Mutter entspannt am Klavier

Norah Jones: Day Breaks

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Seit langem komponierte Norah Jones wieder ein Album am Klavier. Somit wurde „Day Breaks“ wahrlich eine Wiederkehr zum Jazz.

Mit hervorragenden Mitmusikern wie Jazzlegende Wayne Shorter schafft Norah Jones eine künstlerisch bemerkenswerte Reise in die eigene Vergangenheit.

Nach der Geburt zweier Kinder konzentriert sich Norah Jones auch anderweitig wieder auf die Basics des Lebens: Bei ihr sind das Jazz, andere volkstümliche Musik aus den Südstaaten und vor allem das Klavier. Lange klang die mittlerweile 37-Jährige nicht mehr so authentisch und fokussiert wie auf den zwölf Stücken von „Day Breaks“. Natürlich wird ihr sechstes Album mal wieder verglichen mit dem Sensationsdebüt „Come Away With Me“ (2002), wovon mittlerweile absurde 22 Millionen Exemplare verkauft wurden. Ein ganzes Genre begründete das Werk der jungen Texanerin damals: Junge, attraktive Sängerinnen sangen alte Musik für erwachsene Hörer. Norah Jones brauchte eine Weile, um sich von dem Klischee der gut abgehangenen Gebrauchsmusik abzugrenzen. Mittlerweile klingt jene, die sie am besten kann, wieder lustvoll und entspannt.

Wer sich 2012 noch für Norah Jones interessierte, dem wurde damals erzählt, dass die scheue Sängerin, der immer noch das Label „Jazz“ anhaftete, sich neu erfunden hatte. Der angesagte Produzent Danger Mouse schmiedete ihr damals eine Soundrüstung, die zwar noch in Jones' bluesgetränktem Songwriting verhaftet war, aber irgendwie sphärisch, dunkel und gefährlich klingen sollte. Weil die gegensätzlichen Stile nicht so recht zueinander fanden, vielleicht auch, weil man am Ende eine gewisse Gefälligkeit nicht aufs Spiel setzen wollte, war „Little Broken Hearts“ vor allem eines: langweilig. Was die Tour zum Werke damals übrigens bestätigte.

Seitdem hat sich bei Norah Jones eine Menge getan. Biografisch insofern, dass die ihr Privatleben unter strengem Verschluss haltende Musikerin Anfang 2014 und im Sommer 2016 zwei Kinder zur Welt brachte. Musikalisch, so sagt sie, komponiere sie erstmals seit „Come Away With Me“ wieder am Klavier. Dies offenbar so tiefenentspannt, dass in ihrem Vortrag endlich wieder jenes lässige Moment hervortritt, welches Jones einst berühmt machte.

Es ist die schwer zu beschreibende Mischung aus Rhythmus, Phrasierung und Tonalität, die manche Jazz nennen. Und war es Miles Davies, der einst sagte, es seien die Pausen in der Musik, die sie spannend machten? Norah Jones erweist sich auf „Day Breaks“ als Meisterin der Pause. Der Jazz und seine Geschwister - der Blues, Country Music und Südstaaten-Folk - sie sind hier in jedem Stück physisch erspürbar. Etwa so, als würde der Kontrabass direkt am Ohr stehen und der Schlagzeugbesen auf dem eigenen Kopf rühren.

Ausgerechnet der erste Song „Burn“ klingt angetrieben durch eine dunkle Bassfigur noch am ehesten nach dem Vorgängerwerk. Dennoch ist dieser düstere Groover, den man sich auch „in schmutzig“ von Tom Waits vorstellen könnte, im Sound viel dringlicher als Danger Mouse' gesamtes Album. Mit historisch viel stärker verwurzelter Musik geht es weiter. Mit groovendem Souljazz der 60-er wie auf „Flipside“ oder bluesigem Swing wie bei „It's A Wonderful Time For Love“. Man hört bei jedem Stück, dass hier „live“ fantastische Musiker spielten, die Lust auf diese Songs hatten.

Große Stücke hält Norah Jones auf den Schlagzeuger Brian Blade, der in den letzte Jahren mehrfach zum besten Jazzdrummer der Welt gewählt wurde. Gemeinsam mit seinem Stammbassisten Chris Thomas legt er für viele Stücken eine subtil groovende Basis. Auch ansonsten konnte Jones viel inspirierte Qualität verpflichten: vor allem das mittlerweile 83 Jahre alte Saxofon-Genie Wayne Shorter - man höre sein Solo auf „Peace“! Auch wenn es eins, zwei langweiligere, konventionelle Stücke gibt - ohne einen Hauch zelebrierter Langweile kein Norah-Jones-Album - „Day Breaks“ ist all das, was man sich vom ehemaligen Rehaugen-Wunderkind erhofft: Die Musik plätschert aufs Angenehmste, sie verfängt und berührt aber auch immer wieder durch ihre entspannte Virtuosität, die Lässigkeit großer Momente und faszinierender Stilwechsel zwischen all dem, was uns die amerikanische Musikkultur in ihren großen, stilprägenden Jahren brachte. Das alles ist schrecklich altmodisch, aber eben auch verdammt schön.

tsch

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