Kanye West: The Life Of Pablo

Kanyes Griff ins Klo

Kanye West - The Life Of Pablo

Bisher konnte man Kanye West immer verzeihen, alle ach so kruden Aussagen und Verfehlungen. Musikalisch war er dafür zu erhaben. "The Life Of Pablo" macht hier womöglich einen folgenschweren Schnitt.

Wie schon Rihanna Ende Januar veröffentlichte Kanye West sein Album in einem Moment, den er es selbst für den richtigen hielt. An einem Sonntag, nicht an einem Freitag, wie es die Plattenindustrie sonst vorgibt. Dass dieser Sonntag Valentinstag war, ließ Schlimmes vermuten: Hat der sich dieser Tage wieder völlig abgehoben präsentierende Rapper und Produzent etwa ein süßliches Liebesalbum aufgenommen? Für seine Kim, das bekannteste Hinterteil, pardon, Gesicht des Kardashian-Clans? Nein, das nicht. Das mehrmals umbenannte Projekt, nun als "The Life Of Pablo" veröffentlicht, ist trotzdem eine echte Enttäuschung. Bemerkenswert: In den freien Verkauf soll das Album nicht gelangen, sondern weiterhin nur beim Streamingdienst Tidal zu Verfügung stehen - das behauptet Kanye zumindest bei Twitter.

Dazu muss man aber festhalten, dass Herr West in letzter Zeit sehr viel bei Twitter behauptete. Dass man ihn mit den Basketballern Michael Jordan und Stephen Curry vergleichen müsse - schließlich sei auch er das Beste aus zwei Generationen, ist dabei gewohnte und sich unter dem Entertainment-Stern befindliche Überheblichkeit. Dass er 53 Millionen Dollar Schulden habe und umgehend nach dieser Offenbarung Facebook-Gründer Mark Zuckerberg um eine Milliarde Dollar anhaute, verwundert da schon mehr. Und eben die mit viel Gezwitscher begleitete Veröffentlichung von "The Life Of Pablo". Erst sei Chance The Rapper für die Verzögerung verantwortlich gewesen, sein Part auf "Ultralight Beam" sei noch nicht fertig. Dann zog er nach wenigen Stunden die Download-Möglichkeit auf Tidal zurück, man schleife weiter an "Wolves".

Wer an dem Track schliff, bleibt indes im Dunklen. Selbst feuerte Kanye weiter Tweets ab, als gäbe es kein Morgen. Und ohnehin entstand "The Life Of Pablo" mithilfe jeder Menge Gastarbeiter. Engagierte Songschreiber waren beim Rapstar schon immer gefragt, dass es nun teilweise deren elf pro Track sind - gleich dreimal -, spricht nicht für eigene Qualitäten in dieser Hinsicht. Doch stimmte beim Mann aus Chicago eben stets das Endprodukt, der rote Faden, der in seinen Alben immer wieder zu hören war. Zuletzt etwa das gnadenlos übersteuerte "Yeezus", auf dem sogar Dancehall-Rhythmen, verschmolzen mit Industrial, Acid House und Brachial-Beats, einfach frisch klangen, neu und nie dagewesen.

Dass von der selbstüberhöhten Albumvorstellung im Madison Square Garden am 11. Februar - live übertragen auch in Dutzende deutsche Kinos - vor allem seine Zeilen über Taylor Swift hängenblieben (sie schulde ihm Sex, immerhin habe er sie berühmt gemacht - in "Famous"), ist weniger verwunderlich. Denn musikalisch hat der 38-Jährige kein weiteres Meisterwerk geschaffen. Vielmehr scheint "The Life Of Pablo" ein wild zusammengebasteltes Etwas zu sein, Ausschnitte aus Ideen, die mehrmals verworfen, neu durchdacht und durchgemischt wirken. Die Gäste um Rihanna, Frank Ocean und Kid Cudi scheinen wild durchgewürfelt, kommen kaum zur Geltung, und die Beats verlieren sich in wenig unterhaltsamen Unstetigkeiten. Daran konnten auch die vielzähligen Hilfsproduzenten wie Rick Rubin, Swizz Beatz, Havoc und Madlib nichts ändern.

"Name one genius that ain't crazy", ruft Kanye in "Feedback". Und bisher hat man seine sonderbaren und derangierten Ausflüge in die Klatschspalten, seine gnadenlos narzisstischen Twitter-Darstellungen, noch akzeptieren können, war sein Output eben der eines Genius. - "808s & Heartbreak" (2008) musste man nicht mögen, doch das "Auto-Tune"-geschwängerte Synthpop- und R'n'B-Geschwurbel hat definitiv Spuren hinterlassen im amerikanischen Rap. Mit seinem nun siebten Album greift Kanye dagegen daneben, mitten hinein ins Klo. Vielleicht hat er ja selbst gemerkt, dass es sich doch nicht um das angekündigte beste beziehungsweise um eines der besten Alben aller Zeiten handelt. So viel Selbstzweifel mag man in Kanye Wests Welt aber nicht für möglich halten.

Bewertung enttäuschend
CD-Titel The Life Of Pablo
Bandname/Interpret Kanye West
Genre Rap
Erhältlich ab 14.02.2016
Label Def Jam
Vertrieb Universal

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