Matthias Arfmann: Ballet Jeunesse

Klassischer Tanz mit Dub

+
Matthias Arfmann (zweiter von rechts) mit seinen „Ballet Jeunesse“-Produzenten und Sängerin Onejiru.

Ballettmelodien treffen auf HipHop, Dub, Elektro, Spoken Word und diverse Pop-Gewänder: Matthias Arfmann wagt den Wahnsinn, entgeht aber trotz sperriger Momente dem Scheitern.

Wer dachte, in der Musik wären alle erdenklichen Crossover-Ideen längst produziert, hat nicht mit Matthias Arfmann gerechnet. Der deutsche Altmeister des intellektuell unterfütterten Beats, Musiker bei den Kastrierten Philosophen, viel bekannter als Produzent der Absoluten Beginner und Jan Delays, erfüllte sich in diesem sieben Jahre währenden Projekt einen Herzenswunsch: Mit Helfern wie Jan Delay, Schorsch Kamerun, den Sängern Onejiru und Bloc Partys Kele, Rap-Legende KRS One, vor allem aber dem Filmorchester Babelsberg spielte er eine Neuauflage alter Ballettklassiker im Pop-Format von drei bis sechs Minuten ein. Mit klebrigem Klassik-Pop für die seicht konsumierende Zielgruppe hat sein „Ballet Jeunesse“ jedoch wenig zu tun.

Berühmte Ballett-Melodien verschmolzen mit Dub, HipHop, Elektro und Pop? Viele könnten denken, dies sei überkandidelter Wahnsinn. Deshalb musste Produzent Matthias Arfmann wohl auch lange Jahre für dieses Album kämpfen. Der 1964 in Bremen geborene Klangkünstler sampelte im ersten Schritt bekannte Ballettwerke des frühen 20. Jahrhunderts. Es sind Melodien, die jeder in den Tiefen seines Langzeitgedächtnisses mit sich trägt: „Schwanensee“, „Carmen“, „Säbeltanz“, „Feuervogel“, „Romeo und Julia“, „Peter und der Wolf“.

Gemeinsam mit einem Produzenten-Team zerschnitt Arfmann gesampelte Musik und setzte sie neu zusammen. Man baute Beats und Bässe dazu, schrieb Gesangsmelodien oder ersann Texte für die instrumentalen Werke. „Es gab viele, die daran zweifelten, ob aus dem Projekt jemals ein fertiges Album wird“, erzählt Arfmann. „Erst als wir die Freigaben für die Stücke hatten, was unendlich kompliziert war, fanden wir tatsächlich eine Plattenfirma.“

Das Schwierigste bei Arfmanns Spiel mit den berühmten Klassikwerken war die Rechtefreigabe. Sperrige Ur-Enkel bekannter Komponisten mussten überzeugt werden. Einen erinnerte eine Arfmann-Bearbeitung an Ace Of Base, was dem deutschen Produzenten zwar - nach eigenen Worten - schmeichelte, wohl aber nicht so nett gemeint war. Tatsächlich ist der Stilmix dieses unglaublich aufwendigen Albums ein Problem in Sachen Stimmung. „Der Nussknacker“ kommt als eleganter Dub daher. Das, was Arfmann aus Strawinskys „Feuervogel“ machte, bezeichnete man früher mal als Big Beat. Schorsch Kamerun verwandelt den „Säbeltanz“ in ein Goldene-Zitronen-Punk-Pamphlet und Old-School-HipHopper KRS rappt über „Romeo und Julia“.

„Der ganze Arbeitsprozess war ziemlich einmalig“, erinnert sich Beginner- und Jan-Delay-Manager Arfmann, der Letzteren einen Text über „Peter und der Wolf“ rezitieren lässt. „Man hat am Anfang ein klassisches Werk von 44 Minuten und erdreistet sich, einen Pop-Song daraus machen zu wollen. Alles, was passieren muss, um das zu schaffen, ist wahnsinnig komplex.“ Was jedoch gar nicht ging, war das Verwenden der „berühmtesten Orchester der Welt“ (Arfmann), also der Originalaufnahmen als Sample-Material.

Selbst wenn man alle Rechte an den Kompositionen bekäme, würde es am Ende immer am Dirigenten scheitern. Diese Berufsgruppe soll beim Erteilen von Freigaben extrem hartleibig sein. Alles musste also noch mal neu eingespielt werden, obwohl die Musik auch schon vorher exzellent klang, wie der Hamburger Produzent versichert. Das Filmorchester Babelsberg, gewohnt ans Arbeiten mit Kopfhörer-Beat auf dem Ohr, übernahm den Job.

Wie soll man das Ganze nun beurteilen? Arfmann und Co. schaffen definitiv große Klang-Momente. Das Einkleiden der alten Ohrwürmer in wuchtige Beats und Bässe ist an vielen Stellen sehr gelungen. Was das Durchhören des (langen) Albums erschwert, ist die Heterogenität der Bearbeitungen und Stimmungen, so dass man hier eher dazu raten muss, die 17 Stücke Track für Track individuell zu bewerten. Arfmann, der sich 2006 mit „Recomposed“ schon mal einem ähnlichen Projekt widmete, ist trotzdem ein spannendes, kontroverses Kulturprodukt gelungen, das durch bereits eingetütete Kollaborationen mit namhaften Tanzkünstlern noch weiter wachsen dürfte.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren