Von den Warcraft-Machern

Blizzard veröffentlicht ersten Shooter

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Bild mm9 zu „Overwatch“

Neue Marke, neues Genre: Blizzard, kultisch verehrter Entwickler des Online-Rollenspiels „World of Warcraft“ und der Strategiereihen „Warcraft“ und „Starcraft“, wagt sich mit „Overwatch“ erstmals an einen Shooter. Genauer gesagt: an einen MOBA-Shooter. Und was soll man sagen? Die Kalifornier verstehen einfach ihr Handwerk.

Tobende Panzer-Gorillas, wild umher teleportierende Teenage-Girls, knallharte Scharfschützen-Luder in hautenger Rüstung und maskierte Revolverhelden: Das ist die Welt von „Overwatch“, mit dem der „Warcraft“- und „Diablo“-Hersteller seit einigen Tagen die neu erschlossene Welt der „MOBA-Shooter“ bereichert. Baller-Duelle, in denen die Entwickler die Vorzüge von gleich zwei Genres vereinen: Ich-Perspektive und Action-Handhabe werden aus der Ego-Shooter-Welt der „Call of Duty“-Bildschirmkriege importiert, der Rest der Mechanik dagegen stammt aus dem derzeit überaus populären „Multiplayer Online Battle Arena“-Genre, kurz „MOBA“.

Die Platzhirsche der MOBA-Gattung sind „League of Legends“ („LoL“) und „Defense of the Ancientes“ („DotA“), die vor allem in Asien Millionen vor die Bildschirme locken - aktiv, aber auch als passive Zuschauer von hochdotierten eSport-Turnieren. Mit „Heroes of the Storm“ hat Blizzard seit Anfang 2015 sein eigenes MOBA-Spiel im Rennen. Doch jene Wellen, die man sonst vom „Diablo“-Hersteller gewöhnt ist, hat der Titel bisher nicht geschlagen.

Mit „Overwatch“ gelingt das schon eher, was nicht nur der jüngst angekündigten Kooperation mit Facebook geschuldet ist. Die knallbunten Sechs-gegen-Sechs-Matches können künftig live über das Soziale Netzwerk gestreamt werden.

Der Blizzard-Neuzugang, entstanden aus den digitalen Ruinen des gescheiterten „Titan“-Projekts, bietet immerhin 21 sympathische Helden, damit jeder Spielertyp die richtige Identifikationsfigur zur Hand hat. Und tatsächlich: Von super-sympathisch über schrecklich niedlich bis hin zu düster und ehrfurchtgebietend findet sich hier alles, was der Egomane von Welt für sein Shooter-Alter-Ego als Identifikationsfigur braucht.

Wesentlich wichtiger als das visuelle Design der Figuren sind allerdings ihre Fähigkeiten - und nirgendwo blitzt die MOBA-DNA von „Overwatch“ so deutlich durch wie hier. Denn MOBAs definieren sich vor allem über das Zusammenspiel verschiedenartiger Charaktere, die sich mithilfe ihrer Talente gegenseitig ergänzen. Besonders breitschultrige Kollegen mit viel Lebensenergie marschieren als Treffer-Fang vorneweg, während kleine und agile Charaktere Verwirrung stiften. In der Zwischenzeit unterstützen die sogenannten Supporter ihre lädierten Kollegen - zum Beispiel, indem sie Schutzschilde aufbauen oder ihre Mitstreiter durch einen heilsamen Energieregen spazieren lassen.

An dieser Stelle hat es sich aber auch schon mit den Verwandtschaften zum MOBA-Genre: Ansonsten gibt sich „Overwatch“ wie ein ambitionierter eSport-Shooter, bei dem sich zwei Sechser-Teams in einem Dutzend ausgedehnter Arenen tüchtig Saures geben. Durchladen, schießen, laufen, springen, weiterballern - und das inmitten kunterbunter Comic-Abziehbilder von weltbekannten Schauplätzen, etwa im Schatten von Cheops-Pyramide und Sphinx, in einem japanischen Garten oder in einem viktorianisch-futuristischen London. Für Abwechslung ist also gesorgt.

Schade nur, dass Blizzard nicht eine kurze Einzelspieler-Kampagne eingebaut hat, um neugierigen Einsteigern ein gemütlicheres „Warmwerden“ mit der Materie zu erlauben. Außerdem hätte es dabei geholfen, das schräge Comic-Universum einzuführen, vor dessen Hintergrund die Schlachten stattfinden. Denn das bleibt - abgesehen von der hübschen Grafikkulisse - bisher reichlich blass.

Überhaupt bietet „Overwatch“ für einen rund 60 Euro teuren Vollpreistitel noch zu wenig Umfang: Keine Kampagne, gerade mal drei verschiedene Spielmodi - hier muss dringend nachgebessert werden. Zumal Blizzard auf das umstrittene Konzept „Zusatzinhalte gegen Echtgeld“ setzt: Für ein paar Euro darf der Spieler Überraschungspakete kaufen. Die enthalten allerdings nur Extras kosmetischer Natur, auf das Gameplay wirken sich diese „Loot-Boxes“ zum Glück nicht aus.

Im Direktvergleich mit dem ähnlich angelegten „Battleborn“ von Gearbox („Borderlands“), das bereits Anfang Mai erschien, schneidet „Overwatch“ trotzdem dezent besser ab: Der Blizzard-Titel ist handlicher, direkter, glänzt durch deutlich mehr Feinschliff und bietet allgemein das bessere Spielgefühl. Hier wird zwar nicht viel geboten - aber das wenige ist nahezu perfekt. Nur wenn es um den schieren Spielumfang geht, hat „Battleborn“ die Nase vorn.

tsch

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