Neues vom Grübler

Album „Ruminations“: Conor Oberst wird erwachsener

Conor Oberst - Ruminations

Nach schwierigen Jahren kehrt Conor Oberst dylanesk mit Mundharmonika und poetischen Texten zurück. Seine mitreißende Kombination aus Selbstmitleid und -ironie bleibt.

Will er denn einst auch einen Literaturnobelpreis? Conor Oberst, der ewigbegabte und dauerjunge Emo-Poet der Millennials, schickte sich seit jeher an, die Träume und Gedanken seiner Generation zu vertonen. So lyrisch und ausgereift wie auf seiner vierten Solo-Platte gab sich der 36-Jährige indes selten - nicht nur die ausführlichen Mundharmonika-Parts klingen dylanesk. Womit er als Twentysomething Mitte der Nuller mit seiner Band Bright Eyes zum Indie-Darling avancierte, führt Oberst auf „Ruminations“ fort: Große Songwriterqualität ergänzt durch jene verführerische Kombination aus Selbstironie und Selbstmitleid, die diesmal bereits der Titel offensiv verheißt - zu deutsch: Grübelei, Nachsinnen.

Leicht waren die letzten Jahre für Conor Oberst nicht unbedingt. 2013 verzerrten Vergewaltigungsvorwürfe einer jungen Frau das Bild vom emotionalen Schönling mit der sensiblen Art. Auch wenn sich die Anschuldigungen ein Jahr später als falsch herausstellten - gerade an einem Indie-Künstler, der sich als einigermaßen progressiv versteht, bleibt so etwas hängen. Als 2014 Obersts letztes Album „Upside Down Mountain“ erschien - bevor sich der Fall aufklärte - konnte man nicht anders, als den an sich mitreißenden Songs einen bitteren Beigeschmack zu attestieren.

Oberst zerbrach nicht daran, wenngleich sich der gebürtige Midwesterner und Wahl-New-Yorker zur Aufnahme der neuen Platte in seine Heimatstadt Omaha in Nebraska zurückzog. Verbitterung ist dem ersten Album nach dem Ende Justiz- und Medienschlammschlacht nicht anzumerken; eine noch gesteigerte Nachdenklichkeit hingegen schon. Eine gewisse Ruhe und In-Sich-Gekehrtheit, die der Songwriter musikalisch alleine an Klavier, Akustikgitarre und besagter Mundharmonika anachronistisch, doch überaus stimmig untermalt.

Mit einer Anspielung beginnt „Ruminations“ dann aber doch: In a court room / Sweat rolling down my back / It's a bad dream / I have it seven times a week / No it's not me / But I'm the one who has to die„ singt Oberst vielsagend im wahnsinnig intensiven Opener und wohl besten Song der Platte “Tachycardia". Das mitreißende Stück öffnet den Raum für eine Platte, die mit dem gewohnt introspektiven und zugleich selbstkritischen Blick auf die Welt aufwartet.

Auch wenn Oberst oft gerade so daran vorbeischrammt: Immer wenn er droht, sich dem üblichen regressiven Indie-Songwriter-Gewäsch für Studienanfängerinnen zu nähern, dekonsturiert er sich klug selbst: „I saw a crash on the interstate / It left a feeling I could not shake / Just a name in a database who must be notified“ heißt es erst im furios traurigen „Next of Kin“, kurz darauf lakonisch: „Yeah, I met Lou Reed and Patty Smith / It didn't make me feel different“. Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Menschen, emotionale Grenzerfahrungen urbaner Intellektueller, die Liebe: Obersts Themenspektrum ändert sich kaum. Ebenso wie das Namedropping, dass er diesmal exzessiv betreibt: „I miss Christopher Hitchens, I miss Oliver Sacks, I miss poor Robin Williams, I miss Sylvia Plath“.

Und doch: Lyrischer ist „Ruminations“ geworden, erwachsener, aber auch politischer. Wenn Oberst in „A Little Uncanny“ die Konservativen und Rednecks kritisiert, klingt das wie der junge wütende Dylan: „But he was tan enough, he was rich enough / He was handsome like John Wayne / And there was no one at the country club / Who didn't feel the same“. Im selben Song findet sich eine typische Conor-Oberst-Zeile, die in ihrer Todessehnsucht ebenso aus der Zeit gefallen scheint wie die Mundharmonika: „They say a party could kill you / But sometimes I wish it would“. Hoffentlich nicht - schließlich muss Herr Oberst irgendwann womöglich seinen Nobelpreis entgegennehmen.

tsch

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