Heinz Rudolf Kunze

Die Magie ist geblieben

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Seit über 30 Jahren auf der Bühne: der Musiker, Autor, Literatur und Poet Heinz Rudolf Kunze.

Heinz Rudolf Kunze schaut auf seine Heimat. Und wie immer nimmt der Rockpoet dabei kein Blatt vor den Mund.

Er ist der Wortspieler unter den deutschen Rock-Poeten. Der Anspruchsvolle. Heinz Rudolf Kunzes Texte sind es wert, nicht nur gehört, sondern auch gelesen zu werden. Das gilt auch für sein neues Album (VÖ: 12.02). Dessen Titel: "Deutschland". Entstanden noch vor der Flüchtlingskrise blickt der 59-Jährige darauf aus unterschiedlichen Perspektiven auf seine Heimat. Und auf seine eigene Geschichte. Anfang der 80er-Jahre begann seine künstlerische Laufbahn. Längst ist er mehr als nur Rock-Musiker. Kunze ist Autor, schrieb für Erwachsene und Kinder, engagierte sich politisch und sozial. Ein Gespräch über dieses Land und seine Menschen, über Vorbilder, Zauberer und die Rolle der Religionen.

teleschau: Sie haben ihr neues Album "Deutschland" genannt. Da haben Sie sich was vorgenommen ...

Heinz Rudolf Kunze: Ja, das ist mir klar. Das ist ein Titel, der ein Hingucker ist, und das soll er auch sein. Ich wollte schon eine Überschrift haben, die wie ein Paukenschlag etwas ankündigt. Ich hoffe, ich habe es eingelöst.

teleschau: Leben Sie gerne in Deutschland?

Kunze: Schon. Ich kann mir nicht vorstellen, diesen Beruf auszuüben und dabei am sonnigen Mittelmeer zu wohnen. Mir würde etwas fehlen, so schön es dort auch ist. Aber ich brauche diese Sprache, diese Atmosphäre hier, um schreiben zu können.

teleschau: Wie gehen Sie derzeit mit diesem Land um?

Kunze: Vorab: "Deutschland" ist kein Konzeptalbum. Es enthält mehr als sonst autobiografisch angehauchte Lieder aus meiner Jugend und Kindheit. Dazu Bilanzen aus meiner Generation. Lieder über die Träume, die ich mir abschminken musste als Angehöriger einer Generation zwischen 68-ern und Punk. Aber ich weiß natürlich, worauf Sie anspielen. Nur: Das Album war fertig, bevor das Thema "Flüchtlinge" richtig losging.

teleschau: Mit Ihrer Aktion "Musik hilft" rufen Sie dazu auf, Instrumente für Flüchtlinge zu spenden.

Kunze: Stellen Sie sich vor, wie die Menschen hier bei uns sitzen und ungewiss auf ihre Zukunft warten. Der größte Feind ist die Langeweile. Die Menschen müssen was zu tun bekommen, damit sie nicht ausflippen. Wir haben bisher über 600 Instrumente verteilen können.

teleschau: Gab es keine staatlichen Hürden?

Kunze: Am Anfang gab es große Schwierigkeiten, weil alle Behörden überfordert abgewunken haben, bis wir die Johanniter fanden, die uns halfen. Die Aktion geht also weiter. Übrigens gaben Menschen nicht nur Instrumente. Es meldeten sich zum Beispiel auch Musiklehrer, die sich bereit erklärten, Unterricht zu geben. Das hat mich berührt und hellt mein Bild dieses Landes ein bisschen auf. Es gibt eben nicht nur Wutbürger, sondern unglaublich viele Menschen, die ihre Freizeit opfern und sich engagieren.

teleschau: Macht Deutschland derzeit alles richtig?

Kunze: Schwere Frage, wie kann man alles richtig machen? Was mich stört, ist das "Entweder-oder-Denken". Es muss ein "sowohl als auch" geben. Wir müssen manche Menschen, die vor Krieg und Elend geflohen sind, hier bei uns schützen. Und wir müssen andere, die sich nicht an die Regeln halten, eben auch wieder wegschicken. Natürlich muss unsere Demokratie ihre Werte offensiv verteidigen. Nur dann ist sie in der Lage, zu helfen.

teleschau: In Ihrem Lied "Jeder bete für sich allein" wenden Sie sich gegen den Missionierungsdrang der Religionen. Sie fordern, Religion weltweit als etwas rein Privates zu verstehen.

Kunze: Dieses Lied ist ein "frommer Wunsch", wobei ich beide Worte gleichermaßen betonen möchte. Im Allgemeinen bedeutet "frommer Wunsch": Das klappt sowieso nicht. Ich finde aber, dass es auch zu den Aufgaben von Liedern gehört, manchmal das Unmögliche zu fordern. Aber es stimmt doch: Wenn Religion reine Privatsache wäre, wäre dem Hass viel Boden entzogen. Der Religionsphilosoph Pascal sagte vor 100 Jahren: "Alles Unglück in der Welt kommt daher, dass man nicht versteht, ruhig in einem Zimmer zu sein." Ein kluger Satz. Natürlich will keine Religionsgemeinschaft auf ihre Schäfchen verzichten. Und Religion ist sicher auch nicht der alleinige Auslöser von Problemen. Aber wenn es möglich wäre, dass jeder seinen Glauben oder seinen Atheismus privat auslebt, wäre viel Druck aus dem Kessel.

teleschau: Auf Ihrem Album blicken Sie auch zurück auf Ihre Kindheit. In die "Alte Piccardie" ...

Kunze: Die kaum jemand kennt ...

teleschau: Warum war es für Sie jetzt an der Zeit für einen solchen Rückblick?

Kunze: Im letzten Jahr hörte ich viel Van Morrison. Mich beeindruckten die Songs, in denen er die Orte seiner Kindheit und Jugend zu geradezu mythischen Plätzen macht. Das weckte in mir die Lust auf ein richtiges Heimatlied.

teleschau: Nachdem Sie 1956 im Flüchtlingslager Espelkamp in Westfalen geboren wurden, verschlug es Ihre Familie bald danach an die niederländische Grenze.

Kunze: Es war nur ein kleiner Teil meiner Kindheit dort in der Alten Piccardie. Eigentlich eine Traumkindheit zwischen Bauernhöfen. Überall Tiere und Felder. Ich hoffe, dass alles, was ich in dem Lied geschrieben habe, auch wahr ist. Aber meine Erinnerung sagt das jedenfalls.

teleschau: Inwieweit hat Sie die Zeit aus heutiger Sicht geprägt?

Kunze: Wir waren Vertriebene, meine Eltern waren Flüchtlinge aus dem Osten, die es nicht überall leicht hatten. Wir aber wurden dort von den Bauern mit offenen Armen aufgenommen. Mein Vater kam erst 1956 nach Hause mit dem letzten Zug, der jemals aus der Gefangenschaft in Russland gekommen ist.

teleschau: In dem Schlusslied Ihres Albums, "Ein alter Trick", beschreiben Sie das Schicksal eines desillusionierten Zauberers, der seiner Magie nicht mehr vertraut und daher aufgibt ...

Kunze: Bevor Sie fragen: Da spiele ich nur einen Gedanken durch, ein Lied ohne autobiografische Züge. Ich bin anders. Ich habe immer noch das Gefühl, dass ab und an etwas Magisches aufkommt, wenn ich vor dem Publikum stehe.

teleschau: Sie vertrauen also Ihrer Magie noch?

Kunze: Absolut.

teleschau: Ist es heute schwerer, Menschen zu bezaubern, als in einer womöglich weniger aufgeklärten Gesellschaft zu Beginn Ihrer Karriere vor gut 30 Jahren?

Kunze: Bei meinem Publikum ist das, denke ich, nicht so. Zumal die meisten Hörer mit mir mitwachsen. Aber ich freue mich natürlich über jedes junge Gesicht, das sich auf mich einlässt. Nur: Ich hatte immer ein relativ erwachsenes Publikum. Bei meiner ersten Tour war ich 24, da sind heute manche Karrieren schon vorbei. Und schon da war mein Publikum im Schnitt eher älter. Ein Teenie-Publikum hatte ich nie.

teleschau: Sind Sie zu kompliziert für die Jugend?

Kunze: Kommt auf die Jugend an. Aber es mag sein, dass ich nur Menschen anspreche, die sich etwas genauer für Sprache und Musik interessieren.

teleschau: Welches Bild haben Sie von der heutigen Jugend?

Kunze: Die Jugend gibt es ja nicht. Es gibt junge Leute, die sich Gedanken machen, und es gibt andere. Ich schaue auf die, die mir Hoffnung machen.

teleschau: Braucht es noch Vorbilder?

Kunze: Ich jedenfalls habe immer welche gehabt - aus Literatur, Musik, Philosophie. Ich weiß nicht, ob ein Leben ohne Vorbilder möglich ist. Eher nicht.

teleschau: Wer taugte für Sie, wenn Sie heute jung wären, als Vorbild?

Kunze: Ich.

teleschau: Aber womöglich kennt Sie die 15-jährige Jeanette aus Irgendwo gar nicht ...

Kunze: Die 15-jährige Jeanette wird ohnehin womöglich Helene Fischer als Vorbild haben, was eventuell auch hormonell bedingt ist. In jungen Jahren neigt man eher zum Idol denn zum Vorbild.

teleschau: Gibt es noch Politiker, die Sie mögen? Sie pflegten da stets gute Kontakte, waren unter anderem Sachverständiger in der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages.

Kunze: In dieser Zeit im Bundestag habe ich viele Politiker kennengelernt. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich viele freundschaftliche Kontakte zu Politikerinnen und Politikern aus allen Parteien habe. Es gibt dort überall Menschen, die nachdenken, die hart arbeiten und die dem Klischee des abgehobenen, raffgierigen Politikers nicht entsprechen. Die fangen morgens um 7 das Arbeiten an und legen sich abends um 23 Uhr auf die Pritsche in ihrem Büro. Wobei das eben oft auch Politiker aus der zweiten Reihe sind.

teleschau: Können die es ganz nach oben schaffen?

Kunze: Schwer.

teleschau: Und oben bleiben?

Kunze: Sie wissen ja sicherlich um meine Freundschaft zu Christian Wulff. Das sagt ja alles darüber aus, wie schwer es ist, oben zu bleiben.

teleschau: Sie haben sich nie an dem so populären Politiker-Bashing beteiligt.

Kunze: Nein. Mit einer Ausnahme: Ich habe mal einen Sprechtext gemacht über Thorsten Schäfer-Gümbel (stellv. SPD-Vorsitzender, d. Red), den ich heute sehr bereue. Das tut mir wirklich leid. Da ist einfach ein satirisches Teufelchen mit mir durchgegangen, weil ich diesen Namen so loriot-esk fand.

teleschau: Stimmt es eigentlich, dass Sie noch immer keine E-Mail-Adresse haben?

Kunze: Ich benutze gelegentlich die meiner Frau, und den Rest macht mein Management.

teleschau: Es heißt, dass Sie sich generell der digitalen Welt eher verschließen. Ahnen Sie, was Ihnen verborgen bleibt?

Kunze: Selbstverständlich, ich bin ja umgeben von Menschen, die das anders machen als ich. Es gibt manche Musikerkollegen, die drei, vier Stunden täglich chatten, bloggen, twittern. Ich selbst schreibe in dieser Zeit lieber zwei Songtexte.

teleschau: Aber bleibt Ihnen nicht ein Teil des Wesens dieser Gesellschaft verschlossen, wenn Sie sich dem selbst verschließen?

Kunze: Ich bekomme schon genügend mit, um mir einen Reim darauf zu machen. Nur habe ich einfach irgendwann den Anschluss verloren. Und dann hatte ich einfach keine Lust mehr. Ich bin nach wie vor begeistert, dass Peter Handke beim Suhrkamp Verlag seine Manuskripte mit Bleistift geschrieben abgibt.

teleschau: In alter Rechtschreibung?

Kunze: Natürlich. In der einzig wahren Rechtschreibung ...

teleschau: Sind Sie ein sturer Mensch?

Kunze: Hier und da. Aber nicht generell. Ich halte mich nicht für unbelehrbar. Fragen Sie meine Musiker! Gerade auch im Studio nehme ich mich als Teamarbeiter wahr.

teleschau: Sie werden in diesem Jahr 60. Hat das auch Vorteile?

Kunze: Zumindest den, nicht mit 59 gestorben zu sein.

teleschau: Was ist schön am Altwerden?

Kunze: Ich möchte einfach so lange wie möglich etwas mitkriegen von der Welt, sie mit gestalten. Ich habe noch so viel zu tun.

teleschau: Also kein Gedanke an das Ende der Karriere?

Kunze: Nein. Mir persönlich geben die CDs, die jetzt zum Beispiel von Dylan oder Neil Young erschienen, viel. Wenn ein Künstler jünger ist als ich selbst, kann ich ihn natürlich respektieren, wenn er gute Sachen macht. Das gibt es einige. Aber irgendwie kann ich ihn nicht verehren. Da gehört meines Erachtens ein gewisses Altersgefälle dazu. Junge Künstler können mir einfach nicht viel Neues erzählen. Auf ein Podest hebe ich Leute, die mir auf der Lebensstrecke voraus sind.

teleschau: Fußballer sind da für Sie als Anhänger des Sports vermutlich die Ausnahme.

Kunze: Das versteht sich von selbst.

Sänger Heinz Rudolf Kunze

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