Bob Dylan: Fallen Angels

Alter Mann, alte Lieder

Bob Dylan - Fallen Angels

Bob Dylan schenkt abermals angestaubten Standards seine volle Aufmerksamkeit. Auch wenn "Fallen Angels" nicht mehr als eine Fortsetzung von "Shadows In The Night" ist: Der Charme seiner Herangehensweise ist unsterblich.

Schon wieder eröffnet die Pedal-Steel-Gitarre von Donnie Herron das Album, schon wieder handelt es sich dabei um eine Zusammenstellung von längst als "Standards" geehrten Werken, die fast so alt sind wie ihr noch berühmterer Interpret. Und schon wieder kennt man die Stücke vor allem mit dem Bariton Frank Sinatras. - Doch nicht das ganze Album, wie es vor gut einem Jahr bei "Shadows In The Night" der Fall war, 2016 sind es "nur" elf von zwölf Liedern, die Ol' Blue Eyes dereinst zu Klassikern machte. Dass Bob Dylan anders, doch nicht weniger grandios mit diesen Werken des "Great American Songbooks" verfahren kann, belegte er im Februar letzten Jahres. "Fallen Angels" knüpft nun an dieser Beweisführung an.

Bob Dylan steht kurz vor seinem 75. Geburtstag. Erklären muss sich der Ewigtourende nicht mehr. Es ist auch nicht damit zu rechnen, dass er zur Veröffentlichung von "Fallen Angels" viele Worte verlieren wird. So abgedroschen es auch klingen mag: Das Album spricht für sich, die Intention liegt auf der Hand, und jeder Versuch, die Auswahl der Lieder auf das Leben, Wirken und auf die Persönlichkeit des Wandlungskünstlers überzustülpen, verbietet sich. Dylan griff nach zwölf weiteren Liedern, denen er seinen Respekt zollt. Er verneigt sich vor deren Schreibern, Komponisten und vor vielen seiner Vorgänger, die die Stücke einst interpretierten.

Ohnehin gefällt sich His Bobness gerade in den vergangenen zehn, 15 Jahren als wandelndes Lexikon von Jazz-, Blues-, Folk-, Rock- und Pop-Musik. Gerade alles, was längst Patina angesetzt hat, alles, wofür er als kleiner Junge in Minnesota Stunden vor dem Radio verbrachte, wurde von Dylan zuletzt in seiner Autobiografie "Chronicles" (2004), in seiner Radiosendung "Theme Time Radio Hour" (2006-2009), in ellenlangen Reden (etwa bei den Grammys 2015) sowie in seinen immer seltener werdenden Interviews ins kollektive Gedächtnis zurückgerufen. Im Herbst seiner Karriere erweist Dylan denen die Ehre, die aus Robert Allen Zimmerman zweifellos eines der größten - vielleicht das größte - Pop- und Songwriter-Phänomen aller Zeiten machten.

Doch wie schon der Vorgänger taugt "Fallen Angels" zu mehr als nur zur Geschichtsstunde. Vor allem zu einem: zum Abschalten. Dylan schmiegt sich an den Zuhörer mit seiner brüchigen, immer kurz vorm Krächzen weich werdenden Stimme. Seine Band trägt die berühmten Themen der Songs abgebrüht vor, vielseitig wie spielerisch. Die tiefsten Cello-Tiefen ("Maybe You'll Be There") sind nur einen Skip-Drücker entfernt von den höchsten Stahlzupfer-Höhen ("Polka Dots And Moonbeams").

Dass die Originale meist im Big-Band-Sound berühmt wurden, hört man Dylans Interpretationen nur selten an. "All Or Nothing At All" swingt, genauso wie "Melancholy Mood" und "That Old Black Magic". Und auch wenn es diese Lieder sind, die im ersten Durchlauf auf die meiste Aufmerksamkeit stoßen, entwickeln sich gerade die restlichen meist melancholischen Stücke, die so wunderbar "alt" daherkommen, zu Dauerbrennern der Sonntagnachmittag-Playlist. Für die verdiente Erholung, die sich Bob Dylan nicht zu gönnen scheint. Und das hoffentlich noch lange.

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