Jacob Collier: In My Room

Keine Angst vor zwei und neun

+
Jacob Collier, 21, nimmt seine Musik bevorzugt im Londoner Kinderzimmer auf. „In My Room“ zaubert er dabei Erstaunliches.

Es gehört zum PR-Geschäft, neue Künstler als Genies zu pushen, die gerade vom Himmel fielen. Der 21-jährige Brite Jacob Collier ist jedoch tatsächlich ein Jahrhundert-Talent, was sein erstes, flirrendes Vocal-Jazz-Album beweist.

Die moderne Welt ist voller „Talents“, deren Förderung sich diverse Medien auf die Fahnen geschrieben haben. Eine größere Zahl inspirierender Künstler hat sich dadurch seltsamerweise nicht ergeben. Dennoch hat die von Nostalgikern gehasste Gegenwart ihre Vorteile: Mit 17 Jahren stellte der junge Londoner Jacob Collier, Sohn einer bekannten klassischen Violinistin, seine Coverversion von Stevie Wonders „Don't You Worry Bout A Thing“ ins Internet. Auf der furiosen Aufnahme singt der Teenager - im Split-Screen-Verfahren auch im Bild zu sehen - sechsstimmig mit sich selbst. Im zweiten Teil des Songs bedient er auch noch diverse Instrumente. 1,5 Millionen Mal wurde das bislang im Netz aufgerufen, der Bub darauf von Quincy Jones unter Vertrag genommen und von Jazzgrößen der Welt gefeiert. Vier Jahre später erscheint das erste Album des Wunderkindes - „In My Room“.

Es gibt kaum eine Jazz-Legende, die noch nicht ihr bewunderndes Erstaunen über den wuschelhaarigen Schlaks aus London ausgedrückt hätte: Herbie Hancock, Pat Metheny, Chick Corea oder Jamie Cullum beispielsweise, der selbst mal in der Wunderkindecke stand. Allerdings ist die Musik Jacob Colliers - bislang - weitaus sperriger als das Instinkt-Powerpaket aus mitreißendem Klavierspiel und ebensolchem Gesang, mit dem Cullum einst die Welt eroberte. Colliers Musik ist komplexer, obwohl er mit seinem vielstimmigen Harmoniegesang eigentlich eine publikumsaffine „Waffe“ besitzt.

Sänger erreichen ja bekanntlich weitaus leichter ein großes Publikum als herausragende Instrumentalisten. Vielleicht, weil jeder in gewisser Weise Experte in Sachen Stimme ist. Was Collier aus jenem Instrument herausholt, das jedem Menschenkind in die Wiege gelegt wurde, ist dann doch erstaunlich: Der englische Twen, mittlerweile 21, singt rhythmisch und vor allem harmonisch so vielschichtige Harmonien, dass Freunde klassischer Ramones-Akkorde das nackte Grauen heimsuchen dürfte.

Die Welt Jacob Colliers strotzt vor Sekunden, Septimen und Nonen. Jenen Klangintervallen, die als Akkordsymbole notiert, gerne mal eine zwei, sieben oder neun unters a-Moll oder F-Dur schreiben. Deshalb ist Colliers Welt auch viel mehr purer Jazz als das, was in jüngerer Vergangenheit dazu gemacht wurde: Norah Jones und Gregory Porter beispielsweise. „In My Room“ ist dennoch nicht nur Leistungsschau eines Hochbegabten, sondern ein überaus inspiriertes Album.

Der Titelsong covert die seltsam schöne Komposition des Stubenhockers Brian Wilson, der sich - obwohl Kopf der Beach Boys - vor Wasser fürchtete. Der Vortrag ist balladesk, in Harmonien schwelgend, aber entspannt. Wilson müsste dies gefallen. Mit dem wunderschönen Stevie Wonder-Stück „You and I“ und der vielleicht etwas zu sportiv vorgetragenen Version des Flintstones-Themas befinden sich noch zwei weitere Fremdkompositionen auf dem Album. Die restlichen acht Stücke - auch hier ist der Multi-Instrumentalist und -Sänger natürlich hochbegabt - stammen aus eigener Feder.

Collier versteht sich darauf, funkig zu grooven, als gäbe es kein Morgen („Saviour“), er kann aus Balladen extrem viel Gefühl herausholen („In The Real Early Morning“, „Don't You Know“) oder sich jazzig verspielten Kaskaden hinzugeben, die in Ästhetik und Sound gerne an Fusion-Jazz der 70er- und 80er-Jahre erinnern: Weather Report, Manhattan Transfer und natürlich die komplexen Souljazz-Meisterwerke des Stevie Wonder.

Muss man noch erwähnen, dass Jacob Collier die meisten Instrumente - darunter Gitarre, Klavier, Bass und diverses Blasgerät - virtuos beherrscht? Gemeinsam mit einem amerikanischen Institut entwickelte er nebenbei ein technisch-musikalisches Tool, das es ihm erlaubt, live in perfekter Mehrstimmigkeit mit sich selbst aufzutreten. Irgendwann wird vielleicht herauskommen, dass Jacob Collier gar kein richtiger Mensch ist, sondern ein versehentlich auf Musik programmierter Kampfroboter. Trotzdem spricht nichts dagegen, seine Akkordwaffen und Sanges-Ungetüme einstweilen zu genießen.

Jacob Collier auf Tournee:

10.09.2016, Esslingen am Neckar, Württembergische Landesbühne

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren