Jennifer Rostock: Genau in diesem Ton

Haters gonna hate

Jennifer Rostock - Genau in diesem Ton

Ungemütlich wurde es für Jennifer Rostock in den vergangenen Tagen. Kein Wunder, schossen sie doch medienwirksam gegen die AfD. Die Wahlberliner haben allerdings genügend Antworten parat.

Sind Jennifer Rostock das neue politische Gewissen des Deutschrock? Zumindest geben sie sich alle Mühe. Jüngstes Beispiel: Wenige Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern posteten die gebürtigen Usedomer ein Video, in dem sich Vorzeigefrau Jennifer Weist von ihrem Keyboarder Joe Walter begleiten lässt. „Willst du 'ne Partei, die ihre Wähler manipuliert? Dann wähl' die AfD! Die deren Ängste instrumentalisiert? Dann wähl' die AfD!“ Über 200.000 Mal wurde der Clip geteilt, 15 Millionen Mal geklickt. Nun, mit der Gewissheit über den Wahlausgang, mag man ihnen vergebene Liebesmüh attestieren, vielleicht auch bloße Promo für Album Nummer fünf „Genau in diesem Ton“. Das frisch angeknipste Schlaglicht ist zwar bedrohlich genau auf Jennifer Rostock gerichtet, wird die Band aber nicht zum Schmelzen bringen.

Natürlich darf man sich dieser Tage nicht wundern, was losbricht mit einem solchen Video, mit einer solchen Aussage. Natürlich hagelt es seit Veröffentlichung Protest und Hass. Und natürlich folgten Beleidigungen - doch die kennt Jennifer Weist eh: „Neider machen Leute, Verrisse in der Presse / Und das einzige Interesse gilt dem Blech in meiner Fresse“, krächzt die großflächig tätowierte und gepiercte 29-Jährige in „Neider machen Leute“. Doch ihr Anti-AfD-Song machte sie nun zur Zielscheibe ganz anderer Kaliber. Höhepunkt war wohl ein Zettel, groß bedruckt mit „Genau wegen solcher schlampen wie dir wähle ich afd“ [sic!], der jüngst im Briefkasten von Weists Privatwohnung landete.

Vielleicht wäre „Genau in diesem Ton“ unter diesem Eindruck noch drastischer ausgefallen. Doch hier und da sind die Ellenbogen der Sängerin und ihrer Jungs auch so schon gespitzt. Sowieso alle gleich, also stumpfe Demokratie- und Parteienverdrossenheit - darauf antworteten sie bereits in den Kommentaren ihres Protest-Posts gekonnt mit dem Video zur neuen Punknummer „Irgendwas ist immer“: Falscher Stolz, Meckerkultur, schlechter Geschmack - Jennifer Rostock machen sich darin Luft gegen das von der AfD glorifizierte Deutschsein. „Nicht von hier“ erklärt leiernd, dass Pässe nur Papier sind und spricht sich gegen zündelnde Machthaber aus.

Eine alles überstrahlende Präsenz, Schnoddrigkeit, Schrillheit, aufgefrischtes Skandalpotenzial, zudem der dicke NDW-Stempel in einer Vielzahl der Songs: Jennifer Weist wird spätestens mit dieser Platte als neue Nina Hagen gehandelt werden. Eine moderne Nina Hagen, die es in „Hengstin“ schafft, verwundernd unpeinlich und durchaus doppelreimgeschult über einen Trap-Beat zu rappen. Auch in „Nicht von hier“ macht Weist sprechsingend eine gute Figur. Kraft- wie hingebungsvoll und reduziert gestaltet sie gleichzeitig die wenigen Balladen wie „Deiche“.

Ja, Jennifer Rostock haben mit ihrer Frontfrau das Zeug, auch an einem Diskurs teilzunehmen, der nicht an der Pop- und Rockfestival-Fassade haften bleibt und zu verdursten droht. Man darf sie ernst nehmen - künstlerisch wie in Sachen Haltung. Auch wenn sie nicht ganz verschwunden ist auf „Genau in diesem Ton“: die biedere Juli- und Silbermond-igkeit („Wir waren hier“ und „Leuchttürme“). Darüber hinweg hilft aber die Gewissheit, dass sich ein spätsommerlicher Tag am See oder ein Roadtrip, also die vielbesungene und wenig aneckende beste Zeit im Leben, bei Jennifer Weist fesselnder und unbändiger gestaltet als bei Eva Briegel und Stefanie Kloß.

Jennifer Rostock auf Tournee:

06.09.2016, Hamburg, Knust

07.09.2016, Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld

08.09.2016, Berlin, SO 36

11.09.2016, Leipzig, Werk 2

13.09.2016, München, Backstage

14.09.2016, Stuttgart, Im Wizemann

15.09.2016, Zürich, Exil

27.01.2017, Ulm, Roxy

28.01.2017, Pratteln, Z 7

31.01.2017, Saarbrücken, Garage

02.02.2017, Frankfurt, Batschkapp

03.02.2017, Köln, Palladium

04.02.2017, Nürnberg, Löwensaal

09.02.2017, Stuttgart, Im Wizemann

10.02.2017, München, Tonhalle

15.02.2017, Hamburg, Mehr! Theater

17.02.2017, Dresden, Alter Schlachthof

18.02.2017, Erfurt, Thüringenhalle

19.02.2017, Berlin, C-Halle

23.02.2017, Hannover, Capitol

24.02.2017, Leipzig, Haus Auensee

25.02.2017, Rostock, Moya

tsch

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