Ansingen gegen die Angst

Andreas Kümmert

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Am 23. September veröffentlicht Andreas Kümmert „Recovery Case“.

Andreas Kümmert ist wohl der vielversprechendste deutsche Casting-Show-Gewinner aller Zeiten. Doch bisher stand er sich oft selbst im Weg ...

Mit deutlichem Vorsprung gewann Andreas Kümmert im März 2015 den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Doch statt sich über den Sieg zu freuen, gab Kümmert sein Ticket noch an Ort und Stelle an die Zweitplatzierte Ann-Sophie ab. Halb Deutschland war entsetzt - und so mancher beleidigte den Sänger aus Unterfranken in den kommenden Wochen aufs Übelste. Was damals keiner - nicht mal er selbst - wusste: Kümmert litt unter einer Angststörung. Wie er seine Krankheit in den Griff bekam, warum er enttäuscht von den Menschen ist und weshalb es befreiend war, sein neues Album „Recovery Case“ aufzunehmen, verrät der 30-Jährige im Interview.

nordbuzz: Herr Kümmert, Sie haben ein turbulentes Jahr hinter sich. Wie geht es Ihnen heute?

Andreas Kümmert: Viel besser. Ich bin in therapeutischer Behandlung und nehme Medikamente gegen meine Angststörung. Ich bemühe mich, meinen Job so gut wie möglich zu machen und mir wieder Sachen zuzutrauen. Aktuell funktioniert das ganz gut.

nordbuzz: Mit welchen Gefühlen blicken sie auf jenen Tag im März 2015 zurück, als Sie die Wahl, für Deutschland beim Eurovision Song Contest anzutreten, ablehnten?

Kümmert: Da dieser Vorfall aus einer Krankheit resultierte, denke ich, dass meine Entscheidung die einzig richtige war. Von daher blicke ich eigentlich gelassen darauf zurück.

nordbuzz: Was genau war damals los?

Kümmert: Ich kann gar nicht genau sagen, was in mir vorging, aber mir wurde plötzlich klar, dass das Ganze eine Nummer zu groß für mich war. Der Eurovision Song Contest ist eine große Sache, man trägt viel Verantwortung. Mich überkam in dem Moment ein Gefühl der Angst. Also entschied ich spontan, mein Ticket weiterzugeben. Später wurde dann ja festgestellt, dass ich unter einer Angststörung leide.

nordbuzz: Und die hatten Sie zuvor nie bemerkt?

Kümmert: Es gab erste Warnsignale, aber die nahm ich nicht wahr. Angefangen hat es im Januar 2015, als bekannt gegeben wurde, wer am Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teilnimmt. Eines Tages, als ich vom Aufnahmestudio nach Hause fuhr, hatte ich plötzlich Atemnot. Ich dachte, das sei etwas Physisches. Es war so schlimm, dass ich auf einen Parkplatz fahren musste, meine Freundin den Notarzt rief und ich ins Krankenhaus gebracht wurde.

nordbuzz: Was wurde Ihnen dort gesagt?

Kümmert: Man hat mich untersucht, es wurde aber nichts festgestellt. Also entließ ich mich selbst und fuhr wieder nach Hause. Danach war eine Zeit lang Ruhe, aber dann kamen diese Momente immer häufiger. Ich saß plötzlich da, hatte Angst und wusste nicht wovor. Ich hatte aber auch richtige Todesangst. Dass das Leben irgendwann endet und niemand weiß, wie sich das anfühlt, bereitete mir extrem Angst. Ein sehr beklemmendes Gefühl.

nordbuzz: Wann erkannten Sie, dass es sich um eine Krankheit handelt?

Kümmert: Ungefähr zwei Monate nach dem Vorentscheid, also im April oder Mai 2015. Ich ging zu meinem Hausarzt und schilderte ihm alles. Er überwies mich dann an einen Psychologen. Seitdem bin ich auf dem Weg der Besserung. Ich habe keine Ahnung, wo diese Krankheit plötzlich herkam. Aber der Auslöser war sicherlich das Rampenlicht, in dem ich nach meiner Teilnahme bei „The Voice Of Germany“ plötzlich stand. Die Leute sagen immer, man hätte doch vorher wissen können, was auf einen zukommt. Aber wer selbst nicht in dieser Situation steckt, kann sich keine Vorstellung davon machen, wie das ist, wenn auf einmal eine große Lampe über dir angeht, du mitten im Lichtkegel stehst und jeder sich ein Urteil über dich bildet. Zum Teil sind die Leute sehr beleidigend geworden, einige haben meine Familie bedroht. Ich sehe meine Krankheit als Spiegel unserer Gesellschaft hier in Deutschland.

nordbuzz: Wie meinen Sie das?

Kümmert: Es geht um die Art, wie wir miteinander umgehen. Manche Menschen sind so unzufrieden mit sich selbst, dass sie sich an dem Leid anderer hochziehen. Dass sie andere Leute beleidigen, um sich selbst besser zu fühlen und höher zu stellen. Ich weiß nicht, was in einem Menschen vorgeht, der diese Troll-Ambitionen hat. Das ist mit das Schäbigste, was unsere Gesellschaft an sich hat.

nordbuzz: „Ich hoffe, du verreckst auf der Bühne, Du fettes Schwein!“ - solche Sachen wurden Ihnen an den Kopf geworfen. Wie geht man damit um?

Kümmert: Am Anfang hat mich dieser Hass sehr belastet und runtergezogen. Es war ja nicht so, dass das alle waren. 70 Prozent der Leute hatten durchaus eine gute Meinung von mir. Aber diese Stimmen hörst du nicht, weil die Beleidigungen viel schwerer wiegen. Ich habe sehr lange gebraucht, um zu begreifen, dass das nicht echt ist. Dass die nicht mich meinen können, weil die mich ja gar nicht kennen. Aber irgendwann fing ich an, diesen Hass der anderen in Energie umzuwandeln - so „Jetzt erst recht“-mäßig. Meine Freundin, die immer für mich da war, und natürlich die Therapie haben mir sehr geholfen.

nordbuzz: Wann haben Sie wieder angefangen, an Musik zu denken?

Kümmert: Musik ist mein ständiger Begleiter. Ich habe schon immer sehr viel geschrieben und meine Gedanken festgehalten. Das ist für mich ganz natürlich - wie Schuhebinden oder so. Ich habe während der ganzen Phase viel geschrieben. Das Resultat ist jetzt mein neues Album.

nordbuzz: Es heißt „Recovery Case“ - weil es ein Zeugnis Ihrer Genesung, Ihrer Rehabilitation ist?

Kümmert: Genau, diese Thematik spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Der Song „I Love You“ zum Beispiel, den man auf den ersten Blick für ein einfaches Liebeslied halten könnte, handelt im Prinzip davon, sich selbst so zu nehmen, wie man ist. Dass man okay ist, wie man ist, und niemand einem das Gegenteil einreden kann.

nordbuzz: Mussten Sie es selbst lernen, sich so zu akzeptieren, wie Sie sind?

Kümmert: Naja, ich habe ja keine Behinderung oder so ... Aber in meiner Schulzeit wurde ich aufgrund meines Gewichts natürlich immer wieder gehänselt. Ich wurde bespuckt und verprügelt. Das gibt einem erst mal das Gefühl, dass man nichts wert ist. Aber irgendwann habe ich mich gewehrt und versucht, den Leuten zu zeigen, wo die Grenze ist. Ich entzog ihnen einfach die Hass-Platte, die sie gefahren haben. Am Ende wurden einige Leute dann sogar zu Kameraden. Man muss sich wehren! So wie ich es jetzt mit diesem Album auch wieder getan habe.

nordbuzz: Haben Sie keine Angst, dass Sie sich angreifbar machen, wenn Sie sich so sehr öffnen?

Kümmert: Ich habe mich das schon gefragt - aber ich glaube, dass genau das der richtige Weg ist. Es wird immer Menschen geben, denen man es nicht recht machen kann, und sie werden immer etwas finden. Sie sollen meine Platte halt einfach nicht kaufen. Für mich jedenfalls war es befreiend, dieses Album aufzunehmen.

nordbuzz: Wie haben die letzten drei Jahre Sie verändert?

Kümmert: Ich lernte sehr viel über die Gesellschaft und über mich selbst. Das Gesellschaftliche habe ich ja schon angesprochen. Und über mich selbst habe ich gelernt, dass ich stärker sein kann, als ich geglaubt habe. Dass der Wille zum Sieg und meine Liebe zur Kunst und Musik größer sind als die Angst vor den Menschen, die mich hassen. Und ich lernte, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, auf das Leben. Denn wenn man die ganze Zeit darüber nachdenkt, was nach dem Tod kommt, verpasst man das Leben.

nordbuzz: Depressionen und Burnout - das sind Themen, die in der Gesellschaft mittlerweile öffentlich diskutiert werden. Werden Angststörungen noch zu sehr tabuisiert?

Kümmert: Ich finde schon. Bis auf den wohl ähnlichen Fall von Nicholas Müller, dem ehemaligen Sänger von Jupiter Jones, habe ich davon noch nichts gehört. Und das auch erst, als ich selbst betroffen war. Ich glaube aber, dass unsere Gesellschaft in Bezug auf ganz viele Dinge offener werden muss. Nur denke ich nicht, dass das passieren wird. Wenn man sich mal anguckt, was politisch gerade abgeht ... Da kann man eigentlich nur noch auswandern.

tsch

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