No Man's Sky

Die Unendlichkeit und ich

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Der Flug durch die Tiefen des Alls ist das Highlight des Spiels: Kosmische Nebel, Raumstationen, gewaltige Flotten - genauso muss ein Science-Fiction-Abenteuer aussehen.

Haben Sie zufällig 585 Milliarden Jahre Zeit? Oder auch ein bisschen länger? Dann ist „No Man's Sky“ Ihr Spiel!

18 Trillionen Himmelskörper und eine Mission, die geradewegs ins Herz des Universums führt: „No Man's Sky“ setzt Spieler in einem digitalen All aus, das er in Tausend Milliarden Jahren nicht in Gänze erforschen kann. Warum man dennoch mit dem Raumschiff in die Unendlichkeit startet? Aus Neugier. Und wegen schwebender Rüsseltiere mit Kolibri-Flügeln ...

Ein namenloser Planet irgendwo in einer namenlosen Galaxie: Ein Raumfahrer erwacht benommen und ohne jede Erinnerung an die vergangenen Ereignisse neben seinem Schiff. Das ist schwer beschädigt - und die Energie-Anzeige des Raumanzugs sinkt bei Temperaturen Minus 80 Grad minütlich. Will man nicht als erfrorener Gestrandeter enden, sollte man sich beeilen. Denn es gibt so vieles in „No Man's Sky“ zu entdecken - genauer gesagt: über 18 Trillionen (eine 18 mit 18 Nullen!) fremdartige Welten voller unterschiedlichster Lebewesen und Vegetation, ominöser Bauwerke und Hinterlassenschaften einer uralten Zivilisation.

Doch vor dem Flug ins All wartet die Arbeit. Mit einem Bergbau-Laser fräst man Rohstoffe aus der Umgebung: Eisenoxid, Aluminium, Iridium, Plutonium oder Gold - aus Nuggets von der Größe eines Einfamilienhauses. Die Materialien werden benötigt, um Schutzanzug und Werkzeuge am Laufen zu halten, das Raumschiff zu reparieren und andere Ausrüstungsgegenstände herzustellen, die ein paar Vorteile im interstellaren Überlebenskampf versprechen. Die Entwickler von Hello Games sehen ihre Schöpfung durchaus in einer Reihe mit „Minecraft“ und „Terraria“.

Sind die verschiedenen Antriebssysteme des kleinen Raumschiffs erst einmal repariert und aufgetankt, beginnt das eigentliche Abenteuer - in einem schier unendlichen Sternenmeer mit Himmelskörpern jeder Art. Auf manchen davon ragen titanische Pilze geradewegs in den Himmel oder trampeln Herden aus Giraffen-Sauriern über lilafarbenen Grasebenen. Auf anderen Planeten wehen wiederum eisige Winde den Schnee von den Berghängen und schwirren Roboter-Drohnen über Ozeane aus ätzender, dampfender Säure.

Und all das sieht so aus, als hätte es ein 80er-Jahre-Künstler wie Rodney Matthews auf das Cover eines Hardrock-Albums von Magnum gepinselt. Doch mit „No Man's Sky“ beschwört der britische Entwickler noch ganz andere Bilder aus dieser Ära herauf: 1984 brachen Ian Bell und David Braben mit ihrer Weltraum-Simulation „Elite“ zu den Pixel-Sternen auf - ein von „Star Wars“ inspirierter Meilenstein, der ein ebenso gigantisches wie offenes Gaming-Universum versprach. Ein Universum, in dem der Spieler zwischen den Sternen reisen, auf feindliche Schiffe das Feuer eröffnen und mit Alien-Rassen Handel treiben konnte. Doch der virtuelle Kosmos dieser Zeit war karg und trist - Punkte und Linien konnten erst Kraft der Spieler-Fantasie zum Leben erweckt werden.

Über 30 Jahre später ist es nicht der offizielle Nachfolger „Elite Dangerous“, der das Versprechen endlich einlöst - es ist „No Man's Sky“: Die Milchstraßen, Galaxien, Nebel und Sternhaufen von Hello Games sind nicht nur nahezu unendlich groß. Obendrein darf der Spieler jeden Himmelskörper ansteuern, um anschließend das Schiff zu verlassen, nach Ressourcen zu suchen und sich notfalls per Laserpistole gegen die einheimische Fauna und Flora zur Wehr zu setzen. Das Besondere daran: Keine Welt, keine Pflanzenart und keine Kreatur gleicht der anderen!

Weil ein Universum mit 18 Trillionen individuell ansteuerbaren Welten aber unmöglich von Hand gestaltet werden kann, kommen an dieser Stelle „prozedurale“ Algorithmen zur Anwendung: Dabei geben die Spiel-Designer zum Beispiel für bestimmte Planeten-Arten Parameter vor - und innerhalb dieser Grenzen wütet dann der Zufallsgenerator. Er lässt Hügel und Berge aus der Planetenoberfläche wachsen, Meere entstehen und auf dem Rücken eines Elefanten-ähnlichen Rüsseltiers kleine niedliche Flügel sprießen.

Das Ergebnis ist die Reise durch einen vor Leben brodelnden Kosmos - fast immer abstrakt, aber auch ehrfurchtgebietend und faszinierend. Dank Zufalls-Design wurde diese größte aller jemals entwickelten Spielwelten von gerade mal 15 Entwicklern ins Dasein gerufen. Eine Welt, die so gewaltig ist, dass es Ewigkeiten dauern kann, bevor der Weltraumforscher auf andere Spieler trifft - denn in „No Man's Sky“ preschen zwar alle Piloten durch ein und dasselbe Universum, doch dessen schiere Ausmaße sorgen dafür, dass es trotzdem kein Multiplayer-Spiel ist.

Die Freiheit, hin zu fliegen, wo immer man hin möchte, fühlt sich großartig an. Doch sie hat auch ihren Preis: „No Man's Sky“ erzählt keine Story, es gibt nur einen lockeren Handlungsrahmen vor. Hier schreibt der Spieler seine eigene Geschichte - während er mithilfe der komplexen Rohstoffkette einen Sprungantrieb baut, außerirdische Raumstationen besucht und mit Alien-Händlern feilscht, weil ihm noch immer ein wichtiges Bauteil fehlt. Kurzum: Hier ist der Weg das Ziel.

Am Ende der Odyssee steht zwar immer die Reise ins Zentrum des Universums, um dem Ruf einer geheimnisvollen Entität zu folgen. Aber wie und wann der Spieler dahin kommt, bleibt ihm selbst überlassen. Dass es den unzähligen „No Man's Sky“-Planeten und ihren Bewohnern dabei an Identität mangelt, ist zwar bedauerlich, aber angesichts der schieren Größe des galaktischen Spielplatzes unvermeidlich.

Wer reisen und experimentieren will, ist hier goldrichtig - wer dagegen eine gute Geschichte vorzieht und lieber von seinem Spiel behutsam bei der Hand genommen wird, der steigt hier besser nicht ins Cockpit. Denn den Entwicklern ging es nicht darum, einen mit Zweck und Absicht aufgeladenen Handlungsschauplatz zu erschaffen - „No Man's Sky“ soll ein digitales Paralleluniversum sein, in dem nahezu alles möglich ist.

Schade allerdings, dass Hello Games bisher auf jede Form von Kreativmodus verzichtet: Das leider etwas unkomfortable Ressourcen-Sammeln inmitten unendlicher Weiten lädt geradezu ein, eigene Stationen und Raumschiffhäfen zu schmieden. Doch nicht verzagen: Die Entwickler haben versprochen, ihr Spiel noch lange zu pflegen und mit Updates zu versorgen. Nicht ausgeschlossen also, dass man einen Baumodus irgendwann noch nachreicht.

tsch

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