Master of Orion

Krieg der Weltraum-Bürokraten

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Das Remake „Master of Orion“ wurde aufwendig inszeniert. Geblieben ist jedoch das geniale Grundgerüst, das ein ganzes Genre begründet hat und Spieler mit einem Volk ins All entsendet, um die Galaxie zu erforschen, zu besiedeln, andere Völker zu unterwerfen - oder sie auf diplomatischem Wege zu überzeugen, dass man der ideale Herrscher ist.

Der weißrussische „World of Tanks“-Entwickler Wargaming lässt das Strategie-Urgestein „Master of Orion“ in neuem Glanz erstrahlen - und nimmt ein paar zeitgemäße Änderungen vor.

Katzenhafte Alien-Kriegerinnen, großköpfige Psi-Krieger, plüschige Weltraum-Teddybären und jede Menge Daten-Ballast, der Strategie-Profis entzückt quietschen lässt, während er Genre-Neulinge brutal erschlägt: Mit seinem Remake des gleichnamigen 90er-Jahre-Klassikers „Master of Orion“ will der weißrussische „World of Tanks“-Macher Wargaming Fans des Originals ebenso beglücken wie neue Spieler rekrutieren. Kann dieser galaktische Spagat gelingen?

Elf vorgegebene Rassen - darunter auch die vergleichsweise langweiligen Menschen - verleihen dem Universum von „Master of Orion“ Farbe. Und wem das noch immer nicht genug ist, der darf sich auf Basis dieser Vorlage seine eigene Spezies erschaffen. Mit ziemlich genau den Vorteilen, Nachteilen und Werten, auf die er es abgesehen hat. Denn noch bevor „Master of Orion“ zum Weltraum-Epos wird, ist es ein Galaxien-umspannender, bürokratischer Apparat - genauso wie das altehrwürdige Original.

Als der Genre-Klassiker 1993 zum ersten Mal auf der Bildfläche erscheint, kommen die meisten Strategiespiele noch mit Handbüchern in Telefonbuchstärke, und sie haben den Charme einer Excel-Tabelle. Epische Raumschlachten werden ebenso Runde für Runde und per Menü geführt wie Verhandlungen oder der technologische Ausbau des eigenen Sternenreichs. Die Inszenierung ist spärlich - darum bezieht „Master of Orion“ seinen Reiz vor allem aus der Fantasie-Leistung des Spielers, der hinter den nüchternen Textzeilen und Zahlen-Kolonnen gigantische Schlachten und packende Geschichten visualisiert.

Heute sieht das ein bisschen anders aus: Strategiespiele laufen überwiegend in Echtzeit ab, vor Kulissen, die fast nichts mehr der Vorstellung überlassen. Vielleicht aus exakt diesem Grund sehnt sich auch manch ein Strategie-Fan nach Taktik-Titeln wie in der guten alten Zeit. Ein bisschen hübscher dürfen sie zwar sein, aber ansonsten bitte genauso bürokratisch, verkopft und komplex wie früher!

So betrachtet kommt Wargamings Remake des Klassikers gerade recht - denn nach über 20 Jahren ist der Meister des Orions im Grunde noch immer da, wo er angefangen hat: thematisch irgendwo zwischen klassischen Sci-Fi-Stoffen wie „Flash Gordon“ und „Perry Rhodan“ angesiedelt - und spielerisch so richtig schön unzugänglich. Statt kargen Pixel-Illustrationen gibt es heute natürlich professionell inszenierte Charaktere mit Stimmen von Stars wie Michael „Worf“ Dorn („Star Trek“) - obendrein schwirren fein animierte Mini-Zerstörer um die Planeten und Gestirne der Kosmos-Karte.

Kommt es in der kunterbunten Galaxie zum Konflikt - zum Beispiel, wenn sich Mrrshan und Bulrathi in die Katzen- beziehungsweise Hundehaare bekommen -, pfeifen dem Spieler Photonen-Torpedos sowie Laser-Batterien in Echtzeit um die Ohren. Und all das wie gehabt im Namen der Expansion: Zuerst die benachbarten Systeme auskundschaften, sich dann vorsichtig ausbreiten, Ressourcen ausbeuten und dafür notfalls den Nebenbuhlern den Krieg erklären. Das sind die vier Grundbausteine des „4X“-Strategie-Konzepts, auf dem „Master of Orion“ bis heute basiert - und für das jede Rasse ihre eigenen, meist martialisch oder religiös motivierten Gründe mitbringt.

„Master of Orion“ wäre nicht „Master of Orion“, würde es dafür auf all die wunderbar trockenen Listen, Diagramme, Verknüpfungen und das tonnenschwere Regelwerk verzichten, in die man sich regelrecht verbeißen muss, um die eigene Zivilisation vorwärts zu bringen. Spielrunde für Spielrunde die Ressourcen von neu besetzten Welten einstreichen, damit neue Flotten bauen oder Forschungsprojekte in Gang bringen: Entwickler Wargaming hat sich darum bemüht, diese Elemente behutsam zu entschlacken und zugänglicher zu gestalten, ohne das Ganze seichter werden lassen. Schade nur, dass man es versäumt hat, neue Spieler langsam an die Materie heranzuführen. Für Liebhaber des Klassikers eine feine Sache, für Newcomer echte Arbeit.

Allerdings können sich Neulinge für das Spielkonzept ohnehin nur schwer erwärmen, denn der neue Herr des Orions (ein zentraler Planet in der Galaxis mit unfassbaren Schätzen) richtet sich an dieselbe Gamer-Gruppe wie sein Stammvater. Nur, dass die ebenso wie das Spiel um mehr als 20 Jahre gealtert ist. Kurzum: Hier wird genau das geboten, womit man rechnen durfte - nämlich ein ziemlich exakter Nachbau des Originals, der obendrein mit allen drei Vorgänger-Spielen als Gratis-Dreingabe kommt.

„Master of Orion“ hätte jedoch gerne mit neuen Ideen und einem weniger generisch wirkenden Universum aus dem Raumschiff-Dock fliegen dürfen, aber Fans werden ihren Spaß dran haben.

tsch

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