PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project

Musikalische Schnappschüsse

PJ Harvey - The Hope Six Demolition Project

PJ Harvey zog für ihr neues Album in die Welt - und legte sich sogleich mit der Lokalpolitik aus Washington D.C. an.

Das neue Album von PJ Harvey beginnt mit einem Skandal. Lokalpolitiker aus Washington D.C. hatten sich über die Vorabsingle "The Community of Hope" ereifert, die jetzt auch "The Hope Six Demolition Project" eröffnet. Harvey hatte nach einem Besuch der amerikanischen Hauptstadt ihre Eindrücke über ein Problemviertel in wenig schönen Worten festgehalten: "OK, now this is just drug town, just zombies", singt sie da, um wenig später festzustellen, wie das Viertel mit Wal-Marts aufgemöbelt werden soll. Mag sein, dass Harvey tatsächlich nichts verstanden hat, wie ihr die US-Volksvertreter vorwerfen. Darum geht es der Britin auch gar nicht: Für "The Hope Six Demolition Project" war sie mehrmals auf Reisen, und was sie mitgebracht hat, sind Eindrücke, musikalische Schnappschüsse, nicht mehr und nicht weniger.

"Wenn ich einen Song schreibe, stelle ich mir die gesamte Szenerie vor. Ich sehe die Farben, kann die Zeit bestimmen, spüre die Stimmung, beobachte die Veränderungen des Lichts und die Bewegung der Schatten - alles in nur einem Bild", erklärt PJ Harvey. "Gesammelte Informationen aus sekundären Quellen schienen mir zu abwegig für das, worüber ich schreiben wollte."

Auch wenn der Washington-Skandal bei genauer Betrachtung eher ein Skandälchen ist: Es ist schon erstaunlich, dass die britische Songwriterin auf einmal mit diesem Wort in Verbindung gebracht wird. Man stellt sich PJ Harvey ja gerne als Frau vor, die abgeschieden in einem Haus an der englischen Küste lebt, hin und wieder aufs Meer blickt und sonst ihre Katzen streichelt. Dabei ist der Zorn, der in ihren früheren Alben so deutlich zu spüren war, noch immer da. Auch auf "The Hope Six Demolition Project" ist Harvey noch ein Punk, aber eben ohne Rotz und wilde Haare.

Musikalisch knüpft "The Hope Six Demolition Project" beinahe nahtlos an die Vorgängerplatte "Let England Shake" an, die vor immerhin fünf Jahren erschien: gitarrenlastiger Rock, unterstützt von treibenden Chören und immer wieder einem Saxofon. Nur "The Ministry of Social Affairs" bricht aus und kulminiert in einer Free-Jazz-Orgie.

Thematisch aber hat die 46-Jährige ihre Heimat England hinter sich gelassen. Neben dem folgenschweren Abstecher nach Washington ging es auf ihren Reisen auch nach Afghanistan und in den Kosovo. Eine neue Offenheit? Dafür spricht auch, dass sich Harvey bei den Aufnahmen zu "The Hope Six Demolition Project" über die Schultern blicken ließ. Als Teil der Installation "Recording in Progress" konnte man Harvey mehrere Wochen zusehen, wie sie zusammen mit ihren Produzenten Flood und John Parish an dem neuen Album werkelte.

"Ich wollte den Geruch der Luft, das Gefühl des Bodens und die Menschen der Nationen kennenlernen, die mich faszinieren", erzählt Harvey über ihre Reisen. "Hey little children, don't disappear", singt sie in "The Wheel" über den Kosovo - "I heard it was 28.000", erwidert der Chor. Verschwundene, gar tote Kinder? Man weiß es nicht so genau.

Das Album beschließt das schwermütige "Dollar, Dollar", wieder so ein vertonter Schnappschuss, diesmal aus Kabul. Durch den Lärm der Straße dringt die Stimme eines Jungen zu ihr ins Taxi. "This boy says 'Dollar, Dollar'", wiederholt Harvey meditativ. Manchmal ist es eben genug, einfach nur zu beobachten, aufzuschnappen, dem Drang zu widerstehen, alles erklären zu müssen.

PJ Harvey auf Tournee:

20.06.2016, Berlin, Zitadelle Spandau

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