Gregory Porter: Take Me To The Alley

Alle Formen der Liebe

Gregory Porter - Take Me To The Alley

Eine gesalbte Stimme kehrt zurück: Gregory Porter, einziger Superstar des zeitgenössischen Jazz, veröffentlicht nach seinem Siegeszug mit "Liquid Spirit" 15 neue Gesangsgaben.

Natürlich rief Gregory Porter die Musikanalysten auf den Plan. Leute, die erklären mussten, warum ein schwarzer Typ um die 40 Jahre mit einem gelungenen, aber keineswegs neuartigen Stilmix aus Jazz, Blues und Soul die Welt, vor allem aber Europa eroberte. Mit 20 Millionen Abrufen ist "Liquid Spirit" (2013) das meistgestreamte Jazzalbum der Gegenwart. 2014 wurde es mit dem Grammy als bestes Jazz-Gesangsalbum prämiert. Selbst in Deutschland, nicht gerade eine (Verkaufs-)Hochburg für Jazz, Soul und Blues, landete das Werk in den Album-Top-Ten. Selbstredend besitzt Porter eine Stimme, die zum Niederknien schön ist. Außer Acht lassen sollte man jedoch nicht jenes, das nun auch auf dem neuen Album "Take Me To The Alley" zum Tragen kommt: Selten wurde aus alter "Geschmacksmusik" so klar und clever etwas Neues produziert.

Natürlich klingt Gregory Porters Musik auf dem neuen Album so ähnlich wie auf "Liquid Spirit". Auch das neue Werk entstand unter der Regie des Produzenten, Pianisten und Saxofonisten Kamau Kenyatta. Bis auf wenige Momente ist es Musik, die auch ein - sagen wir - Bill Withers in den 70-ern hätte aufnehmen können. Doch exakt dieses Altmodische ist es einfach, jene Idee, dass man zeitlose Musik hört, die gemeinsam mit Porters menschenfängerischem Organ den Hörer emotional verhaftet.

Bekommen es die Ohren das erste Mal mit den Stücken von "Take Me To The Alley" zu tun, mögen sie nach dem Vorgänger "Liquid Spirit" ein wenig enttäuscht in Sachen Songwriting sein. Sofort Herausragendes wie dereinst "No Love Dying", "Water Under Bridges" oder "Hey Laura" hört man da erst mal nicht. Und doch gewinnen die neuen Kompositionen mit der Zeit immer mehr an Kontur, so wie es in ihrer DNA wohl auch vorgesehen ist: Dazu zählen das Titelstück "Take Me To The Alley" und "More Than A Woman", beides ruhige Songs, die den Hörer mit einer sanften Pianofigur und einer fast schon schlafwandlerischen Stimme umhüllen wie eine Mutter ihr Neugeborenes.

"Insanity", ein Lied über eine zerbrechende Liebe, ist die vielleicht beste Komposition auf dem Album. "Holding On", das dieses Album eröffnet, ist hingegen nicht ganz neu. Gregory Porter hatte das Stück mit den britischen Elektronikbastlern Disclosure für deren 2015-er Album "Caracal" aufgenommen. Aus der pumpenden Clubversion ist nun jedoch ein besserer (!) Piano-Jazz-Groover geworden.

Natürlich gibt es auch funkig-jazzige Stücke auf diesem mit vielen schönen Saxofon- und Bläser-Momenten ausgestatteten Album: "Don't Lose Your Steam", das Porter seinem dreijährigen Sohn widmet, "Fan The Flames" oder "French African Queen" stehen eher für die aufgekratzte, groovige Seite Porters. Die altmodischen Anknüpfungs- und Retro-Momente, die man bei Porter-Platten erlebt, sind jedoch vielschichtiger als eine eventuelle Reduktion seiner Kunst auf schöne Jazz Balladen und "Funky Steamer".

Wenn der 44-Jährige mit dem breiten Kreuz und der Ballonmütze in "In Heaven" Stevie-Wonder-Figuren singt, sich in "Don't Be A Fool" im klassischen Blues-Schema der Familie widmet oder sich in "Consequence Of Love" ein klassisches Christopher-Cross-Piano-Riff ausleiht: Überall findet das Ohr Altes und Schönes aus den 70er- und frühen 80er-Jahren wieder. Etwas, das man im modernen Pop hinter all den digitalen Produktionswänden kaum noch zu fassen bekommt.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren