Frank Ocean: Blond

Die Kunst der Verwirrung

Frank Ocean - Blond

Vier Jahre nach „Channel Orange“ verwirrt Frank Ocean die Musikwelt. Anstatt des angekündigten „Boys Don't Cry“ erscheinen nun zwei Alben - „Endless“ als Film verpackt und „Blond“ als pures musikalisches Produkt. Doch leider nur bei Apple Music.

Frank Ocean hat schon viel umgekrempelt, angestoßen und aufgebrochen in der Popkultur. Mit dem Odd-Future-Kollektiv um Tyler, The Creator brachte er die Anarchie zurück in den urbanen Pop. Mit seinem ersten großen Album „Channel Orange“ rettete er kurzerhand den in den Nullerjahren heruntergewirtschafteten R'n'B. Kurz darauf outete er sich als einer der ersten wirklich prominenten Künstler mit HipHop-Backround. Auf „Endless“ brachte er kürzlich nach vier Jahren Pause aus dem Nichts neue Musik als Hintergrund für eine Kunstperformance, in der der 28-Jährige eine Wendeltreppe tischlert. „Blond“ aber, das nun erschienene Album, krempelt nichts um außer die Stimmungslage der Hörer: von Freude in latente Genervtheit. Doch warum ist das so?

An der Musik liegt es jedenfalls nicht, denn die schwankt zwischen grundsolide und großartig. Allein die große Pop-Nummer, dieser eine große, bunte Hit, der lässt auf sich warten. Während The Weeknd seinen Sound auf dem letzten Album weniger verdrogt und um einiges breitenwirksamer inszenierte, versteckt sich Frank Ocean hinter intelektuell-emotionalem Art-Pop. Schon auf dem Cover-Foto, auf dem der Sänger mit grünen Haaren und den Händen vorm weinenden Gesicht zu sehen ist, wird das klar. Es wurde vom deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans geschossen und erinnert an ein Cover eines dieser fancy Magazine, die in den Soho-Stores ausliegen - die mit den grellen Klamotten, die nach Trash aussehen, aber ein Vermögen kosten.

Doch gegen wenig nachhaltige Mode bäumt sich Frank Ocean auf dem Opener „Nikes“ mit wirr gepitchter Stimme erst mal auf, beschäftigt sich aber ansonsten lieber mit sich selbst. Auf dem Album, das ursprünglich „Boys Don't Cry“ heißen sollte, ist die Tränenflut das durchgängige Motiv. Frank Ocean jammert in einer Tour - aber mit Stil. Also so, dass man seinen Kopf gerne auf seiner Schulter liegen lässt und zuhört. Trotz der durchgängigen Traurigkeit und der Lethargie ist „Blond“ musikalisch kein ultra-kohärentes Album. Zu viele Starrköpfe der aktuellen Pop-Avantgarde und einige Stars der Stunde hatten ihre Finger mit im Spiel. Beyoncé und Kendrick Lamar waren genauso an Oceans Anti-Glitzer-Statement beteiligt wie die Nerds aus dem Schlafzimmer: James Blake, Jamie XX und Yung Lean.

Herauskommt ein Grundrauschen, das durchweg gut klingt, von dem aber wenig hängenbleibt. Mal hallen kurze Gitarrenriffs durch den Raum wie auf „Ivy“, mal verschwimmen die synthetischen Akkorde vollends mit den Effekten. Das klingt stellenweise ein bisschen wie die frühen Werke von Drake, könnte aber auch der Beginn einer Ambient-Platte sein. Drums verschwinden an einigen Stellen fast gänzlich und es bleibt nur eine einsame, Takt gebende Snare zurück, die ein ähnlich depressives Alleinsein verkörpert, wie die verzerrte Singstimme von Frank Ocean. Manchmal ist sie nur noch ein Hauch, oft aber kraftvoll. „Blond“ wird nicht das Ende sein, so viel ist sicher.

Das größte Problem des Albums aber ist, dass es nur bei Apples Streaming-Dienst Apple Music zu hören ist und so all denjenigen verwehrt bleibt, die keine Lust darauf haben, sich dieser Verknappung zu unterwerfen. Und das nervt gewaltig. Frank Ocean kann es egal sein, er sorgt lieber weiter für performative Verwirrung, macht die Kunst, auf die er Lust hat und denkt gar nicht daran, das Album zu veröffentlichen, das sich alle erhofft hatten. Er bleibt lieber abstrakt. Das ist gut so, denn wer braucht schon etwas Erwartbares?

tsch

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