konsum und deutschem Nationalgefühl konnte sie indes nichts abgewinnen.

Nach der Wende, als sich Silly neu formierten und sie gemeinsam mit Barton und Hassbecker das nun marktwirtschaftlich produzierende Danzmusik Studio gründete, sagte Danz: „Eigentlich ist alles wie früher. Damals wurden wir aus ideologischen Gründen zensiert, heute aus ökonomischen.“ Silly kämpften ums Überleben, und standen den Transformationsprozess in den bundesrepublikanischen Kulturbetrieb dank ihrer Frontfrau durch. Für die beiden Nachwende-Alben „Hurensöhne“ und „Paradies“ schrieb die damals von ihren 80er-Erfolgen zehrende Danz erstmals die Mehrzahl der Texte. „Die verkauft sich sowieso erst, wenn ich tot bin“, sagte sie einmal beiläufig über das letzte Album. Zehn Jahre nach Danz' Tod formierte sich Silly mit Frontfrau Anna Loos neu. Verbunden sein wird die Band aber auf immer mit der umtriebigen, kämpferischen, charismatischen Tamara Danz. Vielleicht ist dies ein Leben nach dem Tod, das sie mit Genugtuung betrachten würde.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren