Interview zum Album „Neuanfang“

Clueso: „Habe bewusst keinen Fernseher und kein Radio“

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Cluesos neues Album ist ein „Neuanfang“: Der 36-Jährige trennte sich von Management und Plattenfirma.

Clueso wagt einen „Neuanfang“: Warum der nötig war, warum er nach Äthiopien reiste und warum er gern in Kirchen geht, verrät der Musiker im Interview.

Als Musiker hat Clueso praktisch alles erreicht: Erfolgreiche Alben, ausverkaufte Hallen, Kollaborationen mit Künstlern wie Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg. Doch während seiner letzten Tour wurden dem Erfurter Songwriter all die Verpflichtungen und Versprechen, die der Ruhm mit sich bringt, zu viel. Er wagte einen „Neuanfang“. Um sein gleichnamiges siebtes Album aufzunehmen, trennte der 36-Jährige sich von seiner Live-Band, seinem Management und seiner Plattenfirma, er zog aus seiner Wohngemeinschaft aus und verließ das von ihm mitgegründete unabhängige Netzwerk für Kulturschaffende namens „Zughafen“. Im Interview verrät Clueso, warum all das nötig war, was er bei seiner Reise nach Äthiopien lernte und warum er so gerne in Kirchen geht.

nordbuzz: Warum war es Zeit für einen „Neuanfang“?

Clueso: Ich bin irgendwann mal losgelaufen wie Forrest Gump und es sind sehr viele Leute mitgelaufen. Aber irgendwann blieb ich stehen. Genau da gingen die großen Fragen los, und ich merkte, dass ich mich diesen Fragen stellen muss. Der Neuanfang hat sich dann Schritt für Schritt ergeben. Ich glaube, es war genau wie damals, als ich angefangen habe, Musik zu machen: vor allem eine Art Neugierde. Etwas anderes zu machen, Dinge auszuprobieren, Freiheit zu haben.

nordbuzz: Fühlten Sie sich unfrei?

Clueso: Durch das Luxus-Problem Berühmtheit kommen sehr viele Anfragen rein. Man arbeitet permanent Sachen ab, die jemand anderes angefragt hat, und hat das Gefühl, man tanze auf den Hochzeiten von anderen. Es ist selten so, dass man da sitzt und sich fragt, was man selbst gerne als Nächstes machen möchte. Diese Langeweile, die ja ein sehr kreativer Prozess sein kann, hatte ich einfach nicht mehr.

nordbuzz: Sie haben sich deshalb von Ihrer Live-Band und Ihrem Manager getrennt, sind aus Ihrer WG und sogar aus dem von Ihnen mitgegründeten „Zughafen“ ausgezogen.

Clueso: Das ist mir nicht leicht gefallen. Und in Erfurt sorgte das ganz schön für Wellen. Wenn ich mich von etwas trenne, sieht das für andere womöglich aus, als wäre das schlecht. Ist es ja nicht. Ich wollte mich nur einfach aus diesem System rausziehen. Die Live-Firma, das Merchandising, das eigene Label, das Ticketsystem - an mir hing eine große Verantwortung. Doch ich wollte nicht mehr so sehr in Abhängigkeiten und Versprechen stehen - weil ich einfach nicht wusste, was für mich als Nächstes kommt. Das auszusprechen, hat mir sehr gut getan.

„Ich wollte endlich mal für etwas sein“

nordbuzz: Wie ging es danach weiter?

Clueso: Eigentlich wollte ich ein Reise-Album machen. 15 Songs und Skizzen hatte ich dafür schon fertig, ich wollte auf Reisen gehen und sie aufnehmen. Doch dann, direkt nach der letzten Tour, entstand der Song „Neuanfang“ - ein wütender und selbstsicherer, verzweifelter und gleichzeitig lebensbejahender Song. Ich zeigte ihn meinem Produzenten Tobias Kuhn, mit dem ich das Reise-Album machen wollte, und er war so begeistert, dass er meinte: „Schreib noch einen!“ Ohne den Druck, ein Album machen zu müssen - denn eigentlich hatte ich ja schon eins - entstand ein Song nach dem nächsten.

nordbuzz: Und aus Ihrem Reisealbum wurde nichts?

Clueso: Das hole ich nach. Ich will mir dafür Städte aussuchen, die mir auch ein bisschen Angst machen. Wo ich mich klein fühle. Ich finde ja, das Leben ist wie Bergsteigen. Ich stand oben auf einem Berg, von dem ich herunter wollte - aber nicht, um im Tal zu bleiben, sondern um auf den nächsten Berg zu steigen. Für das Album würde ich an Orte reisen, an denen große Eindrücke zu holen sind.

nordbuzz: Immerhin: Eine Reise haben Sie dieses Jahr gemacht, und zwar mit der Stiftung „Viva con Agua“ nach Äthiopien.

Clueso: Ich weiß noch genau, wie ich eines Tages in Erfurt auf einer Mittwochs-Demo gegen die AfD stand. Ich wollte Flagge zeigen - aber auf einmal ging es mir so auf die Nerven, immer nur dagegen zu sein. Ich wollte endlich mal für etwas sein! Also bin ich mitten in der Albumproduktion nach Äthiopien gefahren. Ich unterstütze „Viva con Agua“ seit neun Jahren und es stand schon ewig im Raum, dass ich mal mitfahre.

nordbuzz: Was haben Sie dort gemacht?

Clueso: Wir haben verschiedene Dörfer besucht und uns Brunnen angesehen. Für uns wirkt das wie ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ein einziger Brunnen kann die Lebensqualität von einer ganzen Dorfgemeinschaft verbessern. So sehr, dass wir erst einmal 200 Leute per Handschlag begrüßt haben, als wir ankamen. Wir haben mit den Menschen gegessen und getanzt, musiziert und bei ihnen auf dem Boden geschlafen. Wir waren aber auch in Krankenhäusern und Slums. Außerdem drehten wir auf der Reise einen Film - als eine Art Notruf, weil in Äthiopien gerade eine Dürre herrscht und Millionen Menschen in Lebensgefahr sind. Damit wollen wir die Leute in Deutschland dazu bringen, etwas zu spenden. Mit nur 40 Euro kann man ein Kind im Monat durchbringen.

„Ich mag es nicht gerne, den Zeigefinger zu heben“

nordbuzz: Bekommen unsere Alltagsprobleme durch so eine Reise ein anderes Gewicht?

Clueso: Ja, ich habe gesehen, was essenzielle Probleme sind. Dort geht es wirklich ums nackte Überleben. Zurück in Deutschland stehst du vor der Toilette und magst kaum spülen. Weil du weißt, dass andere in der sengenden Hitze kilometerweit laufen müssen, um Wasser zu holen. Es ist ja nicht so, dass wir Regenwasser sammeln, um damit unsere Scheiße wegzuspülen. Das ist Trinkwasser.

nordbuzz: Haben diese Erlebnisse sich auch auf Ihr Album ausgewirkt?

Clueso: Textlich nicht so sehr. Aber es fließt natürlich die Energie mit rein.

nordbuzz: Es scheint auf „Neuanfang“ darum zu gehen, wie wir unser Leben leben, was von uns erwartet wird und was um uns herum passiert.

Clueso: Genau. Die Zeile „alle wollen am Leben sein oder am Meer“ ist für mich schon Politik genug. Bei allem, was darüber hinausgeht, schalte ich selbst ab. Ich mag es nicht gerne, den Zeigefinger zu heben. Aber ich versuche natürlich das, was wir alle spüren, in meine Texte einfließen zu lassen. Mittwochs-Demos und all das.

nordbuzz: Was spüren Sie im Hinblick auf die aktuelle Lage in Deutschland?

Clueso: Das ist schon krass. Ich selber habe mittlerweile bewusst keinen Fernseher und kein Radio mehr. Man wird blöd, wenn man den ganzen Tag Radio hört und Fernsehen guckt. Was da alles auf einen einprasselt.

nordbuzz: Wie informieren Sie sich?

Clueso: Durch Zuhören und Lesen. Es kommt ja sowieso alles zu einem. Und man merkt schnell, dass alles einen globalen Zusammenhang gibt. Ich habe den Sozialismus gesehen, jetzt den Kapitalismus. Ich glaube ja - darin geht es auch in dem Song „Anderssein“ -, dass zwischenmenschliche Beziehungen in Zukunft eine viel größere Rolle spielen werden als materielle Dinge.

nordbuzz: Wirklich?

Clueso: Ich glaube fest daran. Je mehr es links und rechts brodelt - und gerade in Europa kriegen wir das ja sehr nah mit - desto wichtiger werden zwischenmenschliche Beziehungen. Das heißt nicht, dass alle total Zen-mäßig werden, aber ich glaube, nach und nach werden wir verstehen, dass Zusammenhalt wichtig ist.

„Ich durfte Udo Lindenberg richtig kennen lernen, als Typ“

nordbuzz: Das Thema Neuanfang spielt auf Ihrem Album selbstredend eine große Rolle. In „Ohne Plan“ beschreiben Sie, wie gut es sich anfühlen kann, endlich mal keinen Plan zu haben.

Clueso: In dem Song geht es um Erwartungen. Erwartungen, die an junge Leute und Leute in meinem Alter mit Mitte, Ende 30 gestellt werden. Willst du nicht mal ein Haus bauen? Kinder kriegen? Ich persönlich finde ja, der Text geht fast ein bisschen in Richtung Udo Lindenberg.

nordbuzz: Sein Einfluss schimmert auf dem Album sowieso ein paar Mal durch.

Clueso: Das liegt wahrscheinlich am Gehänge mit ihm (lacht).

nordbuzz: Hängen Sie so viel mit ihm?

Clueso: Durch die gemeinsamen Touren haben wir schon viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben viel geredet, und ich durfte Udo richtig kennen lernen, als Typ. Dann sitzt du auf einmal auch mal zusammen im Pool vom Hyatt und quatschst eine Stunde.

nordbuzz: Mit oder ohne Hut?

Clueso: Mit! Er hat so eine schicke Che-Guevara-Mütze aufgehabt. Er springt auch rein mit Hut. Schmeißt den Bademantel weg und sagt: „Sind wir so weit?“. Ich mag es ja, wenn Künstler - so wie er - beschreiben können und man trotzdem eine gewisse Tiefe entdecken kann. Mit „Gordo“ habe ich das selbst versucht.

nordbuzz: Gordo war der erste Affe, der 1958 ins All geschickt wurde.

Clueso: Richtig, eigentlich war er ein Totenkopfäffchen, aber ich habe ihn zum Schimpansen gemacht. Der Weltraum hat mich schon als Kind total fasziniert. In dem Song geht es um Fremdbestimmung und vielleicht auch eine Art Müdigkeit vom Erfolg. Auf meiner letzten Tour stand ich manchmal auf der Bühne und hatte in den schönsten Momenten - in Karlsruhe vor 40.000 Menschen - einfach nur das Bedürfnis, mich hinzulegen und zu schlafen. Dann fühlt man sich ein bisschen wie der kleine Affe in der Rakete, der eigentlich nur wieder runter will. Gordo hat es zwar leider nicht überlebt, aber das Ende des Songs habe ich bewusst offen gelassen.

nordbuzz: Es heißt ja, dass Sie sich Ihre neuen Songs immer am liebsten in der Kirche anhören. Haben Sie das bei diesem Album auch getan.

Clueso: Habe ich tatsächlich. Erfurt ist ja die Stadt der Türme, es gibt dort unfassbar viele Kirchen. Alle paar Straßen steht man vor einer anderen. Und manchmal, wenn irgendwo eine Tür offen steht, gehe ich einfach rein und höre meine Mixe. Dort ist man ungestört, es ist kühl und man kann schön gucken.

nordbuzz: Haben Sie eine Lieblingskirche?

Clueso: Die Predigerkirche in Erfurt. Auch, weil Meister Eckhart dort eine Weile gelebt hat und ich den immer wahnsinnig gerne gelesen habe. Ich bin gar nicht so gläubig, aber ich finde Kirchen einfach schön. Schon zu Lehrzeiten setzte ich mich in meiner Mittagspause oft in die Kirche. Manchmal habe ich da auch heimlich gegessen. Schnell einen Döner geholt (lacht). Und dann wieder in den Friseurladen. Kirchen sind wie kleine Inseln in der Stadt. Plötzlich ist alles ruhig.

tsch

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