Swans: The Glowing Man

Zur Katharsis hier entlang!

Swans - The Glowing Man

Alles kommt zusammen, alles löst sich ineinander auf: Swans erschaffen abermals unbekannte Klangwelten für Entdeckungswillige.

Seit 1982 setzen die Swans zuverlässig Maßstäbe in Sachen anspruchsvoller Atonalität. Mag man es Avantgarde, Noise, Experimental oder eine freie Form von Post-Rock nennen: Das New Yorker Kollektiv um den Konzeptkünstler und Multi-Instrumentalisten Michael Gira hat stets in (s)einer eigenen Liga gespielt. Auf eine unnachahmliche Art losgelöst von Allem, schwer greifbar und auf besondere Weise auch irgendwie außer Konkurrenz. Nach einer über zehnjährigen Pause stellte sich Gira samt einer fünfköpfigen Riege persönlich auserwählter Mitstreiter 2010 neu auf und veröffentlichte seitdem ein apokalyptisches Meisterwerk nach dem anderen. Das vierte Opus Magnum nach dem Neustart heißt „The Glowing Man“ und enthält, wie schon oft davor überbordende Schall-Exponate von monolithischer Feinheit, nicht selten im zweistelligen Minutenbereich.

Damit soll nun mit diesem Album fürs Erste Schluss sein. Gira wird wohl in Zukunft die Swans in anderer Besetzung und mit einem abgewandelten Konzept weiterführen. Bis dahin kann man auf „The Glowing Man“ achtmal in einen rauschenden Ozean der Klänge abtauchen, in einen endlos tiefen Abyssos voller Schwärze und dezent schimmernder Eleganz, stellenweise sogar hypnotischer und ausgeglichener als auf den Vorgängern.

Mit gediegener orchestraler Power legen die Swans im einleitenden „Cloud Of Forgetting“ den ersten Schritt im finsteren Teil der kollektiven Sound-Katharsis zurück. Nach gut vier Minuten, dem ersten Drittel des Songs, ruft Michael Gira zum Klassentreffen. Der 62-Jährige fleht, singt und spricht, sich ganz der Pein und des Grooves beugend. Schreiende Celli und wunde Percussions drängeln sich in der nachfolgenden „Cloud Of Unknowing“ in den Strom des Bewusstseins, ehe sich das 25-Minuten-Werk in einen präzisen Slowmotion-Core hinein manövriert, der sich nach und nach mit einem orientalischen Lamento vermengt.

Sich wiederholende Art-Pop-Schleifen torkeln in „The World Looks Red / The World Looks Black“ in den Singsang Giras, der den Text einst für Sonic Youth vor langer Zeit verfasste, und der sich nachfolgend ohne Gegenwehr in einen atonalen Soundstrudel hineinfädelt. Dagegen wirkt das beinahe entspannt swingende „People Like Us“ im Universum der Swans wie eine sonnige Bar-Jazz-Variante, die sich gen Ende dennoch in einen kurz aufbäumenden Gespensterblues transformiert. In „Frankie M.“ streifen die New Yorker 21 Minuten lang durch die Untiefen des Doom-Folks, der im Laufe der Zeit mit postpunkigem Indierock kollidiert, während in „When Will I Return?“ Giras bessere Hälfte Jennifer als Gastvokalistin verzaubert und balladesk mit einem hymnischen Folksong bei Laune hält.

Den Höhepunkt des Albums bildet das fast halbstündige titelgebende Opus, das sich nach ausführlich atonalen Fingerübungen langsam aus den Tiefen eines Vulkanausbruchs emporschält. Vokale Mantras geben in der zweiten Hälfte die Richtung vor, sie kulminieren in einem forschen Rock-Stampfer, in dem Gira knapp bemessen Zeile für Zeile arhythmisch intoniert. Die Swans kaskadieren diese Rock-Schleife bis zum vermeintlichen Exitus, ehe die Band über einen kantigen, metallenen Break stolpert, der sich schlussendlich in einer wütenden Kakophonie entlädt. Die finale Versöhnung „Finally Peace“ streichelt sakral die glücklich geschundenen Nerven des Hörers; der schallende Choral bleibt rätselhaft, so wie die Swans es immer waren und höchstwahrscheinlich auch immer sein werden.

Swans auf Tournee:

17.10.2016, Hamburg, Kampnagel

18.10.2016, Berlin, Huxley's Neue Welt

23.10.2016, Graz, Orpheum

28.10.2016, Basel, Kaserne

29.10.2016, Vevey, Rocking Chair

30.10.2016, Bern, Dachstock

10.11.2016, Köln, Gebäude 9

11.11.2016, München, Feierwerk

12.11.2016, Wiesbaden, Schlachthof

tsch

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