Jochen Distelmeyer

Auf der Suche nach Schönheit

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Britney Spears und Avicii? Jochen Distelmeyer offenbart mit der Trackliste seines Coveralbums ungeahnte Vorlieben.

Jochen Distelmeyer im Interview, der auf seinem neuen Album die Songs anderer Leute covert. Zu sparsamen Gitarrenakkorden singt das ehemalige Blumfeld-Mastermind Lieder von Lana Del Rey, Britney Spears und Radiohead. Männlicher Sirenengesang, aber auch ein Wohlklang mit Hintergedanken.

Seit neun Jahren sind Blumfeld nun Geschichte. Die Band um Sänger, Texter und Komponist Jochen Distelmeyer war einst das spannendste musikalische Underground-Phänomen im Deutschland der frühen und mittleren 90er-Jahre. Und auch später, als bei den Hamburgern immer mehr der Wohlklang Einzug hielt, man Pop in seiner Reinkultur spielte, war es Distelmeyers mächtige Lyrik, die stets neue Anhänger fand. Verwunderlich also, dass der 1967 geborenen Musiker nun mit einem Coveralbum um die Ecke kommt, eine Art nachgeschobener Soundtrack zu seinem Debütroman "Otis" aus dem Januar letzten Jahres. Gleichzeitig ist "Songs From The Bottom, Vol. 1" eine Reflexion des Sängers über die Schönheit von Popmusik an sich. Ein Thema, das auch im Interview eine große Rolle einnimmt.

teleschau: Erkennt man einen guten Popsong in jedem Arrangement? Also auch dann, wenn er nur mit Gitarre und Stimme vorgetragen wird?

Jochen Distelmeyer: Ich kann mir Popsongs vorstellen, die man nicht nur zur Gitarre oder dem Klavier singen kann - und die trotzdem Stücke von Rang und Gewicht sind. Songs von Michael Jackson funktionieren vielleicht nur in dem Gewand, in dem sie aufgenommen wurden. Trotzdem sind es große Popsongs.

teleschau: Wie haben Sie dann die Lieder für "Songs From The Bottom" ausgewählt?

Distelmeyer: Das hat mit der Lesereise für meinen Roman zu tun. Da spielte ich Songs, eben nur mit Stimme und Gitarre, die dem Text noch andere Perspektiven hinzufügen sollten. Der Roman lehnt sich ja an Homers Odyssee an. So waren viele Stücke, die ich auf der Lesung gespielt habe, für mich thematisch verbunden mit dem Roman. Oder sie haben mich, als ich das Buch geschrieben habe, begleitet. Und dieses Einfache im Vortrag, etwas wie mit einer Lyra oder Leier vorzutragen, wie ein Blues- oder Countrysänger, fand ich naheliegend.

teleschau: Ist "Songs From The Bottom" also nur ein nachgeschobener Soundtrack zum Roman? Oder doch auch eine Kollektion persönlicher Lieblingslieder?

Distelmeyer: Es ist so eine Art Mischung. Es gibt Stücke, die ich deswegen gespielt habe, weil sie einen Bezug zum Roman haben. Teilweise sind es Lieder, die mich einfach musikalisch zum damaligen Zeitpunkt interessierten. Grundsätzlich ist das Album aber eine Art Dankeschön an die Fans und Leute, die meine Sachen immer verfolgt haben. Die mich nach Ende der Lesung angehauen haben, ob es die Stücke irgendwo zu kaufen gäbe. Und ich dachte, okay, das kann man machen.

teleschau: Welcher "Bottom" eint denn diese Lieder? Muss ein guter Popsong, der Millionen Leute erreicht, immer aus einem tiefen Seelengrund kommen?

Distelmeyer: Nein. Aber er muss diesen Grund beim Hörer erreichen. Selbst vorgetäuschte Tiefe kann ein Gefühl auslösen, das uns tanzen oder weinen lässt. Es ist ja eine Qualität von Popmusik, dass sie auch totale Oberfläche sein kann und trotzdem zutiefst bewegend. Ich glaube, dass selbst am Reißbrett entworfene, marktförmig zurechtgeschnittene Songs diese Erfahrung der Tiefe im Menschen auslösen können.

teleschau: Warum spielt man eigentlich Coverversionen und müssen die immer neue Aspekte an einem Lied herausarbeiten, um interessant zu sein?

Distelmeyer: Ich kann nur sagen, warum ich Songs anderer Leute spiele. Manchmal ist es einfach der Neid, dass jemandem ein Stück geglückt ist, das man selbst gerne geschrieben hätte. Man kann das Stück nicht nochmal schreiben - möchte es sich aber trotzdem einverleiben. Dann gibt es Lieder, da will ich einfach wissen, wie die das gemacht haben, weil das Lied so elegant oder ungewöhnlich ist. Manchmal spiele ich auch etwas als Verbeugung vor einer Lebensleistung.

teleschau: Also steckt immer "mehr" dahinter?

Distelmeyer: Nein. Es gibt auch solche Stücke wie The Verves "Bitter Sweet Symphonie", das ich auf dem Album spiele. Das war einfach so ein schnelles: Oh, da habe ich Bock drauf. Mache ich, zack, ist der richtige Song zum richtigen Zeitpunkt - mit einem hammermäßigen Text.

teleschau: Spielt es eine Rolle, wie alt Songs sind? Viele Leute glauben, dass früher bessere Lieder geschrieben wurden.

Distelmeyer: Ich glaube das nicht. Grundsätzlich halte ich es für einen Irrglauben, davon auszugehen, dass Rock'n'Roll oder Popkultur zu irgendeinem Zeitpunkt per se originär oder visionär waren. Alles baute immer auf irgendetwas auf. Pop ist viel mehr Folklore-Kultur als wir denken. Und manchmal werden auch die falschen Leute zu Propheten oder Langweilern erklärt. Viele Menschen machen sich etwa über Coldplay lustig.

teleschau: Sie auch?

Distelmeyer: Ich bin kein Fan von denen, finde aber, dass diesem sehr talentierten Chris Martin schon eine neue Art von, sagen wir, Stadionrock-Nummern gelungen sind. Anders als Franz Ferdinand oder irgendwelchen anderen Retrobands, die einfach nur alte Dinge neu kombiniert haben. Auch eine Band wie Arcade Fire, die als neuartig gefeiert wurde, ist im Prinzip eine Mischung aus Bruce Springsteen und Echo & The Bunnymen.

teleschau: War Popmusik früher gefährlicher?

Distelmeyer: Das ist auch so ein Klischee. Sicher machen viele Hits heute den Eindruck, dass sie aus einer ästhetisch unbefriedigenden, etwas zu "gesunden" Herangehensweise entstanden sind. Da stehen ein halbes Dutzend Autoren unter einem Titel, und es offenbart sich fast so eine Art Controller-Mentalität, die darin besteht, dass man bloß nichts falsch machen will. Viele Musiker wollen heute, verständlicherweise, gewisse Risiken vermeiden, die zum Beispiel in den Tod mit 27 oder etwas anderes münden können. Das ist eine vernünftige Einstellung. Aber mir zu kontrolliert.

teleschau: Anderes rückt in den Mittelpunkt ...

Distelmeyer: Die Leute verfügen heute über ein sehr großes Know-how in Sachen musikalische Genres, Soundbild, Styling und so weiter. Leider sind aber die Frisuren meist das Verrückteste daran. Vielleicht geht mit der Vermeidung dieses Gefährlichen auch ein bisschen das Verheißungsvolle verloren, mit dem wir noch zum Teil aufgewachsen sind - mit Rock'n'Roll die Welt zu verändern (lacht).

teleschau: Haben Sie musikalisch durch die Arbeit am Roman und "Songs From The Bottom" etwas Neues gelernt?

Distelmeyer: Bei einigen Stücken, die so ein bisschen countryesk anmuten, war es für mich selbst eine Überraschung, dass ich einen neuen Zugang zu Country gefunden habe - den ich eigentlich all die Jahre zuvor nie hatte. Erst mit dem Schreiben des Romans bekam ich den Eindruck, Country-Musik für mich geschnallt zu haben. Anders als beim Blues, der sich mir sofort erschlossen hat, konnte ich früher zwar gute Country-Songs erkennen, aber das Genre an sich hat sich mir nicht erschlossen. Erst beim Schreiben des Romans habe ich verstanden, worum es dabei geht ...

teleschau: Worum?

Distelmeyer: Im Blues ist es so, dass der Hobo, der Tramp die Gemeinde, den Chor verlässt. Er verlässt die Gemeinschaft und singt von der Außenseite. Thematisch handeln Country-Songs aber von denselben Sachen wie Blues: Liebe, gescheiterte Liebe, Sexualität, Geld haben oder pleite sein und so weiter. Der Unterschied ist, dass der Country-Musiker in der Gemeinde verbleibt. Er bricht nicht aus, sondern er steht weiter im Dienst des Squaredance' oder der Community, wenn man so will. Das unterscheidet die beiden Genres, verbindet sie aber auch miteinander. Und das im Zuge dieser an die Odyssee angelegten Geschichte eines irrfahrenden, sängerischen Wanderers, der dann in die Gemeinde zurückkehrt. Das lässt mich den Roman mit meinem Verständnis von Countrymusik verbinden und führt unter anderem dazu, dass ich ein Stück wie "This Old Road" von Kris Kristofferson spielen kann.

teleschau: Wobei es im Country auch den Outlaw oder einsamen Country-Mann gibt ...

Distelmeyer: Sicher. Aber das sind ausgebrochene Solitäre. Die behalten wir als Country-Musik-Granden in Erinnerung: Willie Nelson ist so eine Figur, Hank Williams sicherlich und natürlich Johnny Cash. Aber die markieren in der Ausnahme, die sie darstellen, auch das Wesensmerkmal von Country. Dass es nämlich Künstlerinnen wie Taylor Swift sind, die Country in den USA zu einer neuen Art Mainstream-Rock gemacht haben.

teleschau: Was ist Ihre eigene Definition eines guten Songs?

Distelmeyer: Ich habe keine. Wenn ich einen höre, weiß ich, dass er gut ist. Einfachheit und Klarheit spielen eine Rolle. Ich stehe auch auf eine gewisse Eleganz. Ich habe Kriterien für mich, kann sie aber nicht bewusst fassen. Das müsste ich am Stück selbst beurteilen ...

teleschau: Haben gute Songs ein Geheimnis, das man nicht ergründen kann? Glauben Sie an diese Theorie?

Distelmeyer: Man kann das Geheimnis erklären. Aber es verwandelt sich dadurch schon wieder in ein anderes Geheimnis. Ich glaube, das Geheimnis eines guten Songs ist das Geheimnis der Menschen selbst. Mit jedem Song, Buch oder Film nehmen wir Kontakt zu der Schönheit des Menschen dahinter auf. Das ist der wirkliche Transfer, der da stattfindet. Wir lieben zwar den Song. Was wir nicht sagen, ist aber, dass wir in Wirklichkeit ihn oder sie lieben. Also die das singen, spielen oder was auch immer. Wir beglaubigen den Künstler in seiner Schönheit. Und damit uns selbst.

teleschau: Was steckt dahinter?

Distelmeyer: Es ist eine Form von Liebe und Mitgefühl, die da ausgetauscht wird. Das ist bei jedem Kunstwerk so. Und jedes Publikum hat seine präzisen Kriterien, ob das glaubwürdig ist oder nicht. Man kann als Künstler nur darauf vertrauen, dass man selbst diesen Kontakt für die Leute herstellt und sie unterhält - auf eine gute Art.

Musiker Jochen Distelmeyer

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