Xatar & Haftbefehl (Coup)

„Ich will dieses Gangster-Leben ja gar nicht“

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Geläutert: Haftbefehl (rechts) ist mittlerweile lieber Künstler als Krimineller; Gangsterrapper sind für ihn eine Fiktion: „Entweder bist du Rapper oder du bist Gangster.“

Die deutschen Rapper Xatar und Haftbefehl, die als Coup ein gemeinsames Album veröffentlichen, über authentisches Gangstertum, den Knast - und Wham!.

Auf ein Interview mit Xatar und Haftbefehl muss man derzeit lange warten. Zu beschäftigt sind die beiden selbsternannten Gangstarapper mit der Promotion für ihr gemeinsames Album „Der Holland Job“, das sie unter dem Namen Coup aufgenommen haben. Hauptthema der Platte ist, klar, das Leben im Milieu, die Berichterstattung von der Straße. Damit haben die beiden reichlich eigene Erfahrungen gemacht - Xatar etwa kam erst vor eineinhalb Jahren aus dem Gefängnis, in dem er wegen Beteiligung an einem Goldraub für längere Zeit einsaß. Darf man die Delinquenten dann doch zum Interview bitten, entpuppen sich beide als freundliche und vor allem offene Zeitgenossen: Sogar eine Vorliebe für „Schwuchtelkram“ wird dabei zugegeben.

nordbuzz: Sie sind ja schwer beschäftigt mit der Promotion für Ihr Album. Macht das noch Spaß, weil es um Ihr Werk geht, oder ist das nur noch Stress?

Xatar: Ich genieße das schon. Ich saß lange genug im Knast und hab dort fünf Jahre lang nichts gemacht. Deswegen nehme ich jetzt alles dankbar an und gebe Vollgas.

Haftbefehl: Ich find's arg schwierig. Wir haben uns selbst viel Zeitdruck gemacht, wir hatten mega viel Stress mit den Videos, der Film wurde auf den letzten Drücker gemacht. Ich hasse diese Interviewscheiße - Ausnahmen bestätigen die Regel, klar (lacht). Ich will die Musik einfach für sich selbst stehen lassen.

nordbuzz: Dann nur eine Frage zum Album: Warum haben Sie ausgerechnet das politisch-ironische „AfD“ als erste Single rausgehauen?

Haftbefehl: Das ist ja keine richtige Single. Wir haben den Song veröffentlicht, weil er halt gut in die Zeit passt. Wir wollten ein Statement setzen, das auch der Ottonormalverbraucher auf der Straße versteht, ohne sich krass damit auseinandergesetzt zu haben. Flüchtlinge können nicht für alles verantwortlich gemacht werden.

nordbuzz: „Der Holland Job“ ist ja nicht Ihre erste Zusammenarbeit ...

Haftbefehl: Wir kennen uns schon lange, sogar schon vor der Musik. Vielleicht hätten wir ein Kollabo-Album auch schon früher gemacht, aber Xatar war ja weg in der Zwischenzeit ...

nordbuzz: Wie haben Sie sich denn kennengelernt?

Haftbefehl: Durch gemeinsame Bekannte. Es gibt ja Menschen, die triffst du das erste Mal, und dann klickt das schon direkt. Das war zwischen ihm und mir so. Wir verstehen uns blind.

nordbuzz: Was bringt Sie auf eine Wellenlänge?

Xatar: Wir haben eben die gleiche Sichtweise auf viele Dinge. Außerdem war Haftbefehl für mich der Erste, der diesen Film mit der Straße und der Musik so echt rübergebracht hat. Es ist selten, dass ein wirklicher Straßenjunge, der den Geruch von Heroin kennt, wirklich Kunst macht. Es gibt viele Straßenjungs, die rappen. Soliden Rap, mit dem sie auch Geld machen, vielleicht sogar mehr als wir. Aber eben keine Kunst.

nordbuzz: Insgesamt fällt auf, dass es unter Straßenrappern mehr Kollaborationen gibt als unter Pop-Rappern. Woran liegt das?

Xatar: Stimmt, fällt mir auch jetzt erst auf. Vielleicht kommt das von der Straße. Als ich Aykut kennengelernt habe, war gleich der erste Gedanke, ein gemeinsames Album zu machen. Vielleicht liegt das aber auch an den Vorbildern, die man hat. Die Rapper in Amerika oder Frankreich haben das immer so gemacht, so sind wir eben sozialisiert.

nordbuzz: Können Sie Vorbilder nennen?

Xatar: Für mich aus Produzentensicht auf jeden Fall Moses Pelham. Wie der das alles gemacht hat: In einer Zeit, in der sich das hier kaum jemand getraut hat, hat er das deutschsprachige Ding richtig nach vorne gebracht.

Haftbefehl: Moment, Moment. Vorbilder habe ich nicht. Es gibt Menschen, die meine Jugend begleitet haben oder die mich heute inspirieren. Aber Vorbilder sind für mich makellose Menschen, mit denen man sich auf jeder Ebene identifizieren kann. Musikalisch fand ich B.I.G. super, aber das war's dann auch.

Xatar: Doch, für mich als Produzent ist Moses eindeutig ein Vorbild. Wie er das aufgezogen hat, auch businesstechnisch, wie er das Marketing angegangen ist. Aber beim Rap fällt mir auch keiner ein, da geht es auch eher um Inspiration. Es gibt natürlich Rapper, von denen ich vielleicht einen Song geil finde - aber die anderen finde ich halt scheiße, und den Rapper als Menschen auch. Dann ist das kein Vorbild. Aber es gibt nicht nur Rap, wir beide hören auch sehr, sehr viele andere Sachen: Soul, klar, aber auch Pop, 70-er, 80-er, 90-er, alles.

nordbuzz: Mögen Sie auch Songs, die Ihre Fans überraschen würden?

Xatar: Auch Songs, die meine Fans nicht mal kennen würden! Es gibt Sachen von Wham!, Alter, den Schwuchtelkram, aber die waren halt gut und vor allem gut produziert. In letzter Zeit bin ich auch voll auf Rick James hängengeblieben.

nordbuzz: Gibt es eigentlich auch mal Konkurrenzdenken oder Neid unter Ihnen beiden?

Haftbefehl: Überhaupt nicht.

nordbuzz: In den Medien werden Sie sehr unterschiedlich wahrgenommen. Haftbefehl wird von den Feuilletons als deutscher Dichter der Stunde gefeiert, Xatar gilt - nicht zuletzt wegen der Gefängnisstrafe - nur als harter Gangster, nicht als großer Künstler. Fühlt sich das für Sie auch so an?

Xatar: Naja, es ist schon so. Wir sind zwar auf dem gleichen Film, aber es drückt sich in dem, was wir machen, anders aus: Der Sound, die Musik, die Reime, der Rap - sehr unterschiedlich. Bei ihm geht alles auf Betonung und Ausdruck, das ist auch das, was ich bei ihm am krassesten feiere. Das mit dem Slang haben wir beide damals gestartet, aber bei Haftbefehl ist es manchmal so, dass nicht mal die Kanacken von der Straße das verstehen. Da musst du schon aus Frankfurt kommen. Meinen Slang verstehen die Straßenleute überregional komplett. Und was er auf Betonung gibt, gebe ich auf den Inhalt.

Haftbefehl: Ach, die haben einfach alle noch nicht das richtige Bild von Xatar. Das müsste einmal richtig kommuniziert werden. Alles immer nur Goldraub. Aber die kommen noch drauf.

Xatar: Ist doch auch normal. Ich bin ja erst ein Jahr und ein paar Monate draußen. Bei Haftbefehl hat das fünf Jahre gedauert. Fünf Jahre haben sie ihn als asozialstes Produkt der Gesellschaft gesehen - und dann aus ihm den neuen Goethe gemacht. Dabei ist es nicht so, als ob er seinen Rap geändert hätte, er hat gerappt wie an Tag eins. Die Leute brauchen eben ihre Zeit. Bei mir ist das genauso: Dieses Knastding ist so groß und überdeckt erst mal alles, das dauert. Aber wenn ich nur das Knastding hätte, dann wäre ich auch nicht weitergekommen. Ich merke schon jetzt, dass viele das checken.

nordbuzz: Auch Ihr Hintergrund ist sehr unterschiedlich - Xatar, Ihr Vater ist Komponist, er hat Sie sicher an die Musik herangeführt ...

Xatar: (lacht) Mehr reingezwungen. Als Kind hatte ich keinen Bock auf sowas. Aber ich bin damit aufgewachsen. Unser Haushalt war nur Musik, Partituren überall, Musiker haben uns besucht ...

nordbuzz: Dagegen hat Haftbefehl erst ziemlich spät mit der Musik angefangen, mit 21.

Haftbefehl: Ja, vorher hatte ich wenig Zeit. Ich war kriminell. Hat ja inzwischen jeder gehört. Ich hab mich immer schon mit Musik befasst, alleine schon durch meinen älteren Bruder. Aber für mich ging das nicht: zwei Leben. Das schaffen in Deutschland nur ein, zwei Personen, deren Namen ich auch nicht nennen will. Entweder bist du Rapper oder du bist Gangster. Musiker oder Mafiaboss. Was dazwischen gibt's nicht, alles andere ist 'ne Lüge.

Xatar: Stimmt, es ist selten, dass beides zu hundert Prozent gelebt wird. Ich sehe das auch nicht als Bedingung. Aber wenn jemand nur einen auf Gangster macht, kann ich das für mich nicht wirklich feiern. Wenn ich Straßenrap höre, dann muss ich das fühlen, dann muss ich das riechen. Anders kann ich es nicht ernst nehmen. Rap ist für mich nicht nur Klang, sondern auch Verkörperung.

nordbuzz: Hatte Ihr Gefängnisaufenthalt aus künstlerischer Sicht sogar einen Wert oder hätten Sie darauf trotzdem lieber verzichtet?

Xatar: Ich sehe das ganze Leben im Schicksalskontext. Es ist eben so gekommen. Es gab aber auch vorher schon genug, woran die Leute merken konnten, dass es echt ist, worüber ich rappe: Schießereien, kürzere Knastaufenthalte. Aber diese Sache hat mich weiser gemacht, weil man sich viel mit sich selbst auseinandersetzt, viel Zeit zum Nachdenken hat. Das war für mich und meine Musik so gut, dass ich noch was weiß ich wie viele Alben machen kann.

nordbuzz: Haftbefehl, wie viel Wert legen Sie auf authentisches Gangsterleben?

Haftbefehl: Ich will dieses Gangster-Leben ja gar nicht.

nordbuzz: Da Sie dieses Leben aber zumindest mal geführt haben: Die Leute, die so leben - wollen die das?

Haftbefehl: Irgendwann bist du so tief drin, da kommst du nicht so einfach raus. Schauen Sie sich doch mal an: Sie sind Journalistin, Sie können morgen nicht auf einmal anfangen, irgendwo Getränkeautomaten aufzufüllen. Es gibt ganz wenige Menschen, die das können. Wenn man erstmal auf einem Pferd gesessen hat, ist es ganz schwer, auf einmal wieder auf einem Esel zu sitzen. Ich habe ganz, ganz großen Respekt vor Menschen, die das schaffen.

nordbuzz: Es hat also einfach mit Angst vor einem Statusverlust zu tun?

Haftbefehl: Klar, wenn man ehrlich ist, hat das schon jeder irgendwie.

nordbuzz: Kam es so auch zu diesem Raub, Xatar? Sie waren ja musikalisch eigentlich schon auf der Erfolgsspur, bevor das alles passierte ...

Xatar: 2007, 2008, 2009 war ich noch sehr hart auf der Straße unterwegs und andere Beträge gewohnt. Auch wenn die Musik für Deutschrap-Verhältnisse gut lief, war das für mich nicht das Geld, mit dem ich gut leben konnte. Nicht nur der Lifestyle, auch meine Fixkosten waren zu hoch. Also musste ich auf der Straße weitermachen. Naja, und wenn man mit hohen Summen zu tun hat, kann man auch tief ins Minus fallen. Das ist dann auch passiert. In der Situation war diese Sache für mich der einzige Ausweg. Und dann wurde ich erwischt.

nordbuzz: Was ist denn das Wichtigste, das Sie im Knast gelernt haben?

Xatar: Geduld. Ich war vorher ein sehr ungeduldiger Mensch. Und im Knast wurde ich gezwungen: Entweder bin ich geduldig oder ich nehme Drogen, um das zu überbrücken. Und dann habe ich es halt mit Geduld probiert. Mit Drogen meine ich jetzt dieses Pharma-Zeug, das einem die Ärzte da anbieten.

nordbuzz: Die bieten Psychopharmaka an?

Xatar: Ja, das nehmen viele schon vom ersten Tag an, sonst kommen die nicht klar. Die erste Station im Knast ist der Arzt - und der bietet dir gleich 'ne Palette von Sachen an, weil die meisten direkt Suizidgedanken haben. Da kriegst du diese ganzen bunten Pillen, Antidepressiva, alles was man will. Ich kannte das schon von Freunden, die aus dem Knast kamen, von dem Zeug nicht mehr runterkamen und komplett abgekackt sind. Davor hatte ich am meisten Schiss. Ohne den Glauben hätte ich das niemals geschafft. Gott hat mir eine unheimliche Kraft gegeben. Unheimlich. So, dass ich am Ende sogar glücklich war im Knast, vom Gemüt her. Krass.

nordbuzz: Sind Sie einer bestimmten Religion verbunden?

Xatar: Monotheismus. Ich bin über die Bücher da reingekommen. Als ich im Irak einsaß, gab es auf Englisch nur die Thora und die Bibel. Alles andere war auf Arabisch, das kann ich nicht lesen. Vorher hat mich das alles nicht interessiert, erst dadurch bin ich auf den Film gekommen. Als ich dann in Deutschland im Knast war, hab ich den Koran bekommen. War dann also so ein Dreiteiler-Ding. Es hat alles irgendwie zusammengepasst. Und wenn man alle drei Bücher hintereinander gelesen hat, merkt man, dass es da eigentlich keine Trennung gibt zwischen den Gemeinschaften - das ist eher ein menschliches Ding, das dann später reininterpretiert wurde. Eigentlich geht es doch nur um den Glauben an Gott und darum, Gutes zu tun. Das hat mich gepackt. Das gibt einem mehr Energie, als Heroin oder sonst was auf der Welt je geben kann.

nordbuzz: Haftbefehl, auch bei Ihnen gab es kürzlich einen großen Kurswechsel: Sie sind erstmals Vater geworden. Sie sagten einmal, wenn Sie ein Kind bekämen, würden Sie nach München ziehen ...

Haftbefehl: (lacht) Ich wohne ja schon in einer schöneren Gegend, nicht mehr in Frankfurt oder Offenbach. Es ist mir schon wichtig, in welcher Umgebung mein Sohn aufwächst. Ich will nicht, dass er das durchmacht, was ich durchgemacht habe. Da kann man sehr schnell reinrutschen. Ich gebe mir Mühe, die bestmögliche Vaterfigur zu sein.

tsch

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