Musikalischer Dinosaurier liefert

Marillion: Neues Album F.E.A.R. setzt Maßstäbe

Marillion - F.E.A.R.

In der schnelllebigen Musikindustrie ist Marillion ein Dinosaurier. Doch das neue musikalische Lebenszeichen beweist: Die Band ist nicht vom Aussterben bedroht, sondern quicklebendig. Marillion selbst sind überzeugt, nun ihr bestes Album aller Zeiten abzuliefern. Und tatsächlich ist „F.E.A.R.“ eines der bedeutendsten Werke in der langen Geschichte der Band. Unter anderem, weil die Combo - dem Albumtitel zum Trotz - keine Angst davor hatte, auf ihre alten Tage experimentell und sperrig zu bleiben.

Wie die Vorgänger aus der Hogarth-Ära ist auch „F.E.A.R.“ ein Album, das man öfter hören muss, um damit vertraut zu werden. Dann aber entfalten die Tracks ihr ganzes Potenzial. Furchtlos verbinden Marillion raffinierten Artrock mit tiefgründiger Seelenschau und Gesellschaftskritik. Letzteres beginnt bereits beim Albumtitel, denn das Akronym steht für „Fuck Everyone And Run“ - ein Credo, das Marillion dem modernen Kapitalismus unterstellen.

Der Albumtitel ist natürlich doppelbödig: „Im menschlichen Verhalten gibt es zwei grundsätzliche Impulse: Liebe und Angst - und alles Gute kommt von der Liebe“, erklärt Steve Hogarth. Von der heilenden Kraft der Liebe allerdings hört man im Album wenig - zumindest, wenn man auf Liebeslieder im Stil von „Kayleigh“ (1985) wartet. Stattdessen haucht Hogarth düster-melancholisch ins Mikro und besingt „Tomorrow's New Country“, schreit sich im psychedelischen „F.E.A.R.“ die dunkle Seele aus dem Leib oder krächzt in der vier Stücke umfassenden Suite „The New Kings“ aggressiv seine Verachtung gegen die neuen Könige des Kapitalismus.

Im fünf Tracks umfassenden Einstieg „El Dorado“ nehmen Marillion die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Vereinigten Königreichs unter die Lupe - teils subtil und düster-atmosphärisch, teils kraftvoll und bombastisch wie eine Rock-Oper der alten Schule. Auch der Abschnitt „The Leavers“ umfasst fünf Stücke. Er thematisiert unter anderem die kurzen Zusammentreffen und das ewige Verlassen, das zum Musikerleben on the road dazu gehört.

Ein Happy End gibt es auf dem Album nicht, das überlassen Steve Hogarth, Mark Kelly, Ian Mosley, Steve Rothery und Pete Trewavas den Hörern selbst: „Wir nutzen das großartige Privileg, dass wir sowohl eine Plattform wie auch ein Publikum haben, um die Leute zu ermutigen, in den Spiegel zu schauen und sich die großen Fragen zu stellen - indem wir genau dasselbe tun“, sagt Hogarth. Früher klang die musikalische Antwort der Band manchmal nach einem Verharren in Selbstmitleid und nach Weltschmerz. „F.E.A.R.“ dagegen klingt nach Kampfansage und Weltschmerzgegenmittel.

Tracks wie „Wake Up In Music“ und „Living In Fear“ zeigen besonders eindrucksvoll, warum die Band selbst so überzeugt von der Qualität des neuen Albums ist, vereint er doch alles, was den Charme von Marillion ausmacht: innovativer Rock (quasi: Post-Neo-Progressive-Rock), eine charismatische Stimme, echte Emotionen und atmosphärische Dichte. Niemand muss Angst haben, dass Marillion es nicht mehr drauf haben. Im Gegenteil: Die Altersweisheit und musikalische Reife steht der Band gut. Das Ergebnis wird allen gefallen, die die frühen Pink Floyd oder die frühen Genesis mögen - und die frühen Marillion.

tsch

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