Steven Tyler: We're All Somebody From Somewhere

Alles halb so wild

Steven Tyler - We're All Somebody From Somewhere

Mit dem Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren: Mit 68 veröffentlicht Aerosmith-Sänger Steven Tyler sein erstes Soloalbum.

Da könnte der (Hard-)Rock-Hörer im Allgemeinen und der Aerosmith-Fan im Speziellen vielleicht erst mal schlucken. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Steven Tyler ein Solo-Country-Album in Nashville aufgenommen hat. Nein, der Aerosmith-Sänger lässt wissen, dass Countrymusik für ihn „der neue Rock'n'Roll“ sei. Auf den ersten Blick eine kühne Behauptung. Doch „We're All Somebody From Somewhere“ zeigt, dass seine musikalische Neuorientierung durchaus Sinn ergibt - nicht nur für ihn.

Persönlicher, authentischer, ganz nah dran: Das sind klassische Attribute, die Künstler ihren Soloalben selbst zuschreiben. Tyler bildet da keine Ausnahme. Er erklärt, dass Countrymusik sich (bei ihm) darum drehe, „die Dinge ganz ehrlich beim Namen zu nennen.“ Abgesehen davon: Was ist überhaupt Country? Es existiert keine einheitliche Definition des Genres, seine stilistischen Grenzen sind nach allen Seiten - Folk, Pop, Blues, Americana - weit offen. Tyler bewegt sich - wie sollte es auch anders sein - stets in der Nähe seiner musikalischen Wurzeln.

So ist der Titelsong, bereits letztes Jahr als erste Single veröffentlicht, fast schon klassisches Aerosmith-Material: Der Funk-Rock-Song samt Bläsersätzen erinnert von Tempo und Stimmung her fast ein wenig an den 80er-Klassiker „Love In An Elevator“. Aber auch der lässig groovende Rhythm'n'Blues „The Good, The Bad, The Ugly And Me“ und das sich düster schleppende „Hold On (Won't Let Go)“ fänden sicher auch auf einem Bandalbum ihren passenden Platz.

Was den Rest der Stücke angeht, ist Tylers Definition von Country weitgefächert: Das fast spartanisch-akustische „My Own Worst Enemy“ und das klassisch mit Pedal Steel, Mandoline und Fiddle eingespielte „It Ain't Easy“ sind von T Bone Burnett (Elvis Costello, „O Brother, Where Art Thou?“-Soundtrack) geschmackssicher produzierte, nachdenkliche Selbstbetrachtungen. Ein ums andere Mal biedert sich Tyler aber auch etwas zu sehr an: „Love Is Your Name“ und „Somebody New“ schielen schon sehr in Richtung Ü50-Country-Radio. Und man muss es leider sagen: Die patriotische (Country-)Rock-Hymne „Red, White & You“ erinnert an die Infantilitäten eines Kid Rock.

In jenem Song nimmt Tyler im Text Bezug auf Tom Petty und dessen Hit „American Girl“. Dass jener sich dadurch geehrt fühlt, darf allerdings bezweifelt werden. Schließlich zog Petty sich einst den geballten Zorn der Szene zu, als er behauptete, moderne Countrymusik sei nur „schlechter Rock mit einer Fiddle“. Eine kühne Behauptung, die auch bei „We're All Somebody From Somewhere“ nicht zutrifft: Tylers einzigartige, leicht krächzende Stimme und die gewohnt einschmeichelnden Melodien machen die Songs zu guter Rockmusik. Rockmusik, die nicht einfach um ein paar genretypische Instrumente erweitert wurde, sondern ein Verständnis dafür zeigt, was gute Countrymusik ausmacht: ehrliche Emotionen.

tsch

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