Samy Deluxe

HipHop mit Ende 30

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Der erste Rapper im "Sing meinen Song"-Aufgebot: Samy Deluxe. Laut Fachkraft Xavier Naidoo ist der Hamburger auch ein exzellenter Sänger.

Der Hamburger Rap-Veteran wagt einen Ausflug ins Unterhaltungsfernsehen und "tauscht" seine Songs mit Nena, Wolfgang Niedecken, Xavier Naidoo, The BossHoss, Seven und Annett Louisan. Auch ein neues Album veröffentlicht der 38-Jährige. Dem Musikgeschmack seiner neuen TV-Fans dürfte es sich allerdings verweigern.

Vom politischen Rap-Urgestein zur Unterhaltungsshow im Privatfernsehen? Was sich anhört wie ein Abstieg, macht im Falle Samy Deluxe' durchaus Sinn: Der 38-Jährige ist Protagonist der aktuellen Staffel "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" (dienstags, 20.15 Uhr, VOX). Die kuschelig-authentische Sangesrunde ist jedoch nicht nur ein Quotenhit, sondern überzeugt auch kritische Geister, dass Musikfernsehen in Deutschland geschmackvoll und erfolgreich zugleich sein kann. Bevor Samy Deluxe in der Showausgabe vom 3. Mai nebst anschließendem Porträtfilm ("Die Samy Deluxe-Story", 22.05 Uhr) im Zentrum steht, veröffentlicht er am 29. April ein eher puristisches Rap-Album, auch das ist eine bewusste Entscheidung. Im Interview spricht die Hamburger Genre-Legende über Musik im Fernsehen, seine Balance zwischen "Chillen" und Arbeitswut sowie das HipHop-Leben mit Ende 30.

teleschau: Hätten Sie gedacht, dass Sie mal Songs von Wolfgang Niedeckens BAP covern würden und umgekehrt?

Samy Deluxe: Ich war immer offen für viele Dinge - was man auch sein sollte. In Südafrika bin ich übrigens kaum jemandem menschlich so nahe gekommen wie Wolfgang und der BAP-Familie. Wolfgang ist mein neuer "Homie", wir sind jetzt ganz "tight" (lacht). Er ist ein extrem cooler Typ und ein ganz feiner Mensch. Außerdem jemand, mit dem ich ganz viel gemeinsam habe. Eine enge Beziehung zur Mutter, 'ne gescheiterte Ehe - das ist schon krass. Aber ich bin mit allen Leuten in der Show gut ausgekommen. Kein Wunder, es sind ja auch alles echte Musiker.

teleschau: Was macht einen echten Musiker aus?

Samy Deluxe: Dass er irgendwann mal angefangen hat, sein Ding zu machen und damit über die Jahre akzeptiert wurde. Diesen Weg sind alle Leute in der diesjährigen Staffel gegangen. Für mich ist es die geschmack- und niveauvollste Runde des Formats bisher. Aber es brachte durchaus etwas, dass ich am Anfang herumgestänkert habe über die Sendung (lacht). Xavier liest in der Show mit meinen Stücken erst mal meine alten Absage-SMS vor. Ich bin kein Typ, der viel darüber nachdenkt, wie meine Meinung ankommt. Mein Kalkül war immer mein Bauchgefühl.

teleschau: Samy Deluxe steht stilistisch für ziemlich puren Rap. Wie passt das musikalisch zusammen mit einer Mainstream-Unterhaltungssendung wie "Sing meinen Song"?

Samy Deluxe: Das wollte ich auch wissen. Es war keineswegs so, dass ich zur Decke sprang, als ich gefragt wurde, ob ich mitmache. Ich sagte bereits zweimal ab. Schließlich schloss ich einen Pakt mit Nena, die ich gut kenne, seit ich viel für ihr letztes Album gearbeitet habe. Wir sagten: "Wenn du mitmachst, bin ich auch dabei." Für mich war es vor allem wichtig zu checken, ob ich mit den TV-Leuten kann. Mit anderen Musikern in der Runde sitzen und was zusammen zu machen, war nie ein Problem für mich. Wobei es mir schon wichtig war, dass keine Schlagersänger oder Castingshow-Acts dabei sind. Aber beim Fernsehen - da gibt es schon seltsame Menschen. Um die wollte ich gern einen Bogen machen.

teleschau: Welche Dinge nerven Sie an der Fernsehwelt?

Samy Deluxe: Hinter dem Privatfernsehen steht immer der Gedanke, dass man - oft um einen hohen Preis - die besten Quoten einfahren will. Dazu kommt deren Bild, dass die meisten Leute da draußen dumm sind. Also will man im TV alles so lückendicht und blöde erklären, dass es auch noch der Letzte versteht. Das ist nicht mein Menschenbild. Und auch nicht die Art und Weise, wie ich mit anderen umgehen möchte. Deshalb war ich skeptisch. Ich bin ein Künstler, der oft um drei Ecken denkt. Meine Musik und Texte sollen zwar beim ersten Mal gut klingen, aber man versteht sie eben oft erst später. Ich wusste nicht, ob ich mein Niveau in dieser Show deutlich runterschrauben muss - worauf ich überhaupt keine Lust hatte.

teleschau: Menschen, die beispielsweise viel Privatfernsehen gucken, sind also nicht dumm?

Samy Deluxe: Nein, die Menschen werden nur mit viel Dummem konfrontiert - das ist ein Unterschied. Bei "Sing meinen Song" war jedoch alles viel besser, als ich es erwartet hätte. Alle gingen höflich und respektvoll miteinander um. Und ich selbst werde über die Staffel so ein bisschen vom Underdog zum Darling der Runde (lacht).

teleschau: Warum ist diese Show, die vorher lange herumgereicht wurde, weil kaum jemand an das Format glaubte, heute so erfolgreich?

Samy Deluxe: Weil man die Menschen in der Show wirklich kennenlernt. Dies hat auch damit zu tun, dass es keinen Moderator gibt. Sicher ist Xavier Naidoo eine Art Gastgeber, der auch mal eine Moderatoren-ähnliche Frage stellt. Das macht er aber sehr dezent und nur ab und an. Eigentlich ist es ein Gespräch zwischen interessanten Musikern und Menschen, bei dem der Zuschauer Mäuschen spielen kann. Hinzu kommt, dass die Musik gut arrangiert und exzellent auf die Bühne gebracht wird.

teleschau: Nun veröffentlichen Sie im Windschatten der Show ein neues Album, das aber stilistisch ein kompromissloses Rap-Album ist. Man hätte diese Veröffentlichung zugunsten der neuen TV-Fans etwas zugänglicher anlegen können ...

Samy Deluxe: Genau das wollte ich nicht. Man darf ja auch in der Show einen eigenen neuen Titel performen. Da dachte ich schon darüber nach, eine Ballade oder so zu spielen. Schließlich habe ich diesen Gedanken aber verworfen, weil es so offensichtlich gewesen wäre. Nein, ich hatte Bock, ein puristisches Rap-Album zu machen. Eine relativ hohe Aufmerksamkeit ist dir allein durch die Show ohnehin schon garantiert. Warum soll man sich also verbiegen oder etwas vorgaukeln? So ist es doch viel besser: Ich mache das, wovon ich überzeugt bin, bin also quasi Werbetreibender in Sachen HipHop und meiner eigenen Sache. Alles andere wäre dumm und würde keinen Spaß machen. Das Album ist voller "Education", Baby. Ich rede zwar gerne Scheiße auf hohem Niveau, aber auf diesem Album ist nur ganz wenig Scheiße drauf. Es ist ein literarisches Meisterwerk.

teleschau: Gibt es ein Thema auf dem Album?

Samy Deluxe: Ja, mein Leben. Es gibt darauf zwei Lieder über Deutschland und meine Rolle in diesem Land. Ich bin eben dieser Junge aus Hamburg-Eppendorf, der die ersten 15 Jahre seines Lebens keinen anderen Schwarzen außer sich selbst gesehen hat. Sowas prägt und schärft die Perspektive auf dieses Land und das Umgehen mit dem Fremden fürs ganze Leben. Es gibt aber auch Lieder über Menschen, die ich liebe, über Kunst, Willen und Durchsetzungsvermögen.

teleschau: Neben der eigenen Musik produzieren Sie andere Künstler, betreiben eine Talentschmiede, ein Restaurant, ein Modelabel und machen nun auch noch Fernsehen. Sind Sie ein HipHop-Workaholic?

Samy Deluxe: Ach, Workaholic ist mir als Wort zu negativ belegt. Dahinter kommt gleich der Burnout. In dieser Ecke sehe ich mich nicht wirklich - weil die meisten meiner Arbeitsbedingungen der Wunschvorstellung, die ich habe, ziemlich nahe kommen. Bei mir war es schon immer so: Wenn ich von einer dreiwöchigen Tour zurückkomme, brauche ich vielleicht mal den einen Tag zu Hause. Aber danach habe ich wahnsinnige Lust, ins Studio zu gehen und neue Dinge auszuprobieren.

teleschau: Passt das Abhängen und "Chillen", was zum HipHop-Lebensgefühl immer so ein bisschen dazugehört, nicht mehr ins Lebensgefühl eines End-30ers?

Samy Deluxe: Das ist doch ein Klischee. Es sieht doch immer nur so aus, als würden die HipHop-Leute nichts tun. Und wenn dann auch noch geraucht wird, ist der Fall für den Betrachter ganz klar. In Wahrheit entstehen da in der Gruppe vielleicht gerade kreative Dinge oder sie werden in der Runde gerade besprochen. Bei uns im Studio wird viel gearbeitet, und die Pausen sind nicht viel länger als in anderen Branchen (lacht). Aber es stimmt schon - ich bin oft der Erste, der nach fünf Minuten Smalltalk sagt: "Nun lass mal weiterarbeiten."

teleschau: Worin besteht nach 20 Jahren HipHop die Befriedigung im Leben? Ist es immer noch der fette Beat, der geile Track, nach dem man sucht und den man zu finden hofft?

Samy Deluxe: Ich habe in den letzten 20 Jahren viele Dinge ausprobiert. Aber nichts fühlt sich so gut an, wie mit nichts außer vielleicht einer Idee ins Studio zu gehen und mit einem fertigen Stück Musik herauszukommen. Eben, als du die Anlage angemacht hast, war noch Stille. Und nun ist da etwas, was es vorher nicht gab. Diese Faszination finde ich jeden Tag wieder geil. Am Ende des Tages, bei mir ist es eher im Morgengrauen, höre ich mir dann noch mal an, was ich gemacht habe - und gehe in der Regel zufrieden ins Bett. Das ist meine Definition eines guten Lebens.

teleschau: Wissen Sie nach diesen 20 Jahren, was die Menschen in der Musik berührt?

Samy Deluxe: Es gibt so viele unterschiedliche Dinge, die in der Musik Gefühle auslösen können. Manchmal ist es ein Meer aus Geigen, manchmal eine nackte Stimme, eine Gitarrenfigur oder eine Schlagzeug-Figur mit einer Stimme darüber. Dass man nie weiß, was genau funktioniert, ist Teil der Faszination von Musik. Ich habe wenig Ahnung von Musiktheorie. Aber - ich hatte viel zu tun mit Menschen, die sehr viel in dieser Hinsicht drauf hatten. Die wussten allerdings auch keine bessere Antwort auf die Frage, was genau funktioniert oder berührt.

teleschau: War deutscher HipHop, als Sie anfingen, besser und aufregender als heute?

Samy Deluxe: Es war anders damals. Bei uns war es purer Idealismus, der uns antrieb. Es gab keinen kommerziellen Gedanken hinter dem, was wir machten. Für mich war die Szene damals sehr wichtig. Es war leichter für uns, unser Können zu entwickeln, das später zu langjährigen Karrieren führte. Wir hatten einfach die Zeit dafür. Auch weil man uns erst mal kaum beachtete. Jedenfalls nicht außerhalb einer kleinen Szene, die sich eher wie ein Freundeskreis anfühlte. Für die Rapper heute ist es viel leichter, in Sachen Karriere von Null auf 100 zu kommen.

teleschau: Wie kommt das?

Samy Deluxe: Weil es vom Kinder- oder Wohnzimmer ins Rampenlicht nur noch ein sehr kurzer Weg ist. Weil es heute diese ganzen Tools gibt, mit denen man die Mittelsmänner des Geschäfts und der Medien ausschaltet. YouTube, Instagram und Facebook verbinden dich direkt mit den Leuten da draußen. Oder eben nicht, wenn deine Sachen scheiße sind. Die jungen Rapper sind heute sehr viel mehr mit Kommunikation und Imagepflege beschäftigt. Zeit, die wir in unser Können investierten. Natürlich gibt es heute auch gute Leute. Aber man hat es schwerer heute, an sich zu arbeiten.

teleschau: Das heißt, Sie sind kein Fan der jungen Rap-Konkurrenz?

Samy Deluxe: Bei den Leuten, mit deren Album meines nun konkurriert, wird es Rapper geben, die vielleicht mehr Platten verkaufen. Ich bin aber mal gespannt, wie deren 20-jähriges Bühnenjubiläum aussieht. Ob das auch so ein krasses Fest deutscher Hochkultur wird wie bei mir. Die meisten Leute dieser neuen Generation werden die 20 Jahre ohnehin nicht erreichen - weil den meisten die künstlerische Substanz fehlt.

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