Paul Simon: Stranger To Stranger

Das Kind im Manne

Paul Simon - Stranger To Stranger

„Still Crazy After All These Years“: Auch mit fast 75 ist Paul Simon immer noch davon besessen, neue Klangwelten zu erforschen.

Am Anfang stand das sprichwörtliche „weiße Blatt Papier“. „Keine Ideen“ habe er gehabt, gibt Paul Simon in den Liner Notes zu seinem neuen Album „Stranger To Stranger“ zu. Und in der Folge „Unruhezustände“. Es befiel ihn gar eine „Lethargie, die zu erhöhtem Koffeinkonsum“ führte. Soll niemand glauben, dass es als lebende Songwriter- und Musiklegende und nach 50 Jahren Karriere einfacher wäre, sich inspirieren zu lassen. Er macht es sich - und dem Hörer - ohnehin nie leicht: Paul Simon, der im Oktober seinen 75. Geburtstag feiert, ist immer noch davon besessen, neue Rhythmen, Klänge, ja sogar Tonleitern und Instrumente zu entdecken und damit zu spielen.

Dass die Ideen schließlich doch sprudelten, verdankte Simon laut eigener Aussage seiner Entdeckung des Komponisten Harry Partch (1901-1974). Der amerikanische Theoretiker teilte Oktaven nicht wie für unser (europäisches) Ohr gewohnt in zwölf, sondern in 30 bis 43 Töne ein und erfand für seine Stücke eigens gefertigte mikrotonale Instrumente, die Simon hier auch verwendet. Einen weiteren Ausgangspunkt für „Stranger To Stranger“ lieferte seine Begeisterung für den Flamenco: Zwei Händeklatscher, ein Tänzer und ein Cajón-Spieler sorgten für die Grooves einiger Songs. Zudem ließ er drei Titel vom italienischen Elektronik-Künstler Clap! Clap! überarbeiten.

Dessen Mitwirkung fällt im Klangbild der betreffenden Titel allerdings kaum auf. Wie überhaupt festzustellen ist, dass Simons vermeintlich überbordender Schatz an Ideen(gebern) und Instrumenten angenehm kanalisiert wird. Das ist sicher auch ein Verdienst von Produzent Roy Halee, seinem Vertrauten und Freund seit Simon-&-Garfunkel-Zeiten. Und bei allem musikalischen Ernst, trotz aller Nachdenklichkeiten über Gott, Vergänglichkeit und den Tod: Seinen trockenen, augenzwinkernden Humor verliert Simon ebenfalls nicht. Dennoch vermittelt das Album immer wieder den Eindruck einer Klang(feld)forschung. Wo in Simons besten Solowerken - allen voran seinem Meisterwerk „Graceland“ (1986) - eingängige Melodien, mitreißende Weltmusik-Rhythmen und detailreicher Sound zu großartigen Popsongs verschmolzen, begeistern hier eher Teile dieses musikalischen Mosaiks.

Die gibt es allerdings reichlich - etwa die Flamenco-Rhythmen in „The Werewolf“, der herrliche Basslauf im ohrwurmigen „Wristband“, über das Simon fast schon rappt, oder die tief dröhnende Tuba im entspannt groovenden „Cool Papa Bell“. Auch das Partch-Instrumentarium setzt der zwölffache Grammy-Award-Gewinner einmal äußerst gewinnbringend ein und lässt es in „Insomniac's Lullaby“ eine gespenstisch wabernde Atmosphäre zwischen Tröster-Folk und Horrorfilm-Score kreieren. Das alles macht „Stranger To Stranger“ zu einem Album, das zum genauen Hinhören, zum Entdecken, zum Staunen auffordert. In seiner kindlichen Neugier, seiner Spielfreude wirkt es bisweilen auch ein wenig bemüht. Dass Simon allerdings nie bloße Wiederholungen (seiner selbst) aufs weiße Papier bringt, kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen.

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