Freischwimmen nötig

Andreas Kümmert: Recovery Case

Andreas Kümmert - Recovery Case

Talent hat er, sympathisch darf man ihn auch finden. Und eine diagnostizierte Angststörung gibt nun die Erklärung für so manchen Ausfall. Aber Andreas Kümmert hat noch immer nicht das richtige Liedmaterial gefunden.

Man war sich sicher: Dieser Typ wird nicht so schnell von der Bildfläche verschwinden. 2013 war es, als Andreas Kümmert, der kräftige, oft etwas schmuddelig wirkende junge Mann aus dem unterfränkischen Gemünden am Main, „The Voice of Germany“ gewann. Einem soliden Start in die neue Karriere mit „Here I Am“ (2014) folgten eine Vielzahl von Skandälchen, von denen irgendwann nur noch in den heimischen Lokalblättern zu lesen waren. 2015 dann war er wieder da, mitten auf der Bildfläche, wo sein erwarteter doch nie vollzogener Sturmlauf begann: Andreas Kümmert gewann mit einem Erdrutschsieg die ESC-Vorentscheidung, ließ dann aber noch bei der Verkündung verlauten, er wolle gar nicht. Heute erklärt er: Er leidet an einer Angststörung. „Recovery Case“ bedeutet sein Comeback.

Nicholas Müller, langjähriger Sänger der Rockgruppe Jupiter Jones, verließ 2014 seine Band aufgrund gleicher Diagnose. „Wer selbst nicht in dieser Situation steckt, kann sich keine Vorstellung davon machen, wie das ist, wenn auf einmal eine große Lampe über dir angeht, du mitten im Lichtkegel stehst und jeder sich ein Urteil über dich bildet“, erklärt Kümmert seinen Fall. Atemnot, Angst vor dem Tod, Angst, auch völlig ohne Grund - erst eine Therapie konnte dem 30-Jährigen wieder auf die Beine und Bühne helfen.

Sein Publikum ließ er lange im Unklaren - zur Zeit der ESC-Ausscheidung wusste er selbst noch nicht, was ihn bedrückt. Viele reagierten mit Spott, mit Hass. Beleidigungen in Kommentarspalten und direkt gegen ihn und Familienmitglieder setzten Kümmert hart zu. Mit „Recovery Case“ will er sich freischwimmen von all dem - genauso, wie er es von seiner „The Voice“-Zeit schon längst gemacht hat. Sein Mentor Max Herre, der auch „Here I Am“ mitproduzierte, ist passé. Christian Neander heißt der Neue an Kümmerts Seite. Der Ex-Selig-Mann ist bekannt für seinen poppigen Zugang zum Blues.

Und so gestaltet sich nun auch die neue Platte. Die erste Single, der Blues-Rocker „Notorious Alien“, ist (leider) nur Ausreißer. Nach wie vor traut sich Andreas Kümmert - beziehungsweise dessen Umfeld - nicht, sich im Schmutz zu suhlen. Es würde ihm wunderbar zu Gesicht stehen, dunkle Tage zu beschreiben, zu motzen, den Mittelfinger rauszuholen. Doch der Mann mit dieser zweifelsfreien Gabe, mit dieser Präsenz und natürlich dieser packenden Stimme, kriegt im Gros der Stücke ein Klavier zur Seite gestellt, hier und da sogar Streicher wie in „Lonesome But Free“, und wird so einen großen Teil seiner Gefühligkeit beraubt.

Schlimmer noch, wenn der Sound von nickelback'schen Pop-Rock-Gitarren bestimmt und bei den griffigen Refrain-Zeilen so richtig „abgerockt“ wird („Train To Nowhere“). Dabei liefert Kümmert die eigene Lösung. Es ist der Blues wie in „Ego Song“ - die einzige Spielform, in der er sich wunderbar ausjammern kann. Oder auch Balladen, die spärlicher produziert sind wie etwa „I Love You“ - ein Lied, das die Selbstliebe anrufen soll. Insgesamt sei das Album auf Kümmerts Krankheit gemünzt. Doch dafür verharrt der Singer/Songwriter zu sehr in zu oft gehörten, fast standardisierten Bildern. Gut, dass es ihm wieder besser geht. Auf das wirkliche Freischwimmen muss man allerdings noch warten.

Andreas Kümmert auf Tournee:

21.10.2016, Hannover, Faust

28.10.2016, Nürnberg, Hirsch

04.11.2016, Bremen, Schlachthof

05.11.2016, Wolfhagen, Kulturhalle

06.11.2016, Leipzig, Moritzbastei

07.11.2016, Magdeburg, Moritzhof

08.11.2016, Berlin, Lido

09.11.2016, Bochum, Zeche

11.11.2016, Leverkusener Jazztage, Festival

02.11.2016, Hamburg, Mojo Club

13.11.2016, Frankfurt, Batschkapp

15.11.2016, Stuttgart, Im Wizemann

16.11.2016, München, Ampere

tsch

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