Beyoncé: Lemonade

Was Frauen aus Zitronen machen

Beyoncé - Lemonade

Beyoncé veröffentlicht über Nacht ein feministisches Manifest exklusiv bei Tidal. Aber "Lemonade" nur als solches zu sehen, wäre zu kurz gegriffen.

Ist es die Kunst der (Selbst-)Inszenierung, die man Beyoncé Knowles keineswegs absprechen kann, ist es bloße musikalische Tragkraft oder tatsächliche gesellschaftliche Relevanz? Wie so oft dürfte es die Mischung sein, die Beyoncé auf den Thron hievt, den sie aktuell gerade in den USA innehat. Ach so kleine wie deutliche Reminiszenzen an geschichtliche und politische Begebenheiten werden in jedem Auftritt, in jedem Clip, in jedem Wink ausgemacht, diskutiert, gefeiert und ebenso verurteilt. "Lemonade" bietet für dieses Spiel abermals genügend Angriffsfläche. Das am 24. April über Nacht veröffentlichte sechste Album der 34-Jährigen liefert den Stoff für ein feministisches Manifest. Und es ist ein audiovisuelles Meisterwerk.

"The most disrespected person in America is the black woman. The most unprotected person in America is the black woman. The most neglected person in America is the black woman." - Ein Exzerpt aus der Malcolm-X-Rede "Who Taught Yourself?" aus dem Jahr 1962 ertönt im gleichzeitig erschienenen Video zum Album.

Dabei handelt es sich um eine über einstündige Reise durch verschiedenste Orte, Stimmungen, Farben, Eindrücke, Kleider und Frisuren Beyoncés, zusammengehalten durch die Musik aus ihrem neuen Album. Zu sehen darin: Vor allem Frauen, vor allem schwarze Frauen. Weiter im Text, bei Beyoncé nicht zu hören, erklärt der Nation-Of-Islam-Führer, dass gerade Muslime Frauen zu respektieren und zu schützen haben - ein Fass, das Frau Knowles geschlossen lässt. Doch als schwarze Christin hat sie genügend zu verarbeiten unter dem Themendach, welches sie für "Lemonade" aufgezogen hat.

Natürlich ist es so wie schon bei Kendrick Lamar, dem Rapper, dem seit Monaten Wunder nachgesagt werden, weil er das Leben der Schwarzen in den USA so geschickt ge- und verdichtete Aufmerksamkeit und Wahrheit schenkt. Auch auf "To Pimp My Butterfly", seinem Kritikerliebling aus dem vergangenen Jahr, geht es nicht rundherum um die Position der eigenen Ethnie im "Land der Freien". Es geht immer wieder auch um ihn selbst, um Gepose und Schwanzvergleiche. Er ist eben ein Rapper. So wie Beyoncé eben eine Soul-Pop- und R'n'B-Sängerin ist. Liebeslieder ohne weiterführenden Kontext sind hier genauso wenig vermeidbar wie das Frönen eines teuflischen Lebens in Rock und Heavy Metal sowie das Geborgensein in Traurigkeit im Blues.

Doch die schon immer mitschwingende Emanzipation der Frau vom Patriarchat klingt bei Beyoncé 2016 weitaus differenzierter und aufregender als noch mit ihrer Girlgroup Destiny's Child oder zu frühen Solozeiten. "Independent Woman" (2001) und "Single Ladies" (2008) waren griffige, freche Hymnen für die Großraumdisco, bei der sich Frauen rund um den Erdball für einen kurzen Moment beim Hinternwackeln ein wenig stärker als sonst fühlen sollten. Spätestens mit "Lemonade" werden dieselben Themen tiefgründiger angefasst. Das "Ich mache meine eigene Kohle"-Stück "6 Inch" etwa dürfte mit seiner Intensität ganz anders wirken. Auch musikalisch herrscht hier keine Effekthascherei durch eine leichtbekömmliche, bekannte Struktur. Wie das zuerst bei dem US-Pay-TV-Sender HBO ausgestrahlte - und wie die Platte vorerst exklusiv bei Tidal streambare - Video zum Album ist so mancher Track auf "Lemonade" eine Reise mit Hindernissen und häufigem Umsteigen.

"Daddy Lessons" ist mit Steel Guitar und Claps eine Mischung aus Country und afroamerikanischem Work Song. "Oh stars in her eyes / She fights and she sweats those sleepless nights / But she don't mind she loves the grind / She grinds from Monday to Friday" - selbst ist die Frau. "Don't Hurt Yourself" mit Jack White und dominierendem Led-Zeppelin-Sample ("When The Levee Breaks") ist ein rotziges, verzerrtes Mischobjekt aus Blues- und Garagenrock sowie Rap. Aggressiver hat man Beyoncé selten gehört: "Who the fuck do you think I am? / You ain't married to no average bitch, boy / You can watch my fat ass twist, boy / As I bounce to the next dick, boy / And keep your money, I got my own", heißt es darin. Das zackige, doch klassischere "Sorry" steckt ebenso voll mit solcherlei Ansagen.

Der Fokus liegt längst nicht mehr auf sextauglicher Untermalungs- oder Tanzmusik. Beyoncé und ihre zugegeben wieder vielzähligen Helferlein beim Texten und Produzieren machen klar: Eine Frau besteht auch ohne Mann, hat nicht zum Ziel, diesem zu gefallen und ihn glücklich zu machen. Und wenn ein Mann genau das erwartet, ist es Zeit für "Middle finger's up, put them hands high / Wave it in his face, tell him, boy, bye" ("Sorry"). Doch auch wenn er immer weiter in den Mittelpunkt rückt, der feministische Puls von "Lemonade" jederzeit spürbar ist, so taugt er auch als Taktgeber für weitere Themenspektren. In "Daddy's Lessons" geht es etwa um die Akzeptanz von Eltern - gerade wenn die ganz texanisch-konservativ nicht mehr ins eigene Bild passen mögen. Mit Kendrick Lamar (und dem lieben Gott) sprengt Beyoncé in "Freedom" alle inneren Ketten. Mit Erfolg: Solche sind auf "Lemonade" wahrlich nicht auszumachen.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren