Róisín Murphy: Take Her Up To Monto

Mit Ecken und Groove-Kanten

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Róisín Murphys neues Album „Take Her Up To Monto“: Die Ex-Sängerin von Moloko hat tief in die musikalische Trick- und extravagante Verkleidungskiste gegriffen.

Molokos ehemalige Sängerin Róisín Murphy veröffentlicht mit „Take Her Up To Monto“ eines der anspruchsvollsten Pop-Alben der Saison.

Nach etwa einer Minute und 50 Sekunden von „Thoughts Wasted“ ist es soweit: Nachdem der aufmerksame Hörer vorher bereits Zeuge doppelt so vieler Song-Teile wurde, wie ein normales Lied nach drei oder vier Minuten bietet, folgt an dieser Stelle ein instrumentaler Zwischenteil: mit Geigenkaskaden und flötenähnlichen Vogelstimmen, die an Bachs Kunst der Fuge, zumindest aber an Soundtracks von Michael Nyman erinnern. Ja, es ist fordernd, was Róisín Murphy - ehemals die Stimme Molokos - auf „Take Her Up To Monto“ zu bieten hat - ihrem zweiten neuen Album binnen anderthalb Jahren. Dennoch gestaltet sich der Trip in die Tiefe dieser seltsamen Musik zwischen Roboter-Disco und Progressive-Pop äußerst reizvoll.

Vor gut einem Jahr veröffentlichte Róisín Murphy ihr erstes Album seit acht Jahren. Nach vier Moloko- und zwei Solo-Alben widmete sich die Sängerin eine Weile dem Kinderkriegen und kleineren Gesangsprojekten wie der italienischen EP „Mi Senti“. Als sie dann mit Eddie Stevens - früher bereits beteiligt am Projekt Moloko - für fünf Wochen ins Studio ging, geriet diese Zeit so kreativ, dass es für zwei Alben reichte. Nach „Hairless Toys“, das 2015 für den renommierten Britischen Mercury Music Prize für das beste Album des Jahres nominiert war, erscheint nun abermals ein neues Werk der 43-jährigen Irin.

Dass es nicht völlig anders klingt, ist bei dieser Entstehungsgeschichte kaum verwunderlich. Dennoch gibt es Unterschiede. „Wir haben uns diesmal noch mehr getraut und auch die weniger groovenden oder offensichtlichen Ideen umgesetzt“, erzählt Murphy. Tatsächlich ist „Take Her Up To Monty“ noch eine Spur eckiger und komplexer geraten als das postmoderne Disco-Werk „Hairless Toys“. Vor Eddie Stevens und dessen Progressive-Rock-Vorlieben hatte Murphy („There is so much Disco in me“) nach eigenem Bekunden ein wenig Angst. Doch die Schnittmenge der beiden Kreativen - irgendwo zwischen Genesis zu Peter Gabriels Zeiten, Billy Holidays Jazz, Laurie Andersons Sprechgesang und Progressive House Music - ist äußerst reizvoll.

Durch den Eröffnungs-Track „Mastermind“ muss man sich irgendwie durchkämpfen. Mit seinen kalten synthetischen Basslinien und den arg eckigen Rhythmen klingt er, wie man sich in alten Science-Fiction-Filmen eine Roboter-Disco verstellte. Wie auch bei vielen anderen Stücken dieses Albums braucht es Zeit, um sich an diesen vielschichtigen Sound zu gewöhnen. Einfaches Hören gibt es hier kaum, am ehesten noch bei der Easy-Listening-Referenz „Lip Service“ oder der anrührenden Ballade „Whatever“.

Die faszinierendsten Stücke sind jedoch jene, die sich der Hörer fünf- bis zehnmal zu Gemüte führen muss, um ihre emotionale Tiefe und Klangzauberei zu erfassen: das oben angesprochene „Thoughts Wasted“, ein irgendwie im emotionalen Gefahrengebiet groovendes „Pretty Gardens“, in dem Murphy Details ihrer Schambehaarung thematisiert oder auch das sieben Minuten und 42 Sekunden währende „Erinnerungsprotokoll“: Jenes erinnert an den alkoholumnebelten letzten Auftritts Molokos in einer entlegenen Bergregion der Türkei (!), welcher gleichzeitig die endgültige Trennung Murphys von ihrem Musik- und Lebenspartner Mark Brydon bedeutete.

Es ist ein Album der tausend Geschichten und Klangmalereien, verführerischer Zweifel sowie rätselhafter Sounds und Grooves. Verantwortlich dafür sind eine Ausnahmesängerin und Multi-Künstlerin sowie ihr genialischer Kompositions-Gefährte. So viel Kunst im Pop wagen neben Róisín Murphy heute vielleicht nur noch Björk oder Kate Bush. Dass sich viele Rezipienten die Zeit nehmen, das Gesamtkunstwerk Róisín Murphy verstehen und fühlen zu wollen, wäre absolut wünschenswert.

Róisín Murphy auf Tournee:

11.11.2016, Berlin, Loolapalooza

tsch

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