Die Rache des Zerissenen

Mafia 3: 2k legt brutales Spektakel nach

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Lincoln und sein erster „Lieutenant“, die Voodoo-Priesterin Cassandra.

Rassismus, Radikalisierung, Rache: In „Mafia 3“ nimmt es der afroamerikanische Vietnam-Heimkehrer mit der italienischen Unterwelt-Konkurrenz auf. Ein mitunter brutales Spektakel.

In den ersten beiden Episoden seiner Gangster-Saga zitierte Hersteller 2K vor allem das klassische Mafia-Filmgenre, im dritten Teil übernimmt nun ein Vertreter der seltener thematisierten „Schwarzen Mafia“: Der innerlich zerrissene Vietnam-Heimkehrer Lincoln Clay will zusammen mit der Voodoo-Priesterin Cassandra, „Mafia 2“-Frontmann Vito Scaletta und einem ehemaligen CIA-Agenten die fiktive Stadt New Bordeaux erobern. Sein Motiv: Rache.

Eigentlich wollte Lincoln nach seiner Rückkehr aus dem Vietnamkrieg ein grundanständiges und vor allem friedliches Leben führen: Doch kaum ist er daheim in New Bordeaux, das virtuelle Abziehbild von New Orleans, bei seinem Mentor Sammy angekommen, gerät er in einen Strudel der Gewalt. Sammy, Anführer der „Schwarzer Mafia“, hat Schulden beim italienischen Mafiosi Sal Marcano - und für deren Begleichung muss der kampferprobte Muskelmann Lincoln bei einem Bankraub mitspielen. Der Coup gelingt, doch Marcano hintergeht die Truppe: Lincoln landet mit einer Kopfverletzung im Koma, seine Freunde und Sammy unter der Erde.

Darum ist Lincoln fortan besessen, etwas Unmögliches zu schaffen, weil er im Amerika der späten 60er-Jahre durch seinen afroamerikanischen Hintergrund regelrecht stigmatisiert ist: Er will Verbündete gewinnen, um Sal Marcano zu bezwingen. Entsprechend nutzt Entwickler Hangar 13 Lincolns Versuche, zum Chef-Paten aufzusteigen, um die Rassismus-Probleme dieser US-Ära zu beleuchten.

So ist der „Mafia 3“-Frontmann ein Held, der sich Tag für Tag mit Anfeindungen und Diskriminierung konfrontiert sieht: Will er ein Restaurant oder eine Tankstelle betreten, wird er vor die Tür gesetzt. Auf der Straße wird er beschimpft, beleidigt und von jedem Gesetzeshüter mit Argusaugen beobachtet: Ein falsches Manöver hinterm Steuer seines Muscle-Cars, und schon hat Lincoln einen ganzen Fuhrpark unter Blaulicht am Heck kleben.

Besonders in den zahlreichen Zwischensequenzen wird die Rassismus-Thematik geschickt aufgearbeitet: Hier erfährt der Spieler viel über die teilweise harschen Einzelschicksale der vermeintlich skrupellosen Ganoven - und weil Entwickler Hangar 13 besonders viel Wert auf eine glaubhafte Mimik sowie detaillierte Gesichter seiner digitalen Akteure gelegt hat, werden hier echte Gefühle vermittelt.

Ein Detail, das sich gekonnt ins Bild fügt: Auf den ersten Blick ähnelt die frei befahr- und begehbare Mafia-Metropole den riesigen „GTA“-Schauplätzen. Doch anders als die will New Bordeaux kein Spielplatz für die Experimentier-Gelüste der Gamer, sondern nur eine farbenfrohe Kulisse sein. Eine Kulisse, in der Lincoln hinterm Steuer von Rostlauben, coolen Pick-Ups und blank polierten Luxusschlitten mit aufgedrehtem Radio von einer Mission zur nächsten fährt: Da wollen neue Gang-Mitglieder angeworben, feindliche Schurken verdroschen, Spirituosen-Lager hochgejagt, LKW geklaut und Drogen-Pakete vertickt werden.

Und natürlich kommt es dabei zu direkten Konfrontationen, die mit brutaler Waffengewalt ausgetragen werden. Unterbosse der verschiedenen Mafia-Paten können dabei so lange übel zugerichtet werden, bis sie Lincoln ihre Mitarbeit anbieten: Dieses „Anheuern“ bringt im Gegensatz zum „Abmurksen“ langfristig mehr Geld ein, weil derart eingeschüchterte Handlanger auf Dauer brav in Lincolns „Kriegskasse“ zahlen. Und für bare Münze gibt's vor allem eins: noch größere Kaliber. Die darf sich Lincoln ebenso wie neue Autos oder Geldboten direkt zu seiner aktuellen Position liefern lassen: Je mehr Unterbosse er für seine Sache gewinnt, desto mehr „Laufburschen“ bieten ihm ihre Dienste an - und irgendwann kann er sich an einem Capo versuchen.

Der Ausbau des eigenen Mafia-Imperiums geht also komfortabel, aber auch reichlich geradlinig vonstatten: Nennenswerte Nebenaufgaben bietet „Mafia 3“ nur wenige, die anfangs so packenden Zwischensequenzen werden seltener. Stattdessen wird Stück für Stück und Stadtviertel für Stadtviertel die Story abgearbeitet. Schade nur, dass sich die Entwickler dafür auf die ständig gleichen Missionsstrukturen stützen. Die Eroberung New Bordeaux' verliert dadurch mit der Zeit spürbar an Fahrt, was auch einer Reihe von technischen Patzern anzukreiden ist, von denen hübsche Youtube-Videos existieren.

Trotzdem motiviert die Kombination aus rasanten Auto-Verfolgungsjagden, launigen Deckungs-Gefechten und spannender Geschichte bis zum Ende: Was „Mafia 3“ als Open-World-Spiel nicht schafft, gelingt ihm als unterhaltsamer Genre-Cocktail vor einem bitterernsten Hintergrund. Wer sich auf dem PC mit dem einen oder anderen Bug anfreunden kann und es dem Spiel verzeiht, dass die Qualität der Grafik mitunter beträchtlich schwankt, bekommt mit „Mafia 3“ ein großartiges Gangster-Epos im rauen gesellschaftlichen und politischen Klima Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre.

tsch

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