Milow

Ein Eisbär in Los Angeles

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34 Jahre alt und schon sechs Alben aufgenommen: Milow ist ein ebenso fleißiger wie sympathischer Musiker.

Ein Milow-Hit ist unverwechselbar. Nach "You And Me (In My Pocket)" hat es jetzt, fünf Jahre danach, wieder geklappt: Die neue Single des 34-Jährigen ist ein Ohrwurm zum Liebhaben: "Howling At The Moon". Zeit für ein Interview mit dem sympathischen Belgier.

Möchte Milow ein Eisbär sein, im kalten Polar? Dann müsste er nicht mehr schreien und alles wär' so klar? Nein, eigentlich hat der belgische Songwriter keinen Grund zu heulen. Die Karriere läuft gut, und seine neue Single "Howling At The Moon" ist bereits ein Radiohit. Im Video zu diesem Ohrwurm trägt der 34-Jährige zwar ein Eisbärkostüm, hält aber den Kopf des Tieres in der Hand - die Szene wurde auch das Motiv des Plattencovers zu einem neuen Album "Modern Heart" (ab 13. Mai). Was dahinter steckt, warum er einen Großteil seines Lebens in Los Angeles verbringt und wie ihm die ewige Rolle als Außenseiter gefällt, erzählt Jonathan Vandenbroeck, so der bürgerliche Name des sympathischen Glatzkopfs, im Interview.

teleschau: Das Video zu "Howling At The Moon" und das Cover Ihres neuen Albums "Modern Heart" zeigt Sie in einem Eisbärkostüm. Wie warm war es darin?

Milow: Oh, sehr. Obwohl es im Juni in Los Angeles geregnet hatte, was relativ ungewöhnlich ist. Zunächst hatte ich mir das sehr alte Kostüm nur für ein paar Fotos geliehen. Wir drehten in einer rauen Gegend in Downtown L.A., in der es nicht ungefährlich ist. Ich lief also in meinem viel zu warmen Bärenkostüm herum und hatte ständig Angst, dass es kaputtgehen könnte. Alte Sachen fallen ja gerne auseinander.

teleschau: Und dann haben Sie es sich anders überlegt und machten das Kostüm zum Hauptdarsteller des Videos Ihrer ersten Single?

Milow: Ja, ich wollte mit dem Video den Weg zum Albumcover dokumentieren, auf dem ich das Kostüm nicht komplett trage. Ich habe den Eisbärenkopf in der Hand.

teleschau: Das klingt, als hätte das eine Bedeutung?

Milow: Hat es. In den letzten Jahren versteckte ich mich ein wenig hinter meiner Musik, wollte nie von mir sprechen oder gar ein Celebrity sein. Meine Songs sollten ganz isoliert von mir überzeugen. Jetzt fängt ein neues Kapitel an. Ich nehme den Kopf des Kostüms ab, werde sichtbar. Ich zeige mich!

teleschau: Sie haben jetzt also mehr Selbstbewusstsein?

Milow: Das Kostüm soll eine Metapher sein. Es geht darum, ein Außenseiter zu sein. Wobei ich sagen muss, dass ich dieses Gefühl seit frühester Kindheit kenne und mittlerweile auch mag. Ich wuchs in einem kleinen Ort in Belgien auf, meine Mutter ist Holländerin, was bedeutete, dass wir Kinder eine leichte Färbung hatten. Damals war ich auf der Suche nach mir, wollte dem, was in mir war, Ausdruck verleihen, wusste aber noch nicht wie. Ich musste weg, raus aus der Enge. Auch heute bin ich noch ein Außenseiter, in Los Angeles, wo ich zum Teil lebe, oder auch hier in Deutschland.

teleschau: Dabei geht es aber nicht vorrangig um die Nationalität, oder?

Milow: Nein, ich war ja auch in Belgien nie Teil einer Szene, auch nicht, als ich ein ernsthafter Musiker wurde. Ich gründete mein eigenes Label, war mein eigener Manager, habe eigentlich alles selbst gemacht. Wenn ich jetzt international arbeite, bin ich kein Amerikaner oder Brite wie die Mehrheit, sondern komme aus dem sonderbaren Belgien. Aber ich mag es eigentlich sehr, wenn ich mit Menschen arbeite, die mich nicht kennen, so wie ich das bei diesem Album gemacht habe.

teleschau: Der Titel "Modern Heart" lässt unterschiedliche Interpretationen zu.

Milow: Meine wäre, dass er zusammenfasst und zeigt, wie ich denke. Ich bin einer, der Technologie mag, kombiniere sie mit Menschlichkeit und Gefühl. Man soll einen Herzschlag unter den Beats hören, von denen sich viele auf dem Album befinden, also auch ein bisschen "Modern Art". Andererseits ist das Wort "Modern" so veraltet. Wir sind ja mindestens postmodern. Und somit bin ich Nostalgiker (lacht).

teleschau: Ein einsamer Nostalgiker?

Milow: Nein, ich hänge ja meistens mit der Band ab, habe alte und neue Freunde, und ich kann es sehr gut eine Weile mit mir selbst aushalten. Was man auch sollte, wenn man Songs schreibt und als Solokünstler die meiste Arbeit selbst macht.

teleschau: Sie sagten einmal, der erste Eindruck zählt bei Ihren Liedern. Was zählt bei Menschen?

Milow: Ich folge seit zehn Jahren in Bezug auf Musik oder Freundschaften meiner Intuition. Ich schaue jemandem in die Augen, und dann habe ich ein Bild. Worauf das basiert, ist nicht leicht in Worte zu fassen. Das heißt ja keineswegs, dass ich damit richtig liege. Ich kenne Menschen, die einen fabelhaften Eindruck machten und sich dann doch als anders herausstellten. Aber ich glaube, dass ich mich von 70 auf 95 Prozent gesteigert habe mit meiner Einschätzung. Nur was ich mag oder nicht, kann ich so nicht beantworten.

teleschau: Sie leben teilweise in der Nähe von Brüssel und zeitweise in Los Angeles ...

Milow: ... was aber nicht heißt, dass ich sechs Monate im Jahr am einen oder am anderen Ort bin. Das ist flexibel. Der Begriff Zuhause hat sich gewandelt: Als Teenager dachte ich, das sei deine Adresse, aber heute ist das für mich nur eine von vielen Definitionen. Auf Tour zu sein kann auch Zuhause sein, wie das Zuhause in Belgien oder Los Angeles, wo ich Luft hole.

teleschau: Können Sie das näher erläutern?

Milow: Da muss ich etwas ausholen: Als ich mit meinem ersten Album in Belgien ein Publikum fand, war das schon sensationell. Ich durfte auf einmal rumreisen. Es ging immer weiter, und ich hatte keine Ahnung, wie mir geschieht. Dann starb mein Vater mit 53, das war ein Schock für mich, denn er war einer meiner großen Förderer. Ich machte trotzdem weiter, weil ich dachte, so eine Chance kommt nicht wieder. Ein weiterer Einschnitt war das Ticket, das ich nach Los Angeles buchte, und nicht wusste, wie lange ich bleibe.

teleschau: Es wurde ein längerer Aufenthalt ...

Milow: Mittlerweile wohne ich dort für knapp die Hälfte des Jahres, um meine Balance zu finden. Da kann ich hinfliegen und mir die Mütze voll Schlaf holen, die mir vielleicht fehlt, wenn ich in Europa bin. Nach Los Angeles fliege ich, wenn ich schreiben und kreativ sein will. Es ist meine Insel - oder anders: Ich bin unter Wasser und brauche ab und zu Luft. Diese Luft ist Los Angeles für mich.

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