Reinhard Mey: Mr. Lee

Das Leben im Wandel

Reinhard Mey - Mr. Lee

Von wegen, alles schon mal dagewesen? Reinhard Mey ist der Beweis. Auch nach fünf Jahrzehnten und 26 Alben hat der Berliner Liedermacher noch einiges im Köcher.

Seit über 50 Jahren singt Reinhard Mey nun über das Leben, über das Lieben, das Hadern, das Zaudern, das Mit und das Ohne. Das Links, das Rechts, das Hier und das Dort, über das, was war, ist und sein wird. Also: Eigentlich hat Reinhard Mey schon über alles gesungen. Doch für "Mr. Lee" hält er abermals ein gutes Dutzend Geschichten parat, die bestätigen: Das Leben ist nie auserzählt. Der 73-Jährige hat noch so viel beizutragen. Vielleicht nichts zu einem gesellschaftlichen Ruck, gar einen Umsturz, denn ein Aufrührer war der Liedermacher nie, sondern immer ein Beobachter und feinsinniger Kommentator. Er und seine Musik taugen dazu, sich mal wieder vor Augen zu führen: Das große Leben findet sich oft in den kleinen Dingen und Geschichten.

Ob man sich nun freut, am Zoll am Frankfurter Flughafen vorbeigekommen zu sein, mit dem Rucksack voller Rauchgut aus Amsterdam, oder dass die Rita nach dem Lernen für die Mathearbeit "nicht schwanger geworden ist": Das Leben segnet einen jeden auf seine Weise. In "Wenn's Wackersteine auf dich regnet" erzählt Reinhard Mey davon. Und auch wenn - bis auf die natürlich viel durchdachtere und gewitztere Wortwahl - es sich dabei letztendlich um ein Motivationslied handelt, wie man es im deutschen Pop und Schlager gerne hat, sollte man da nichts verwechseln: Der Berliner singt nicht, was sein Publikum bestellt, braucht und gerne hören will. Wie eh und je richtet der Chansonnier vor allem den Blick auf sich und sein engeres Umfeld.

Herausragend ist da auch die Erinnerung an die eigene Schulzeit in "Dr. Brand", die natürlich auch wieder etwas Universelles in sich birgt: Die Reue, etwas getan zu haben, das man nicht mehr wiedergutmachen kann, kennt jeder. Mey und seine Mit-"Pubertanten" triezten den Latein-Pauker nämlich so sehr, dass sie einen "gestandenen Mann vor der Klasse zum Weinen" brachten. Was Mey erst später erfuhr: Der Lehrer Brand überlebte zuvor nur als "Haut und Knochen" den Horror im KZ Sachsenhausen. Einen rosa Winkel habe er am Häftlingskleid getragen - die Nazis sperrten ihn wegen seiner Homosexualität weg.

Ob er nun das Treiben in seiner liebsten venezianische Schenke zum Thema macht ("Im goldenen Hahn"), einen aus dem Altenheim ausgebüchsten Greis vor seiner Haustür ("Herr Fellmann, Bonsai und ich") oder einen mysteriösen Weißen in Kambodscha ("Mr. Lee"), ob es ihn nun um die Liebe zur Heimat ("Heimweh nach Berlin") geht, seinen verstorbenen Sohn ("So lange schon") oder natürlich die schon so lange anhaltende Liebe zu seiner Hella ("So viele Sommer"): Reinhard Mey weiß Gefühle und Geschichten in seinem unverkennbaren Duktus zu verpacken. Das ist nichts Neues, genauso wenig wie Ansatz, Instrumentierung und Verpackung von "Mr. Lee" neu sind. Doch das Leben hält schon genügend Neues parat. Immer wieder. Da ist es gut, dass Reinhard Mey sich einfach mal erlaubt, zu bleiben, wer er ist.

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