Dellé: Neo

Häuslebauer mit Dreadlocks

Dellé - Néo

Seeed-Frontmann Dellé klingt auf seiner zweiten Soloplatte „Neo“ reifer, aber wenig revolutionär. Es könnte dem 46-Jährigen egaler nicht sein.

„Before I Grow Old“ - so nannte Dellé 2009 mit Ende 30 sein erstes Soloalbum. Wirklich alt ist der inzwischen 46-Jährige auch sieben Jahre später noch nicht. Doch erreicht hat der gebürtige Berliner mit ghanaischen Wurzeln schon einige Dinge, die man vor dem letzten Lebensdrittel eben so erreicht: Ein Kind bekommen? Check. Ein Haus bauen? Check. Doch berühmt werden? Nein, das wollte der Seeed-Frontmann nie so wirklich. Während Bandkollege Peter Fox auf Solopfaden den Festivalmassen einheizte, entspannte sich Dellé als leidenschaftlicher Musiker im Hintergrund. Nach dem Comeback mit Seeed vor vier Jahren und einer umfangreichen Tour durch Europa und Südamerika kehrt der sympathische Dreadlock-Träger nun mit seiner zweiten Platte „Neo“ als Solokünstler zurück. Reifer klingt das allemal, neu allerdings ist daran kaum etwas.

Was soll man von einem Album halten, das mit einer Art „Lemon Tree“-Melodielauf beginnt? Glücklicherweise wandelt sich der Opener „Teach Me“ dann doch recht fix zum hedonistischen Mojo-Stück mit Laid-Back-Flair samt Knarz-Bassline. Und gibt damit gleich die Wegrichtung für „Neo“ an: Einerseits Sommer-Sonne-Sinnlostexte à la „Wanna Be Cool, Yeah / Wanna Be Free, Yeah“, wie Dellé glücklicherweise nur manchmal mit peinlichgefaktem Jamaica-Akzent raunt - er hat ja seinen eigenen. Weitere Kostproben? „Check into your hospital / heard about the good care“ im selben Song, oder „How do you feel tonight / gimme a sign“ in „How Do You Do“, das dank der Collabo mit Boundzound den Seeed-Stücken noch am nächsten kommt.

Doch „Neo“ birgt auch andere Seiten abseits teutonischer Reggae-Romantik. Klar, wer als irgendwie subkulturell wahrgenommener Musiker langsam auf die 50 zugeht, thematisiert das Alter: „Sieben Jahre später gleich sieben älter. Reifer. Ich empfinde anders und gehe anders an bestimmte Dinge heran. Und das hört man hoffentlich auch“, sagt Dellé über sein Album. Man hört vor allem, dass er über das Gefühl des Älterwerdens textet: „Feel young but your body seem to fall apart“ etwa, oder: „Best time is runnin' faster“.

Beats, Texte, Flow wirken über die meiste Spielzeit konventionell und wohlbekannt - im guten Sinne, muss man angesichts der recht veränderungsunwilligen Szene wohl sagen. Doch es gibt sie, die gewagteren Ausflüge auf „Neo“: Sphärisch-experimentell überzeugt etwa „Take Your Medicine“, ebenso wie der wohl erste und überaus liebevolle Song über ein Trisomie-Kind in „Trisomy 21“. Dass Dallé sich im ersten Song „Fresh and Revolutionary“ gibt, scheint dann doch übertrieben - revolutionär ist an „Néo“ nicht viel. Herausstechen oder mit verkrampftem Deutschreggae nerven will der Sympath auch gar nicht. Sondern einfach Sommermusik fürs Auto machen. Das gelingt.

So richtig schlimm geht's dann aber trotzdem: „Girl do you want to marry me?“ klingt es bei „Marry Me“ wie eine Mixtur aus einer schleimigen Boyband-Nummer der 90-er und „Red Red Wine“. Überhaupt: Hartgesottene Reggae-Hörer werden Dellé, der ganz pflicht- und klischeebewusst zum Musikaufnehmen oft nach Jamaika reist, mangelnde Realness vorwerfen. Aber wie gesagt: Es ist dem häuslebauenden Familienvater mit den Dreadlocks herzlich egal.

Dellé auf Tournee:

03.07.2016, Summerjam, Fühlinger See

24.07.2016, Das Fest - Karlsruhe, Günther-Klotz-Anlage

13.08.2016, Heitere Open Air, Heitere-Platz

03.11.2016, München, Ampere

04.11.2016, Leipzig, Werk 2

05.11.2016, Rastatt, Mercedes-Benz Kundencenter

06.11.2016, Aschaffenburg, Colossaal

08.11.2016, Berlin, Postbahnhof

09.11.2016, Hamburg, Gruenspan

10.11.2016, Köln, Kantine

tsch

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