Über die Geschichte des deutschen HipHop

Beginner: Von Bambule bis Advanced Chemistry

+
Die Beginner sind zurück: 13 Jahre haben sich die Hamburger HipHop-Veteranen Zeit gelassen. Vieles hat sich verändert, auch die Beginner selbst.

Die Beginner geben ihr vielbeachtetes Comeback. Beginner? Das ist „die Rapgruppe von Jan Delay“, das sind „die Könige der 'Golden Era'“ - für alle, die den ganzen Hype nicht ganz nachvollziehen können. Das neue Album Advanced Chemistry erscheint am 26. August.

„Der hört sich ja an wie Jan Delay“, „Ey, Jan Delay rappt jetzt“ oder noch besser: „Mit wem hängt Gzuz da rum?“ - Einige Reaktionen auf „Ahnma“, die erste Singleauskopplung aus „Advanced Chemistry“, waren geradezu köstlich. Zumindest vom hohen Ross des gesetzteren Alters herab. Denn dass Jan Delay alias Eißfeldt alias Eizi Eiz mit Baseballkappe in Erscheinung trat und seine Texte in Rapform vorbrachte, ist schon eine ganze Weile her. Seit 2003 haben die Beginner kein neues Album mehr veröffentlicht. Nachdem sie damals von den Meriten der „Golden Era“ des deutschen Rap in den späten 90er-Jahren zehrten, werden Eißfeldt, Denyo und DJ Mad heute ohne Vertun zu den Veteranen gezählt. Im Gespräch mit den Beginnern lässt sich also prima die Geschichte der deutschen HipHop-Kultur erkunden.

YouTube und Co. erlauben es den Kids heute zwar, sich in einem noch nie dagewesenen Maß durch Musik zu graben, und jedes Kind im Grundschulalter beherrscht die Werkzeuge wie ihre Vorgänger vor zwei Jahrzehnten die zwei Tasten des Gameboys. Trotzdem: Die Beginner sollten es den Jungen nachsehen, dass diese sie bislang mehrheitlich übersahen: „Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man jetzt so acht, neun ist und auf diese modernen Medien losgelassen wird. Man wird unglaublich zugeschissen mit Zeitgemäßem, das ballert dauernd auf dich zu - warum soll man da auch Interesse für irgendjemanden entwickeln, der vor 15 Jahren aktuell war“, bringt es DJ Mad auf den Punkt.

Bambule setzte Maßstäbe

Wollen die Beginner die vermeintliche neue Zielgruppe also an die Hand nehmen? Den vom US-Rap einst wiederbelebten Leitspruch aus der Zeit der Sklaverei, „Each One Teach One“, ins Deutsche übertragen? Der Albumtitel „Advanced Chemistry“ legt dies nahe, handelt es sich doch dabei um den Bandnamen der Heidelberger um Torch, Pioniere des deutschsprachigen Rap. Doch die Wahl des Titels erweist sich als nicht mehr als eine Wortspielerei - ohnehin eine Paradedisziplin der Beginner. Ihr Hamburger Weggefährte Samy Deluxe war stets cooler als Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad, auch technisch versierter. Dendemann, einst Eins Zwo, nun Albumverweigerer in Diensten Jan Böhmermanns, war stets wortgewaltiger und lyrisch durchtriebener. Doch der Meilenstein des deutschen Rap überhaupt, der stammt von den Beginnern: „Bambule“, erschienen am 10. November 1998, setzte Maßstäbe. Da waren die heute 16-Jährigen noch gar nicht geboren.

Nie zuvor und selten danach - wenn überhaupt - klang eine Deutschrap-Platte so rund. Nicht wenige verklären die Periode um „Bambule“ als die einzige, in der deutscher Rap „geil“ war. Ein immer wiederkehrendes Phänomen, so Eizi Eiz: „Diese Zeit der Jugend erlebt man halt so krass intensiv, gerade wenn es um Musik geht. Und die nächste Generation hat dann eben keinen Bock auf die lustigen Wortspiele, die bunten Farben und auf all den Mittelstandsscheiß, weil sie halt von der Straße kommt, und dann geht eine neue Tür auf.“

Doch der Erfolg mit „Bambule“ - das Album landete auf Platz zwölf und hielt sich 60 Wochen in den Top 100 - brachte den zwei Rappern plus DJ nicht nur Freunde ein. Gerade Eizi Eiz war über Jahre hinweg eines der beliebtesten Diss-Ziele, vor allem in der damals rap-technisch erst erwachenden Hauptstadt: „Das war hart. Aber wir waren es gewohnt. Schon zuvor waren wir innerhalb der Szene nicht unbedingt akzeptiert, weil wir keinen 'richtigen Rap' machten, Live-Drums hatten, Folk-Samples und Punk-Gedanken in den Texten verpackten. Wir waren eben schon immer etwas anders und gewohnt, als 'nicht echter Rap' bezeichnet zu werden“, erinnert sich der 40-Jährige.

Die Fantastischen Vier waren oft außen vor - zu kommerziell

Die Band formierte sich bereits 1991 in Hamburg-Eimsbüttel. Zu siebt war man damals, rappte auf Englisch, wie es zu jener Zeit noch üblich war. Genauso wie das stundenlange Gondeln über deutsche Autobahnen an den Wochenenden zu sogenannten „Jams“. Graffiti, Breakdance, Rap - die in Deutschland noch junge HipHop-Kultur nahm das ganze Spektrum ernst. Und einer, eben besagter Torch, stellte den Beweis an, dass die Reime auch in deutscher Sprache fließen können.

Die Szene war damals eng verbandelt: Advanced Chemistry, die Stieber Twins und Cora E. aus Heidelberg, Main Concept aus München, Too Strong aus Dortmund, MC Rene aus Braunschweig und natürlich: die Absoluten Beginner aus Hamburg. So oder so ähnlich lasen sich in den frühen 90-ern die eifrig verteilten Jam-Flyer. Die Fantastischen Vier waren da oft außen vor, zu kommerziell eben: „Wir dachten auch anfangs über die: Lyrics? Alter, die sind mies. Aber heute sind das quasi Nachbarn“, so Eizi Eiz über die Kollegen. So eifrig wie die Beginner arbeiteten allerdings nicht alle der damaligen Weggefährten an ihrer Diskografie. 1993 erschien mit „Gotting“ die erste EP, die mit plakativen Kundgebungen wie „Wir wollen keine Bullen-Schweine“ mit der Sozialisation in der „Roten Flora“ kokettierte, einem autonomen Zentrum im Herzen des Hamburger Schanzenviertels.

Kiffermusik par excellence und ein Fest für Sprachwissenschaftler

1996 folgte „Flashnizm“. Ein „Gemischtwarenladen“ sei die Albumpremiere gewesen, wie man nun in der gereimten Denkmalpflege „Es war einmal“ erklärt. Tatsächlich ist die Platte ein bunter Blumenstrauß aus Rap, Dub-Experimenten, kruden Space-Sounds und Jazz-Ausflügen. Kiffermusik par excellence und ein Fest für Sprachwissenschaftler: Darauf wurde unter anderem das erste Mal „geflasht“ und „gechillt“ als gäbe es kein Morgen. Kommerzieller Erfolg? Überschaubar. Doch war dies damals auch noch gar nicht angedacht. „Was wir vorhatten, war HipHop als Kultur zu leben, sich auszudrücken, Kunst zu machen, zu flashen. Daher kommen wir halt“, erklärt Denyo. Kollege Eizi Eiz ergänzt: „Man kann sich schon gar nicht mehr vorstellen, dass es da Bands gab, die einfach nur Musik machen wollten. Einfach nur Musik. Keine Fotos, kein Facebook, einfach nur Musik.“

An diesem Interviewtag in München betonen die Herren nun selbstredend, dass dies bei „Advanced Chemistry“ nicht viel anders war. Doch das Spiel mit den Medien müssen sie spätestens mit dem Gang zum Majorlabel 1998 mitmachen - kurz nach dem Gespräch posteten sie bei Instagram so auch einen Gruß von der Dachterrasse des sonnenbestrahlten Bayerischen Hofs. Den Schritt zu Universal ging man einst, da man „indie-mäßig“ nicht mehr viel zu erreichen hatte, doch mehr Potenzial bei sich selbst ausmachte: „Wir waren auch noch sehr jung. Haben uns trotzdem schon Gedanken über die Risiken gemacht. Doch wir haben es gewagt“, erzählt Denyo.

Das Aufleben von Napster und der MP3 ließ die Blase platzen

„Bambule“ war das Ergebnis, die „Golden Era“ um Fünf Sterne Deluxe, Freundeskreis, Massive Töne, Eins Zwo, Dynamite Deluxe und Co. füllte Hallen und die eigenen Taschen. HipHop wurde zum Trend erhoben, die „Bravo“ und Fernsehsender klopften an, Labels machten sich daran, alles unter Vertrag zu nehmen, „was ein Ego hat, egal ob es rappen kann oder nicht. Marketingbudgets, Vorschüsse ... - Auf einmal waren die Charts immer wichtiger. Das war dann eben auch eine Zeit, in der wir eine Sinnkrise erlebten“, führt Denyo weiter aus. Nicht nur eine Übersättigung, auch das Aufleben von Napster und der MP3 ließen die Blase schließlich platzen. Jan Delay erfand sich 2001 als Reggae-Künstler neu, Denyo veröffentlichte sein Solodebüt „Minidisco“. „Blast Action Heroes“, das Beginner-Album aus dem Jahr 2003, war das letzte Aufbäumen der bereits gebeutelten Goldenen Generation.

„Wir mussten uns damals orientieren nach 'Blast Action Heroes'. Das war 'ne gute, aber auch 'ne anstrengende Zeit. Man hatte schon das Gefühl, dass alles etwas den Bach runtergeht, was wir auf dem Album ja auch thematisiert hatten. Das war wie gegen den Strom schwimmen. Man schwimmt und schwimmt, hat dann das Ziel trotzdem erreicht, muss sich aber erstmal ausruhen“, sagt Denyo, bekannt für ausführliche Erläuterungen. Aggro Berlin um Sido und Bushido regierte kurz darauf die allgemeine Deutschrap-Wahrnehmung, das Genre verkam lange zur massenuntauglichen Nische. Ein selbst ins Leben gerufenes Funk-Revival machte Jan Delay zum Popstar und die Beginner zum vernachlässigten Nebenjob.

Es dauerte bis 2010, bis man sich wieder zusammentat, an einem Comeback arbeitete. Denn: „Kendrick Lamar brachte sein erstes Mixtape raus. Dubstep und Trap brachten frischen Wind rein. Odd Future waren ganz neu. Auch hier mit den Orsons und Materia kam wieder was Neues. Da wollten wir auch 'ne Platte machen. Merkten aber, dass wir zu wenig geübt hatten. Die kreativen Muskeln waren schlaff. Wir hatten keine Skills. Nach anderthalb Jahren kamen gerade mal drei, vier Songs zustande“, so Denyo. Soloprojekte wurden vorangeschoben.

Wer ein zweites „Bambule“ erwartet, wird enttäuscht

2016, finden sich die Beginner in einer deutschen Rapwelt wieder, die auf soliden Beinen steht. Die Kids verhelfen ihren Stars mit Vorverkäufen Woche für Woche auf die vordersten Chart-Ränge, Straßen- und „Mittelschichts-Rap“ florieren parallel und geben sich etwa auf „Advanced Chemistry“ die Hand: Gzuz veredelt „Ahnma“ mit seiner tiefstimmigen Arroganz, Haftbefehl macht in „Macha Macha“ seinen einstigen Vorbildern Beine. „Jetzt, nach über 25 Jahren Deutschrap, sind auf einmal viele Türen auf. Es gibt 'ne Straßenrap-Tür, die kann man aufmachen, da steht dann ein großer Türsteher davor. Da muss man erst mal durchkommen. Aber wenn man da einmal durch ist, ist das auch ganz schön geil. Und es gibt halt 'erwachsenere' Geschichten, viele Richtungen, alles sprudelt, alles macht Bock“, zeigt sich Denyo über den Status Quo erfreut.

Die Vorfreude auf ein neues Album der Oldtimer spiegelt sich in einer ausverkauften Tour wider, „Ahnma“ und ganz frisch „Es war einmal“ klicken sich millionenfach. Wer ein zweites „Bambule“ erwartet, wird aber enttäuscht. Dazu befinde man sich zu sehr am „Puls der Zeit“, so DJ Mad, der wie Denyo als Radio-DJ aktiv ist, gemeinsam legt man in Clubs auf: „Natürlich wollen wir jetzt keinen 'Neo-Future-Bass-Twerk' machen. Aber das Hier und Jetzt muss in so einer Platte passieren, sonst musst du sie ja nicht machen.“ Man erleichtert den Kids von heute also den Zugang. Auch Kinder im Grundschulalter werden nunmehr wissen, wer da im Video rappt und dass diese älteren Herren auch 2016 noch einen Platz im deutschen Rap verdient haben.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren