Dinosaur Jr. mit neuem Album

Das Gegenteil von ausgestorben

+
Weiße Mähne, jugendlicher Esprit: In der Originalbesetzung aus Frontmann J. Mascis (links), Drummer Murph (rechts) und Bassist Lou Barlow begeistern Dinosaur Jr. auch im fortgeschrittenen Alter.

Auf „Give A Glimpse Of What Yer Not“ versprühen die alten Herren der Indie-Legende Dinosaur Jr. ungeahnt frische Jugendlichkeit.

„Wir sind keine sexy Band, wir sind keine Tanz-Band“ - Bassist Lou Barlow vermittelt im Interview eine genaue Ahnung davon, was Dinosaur Jr. nicht sind. Schließlich fordern die US-Indie-Legenden im Titel ihres neuen Langspielers „Give A Glimpse Of What Yer Not“ zu genau jener Offenbarung auf. Nicht nur haben Barlow, Frontmann J Mascis und Drummer Murph seit ihrer 2007er-Reunion inzwischen mehr Platten aufgenommen als einst in den späten 80er-Jahren. Auch definieren die Prototypen des langhaarigen Außenseiter-Noise mit ihrem einnehmenden Werk nun endgültig, wovon sie sich abgrenzen. Dafür genügt eine treibende Frischekur des gewohnten Dinosaur-Sounds. Und der ist, da muss man Barlow widersprechen, selbstverständlich tanzbar.

Oft passiert so etwas ja nicht: Dass eine 80er/90er-Band, die anno dazumal jugendliches Ab- und Rumhängen als stilistisches Insignium zelebrierte, auch nach ihrer Wiedervereinigung Jahre später eine derartige Jugendlichkeit ausstrahlt, als hätten die späten 80-er nie aufgehört. Mehr noch: Als hätten die Bandmitglieder, die sich standesgemäß fünf Jahre nach Gründung zerstritten hatten, im erneuten Zusammenraufen einen Quell bislang ungenutzter Energie entdeckt.

Denn die spürt man auf „Give A Glimpse Of What Yer Not“ wie nie: Neun Jahre nach dem überraschenden Comeback mit „Beyond“, das für die meisten Fans und Kritiker nicht mehr als ein kurzlebiges Versuchenwirsnochmal darstellte, haben sich die ewigen Streithähne Mascis und Barlow noch immer nicht endgültig zerfetzt. Im Gegenteil: In der alten Originalbesetzung spielen die Herren um die 50 auch nach den zwei Folgeplatten „Farm“ (2009) und „I Bet On Sky“ (2012) abgeklärter und frischer denn je. Ihre 20-jährigen Alter Egos dürften nicht schlecht staunen, was das Mastermind Mascis an Songs aus dem weißmähnigen Haupt zaubert, was diese Knacker mit Familien da an jugendlichem Underground-Esprit fabrizieren. Ausgestorbene Dinosaurier sehen anders aus.

Egal, ob mit dem grunge-optimistischen Opener „Goin Down“, der 90er-Noise-Ballade „Be A Part“, dem countryrockhaften „Love Is ...“ oder dem genussvoll schleppenden „I Walk For Miles“: Die Dinos belegen in den elf Songs ihres insgesamt 14. Albums mal eben eindrucksvoll, warum sie wohl hunderten Gitarren-Bands seit den 90-ern völlig zu Recht als Inspiration und Vorbild dienten. Und auch, warum man ihnen trotz nicht gerade ausgeprägter Experimentierfreude keineswegs übliches Reunion-Altherrentum vorwerfen kann: Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Mascis habe ein jüngeres Ich aufgetaut und ins Studio gestellt.

Dass seine Texte dabei mehr oder minder zwischen Allerweltspsychologie („I don't know my way / I don't trust the reasons“), Pseudophilosophie („Here comes the age / With forgiveness is a sin“) und lahmem Beziehungsspiritualismus („Are You With Me When I'm Gone“, „Come On And Be A Part Of Me“) schwanken: geschenkt, das taten sie schon immer. Sensationell indes, wie beiläufig das Trio die Essenz von Rockmusik als widerspenstiger, mitreißender, und ja, auch harmonischer und tanzbarer Kunst feiert. Diese Gratwanderung war es, mit der Dinosaur Jr. vor über 30 Jahren den von Mackertum durchdrungenen Rock entstaubten. Und sie macht auch heute angesichts erschlaffter Gitarrenmusikinnovation noch überaus deutlich, wofür man definitiv nicht steht. Wenn das nicht sexy ist.

Dinosaur Jr. auf Tournee:

04.11.2016, Rolling Stone Weekender, Ostsee-Ferienpark

11.11.2016, Berlin, Astra Kulturhaus

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren