Deus Ex: Mankind Divided

Kampf der Mensch-Maschinen

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Wer Jensen nicht kennt, wird der wortkarge Agent anfangs nur leidlich sympathisch sein. Doch mit jeder Spielstunde, die verstreicht, wird der angenehm detailliert gezeichnete Held interessanter.

Noch spannender als die komplexe Geschichte rund um Implantate und Intrigen ist die enorme Handlungsfreiheit, die PC- und Konsolenspieler in „Deus Ex: Mankind Divided“ haben. „Erstklassige Arbeit, Jensen, Sie scheiß Blecheimer!“

Kybernetische Verbesserungen, Verschwörungen und die Frage nach der Menschlichkeit in einer gespaltenen Gesellschaft: Mit „Deus Ex: Mankind Divided“ liefern Square Enix und Eidos Montreal einen ebenso düsteren wie tiefgründigen Science-Fiction-Thriller, der nur ein Problem hat ...

Augmentationen - um diese biomechanischen Implantate und Prothesen, die Menschen in naher Zukunft leistungsfähiger machen, drehte sich schon das dystopische Action-Rollenspiel „Deus Ex: Human Revolution“ (2011). Und auch der nun für PC und Konsolen veröffentlichte Nachfolger „Mankind Divided“ versucht unter verschärften Bedingungen herauszufinden, was eigentlich einen Menschen auszeichnet und wohin eine Spaltung der Gesellschaft in „Technos“ und „reine“ Bürger führen kann.

Adam Jensen ist so „Techno“: ein augmentierter Agent, der von Kopf bis Fuß mit künstlichen Muskelfasern und anderen Hightech-Hilfsmitteln vollgestopft ist. Der Held des Vorgängers arbeitet inzwischen für eine militärische Spezialeinheit - ein Job, bei dem sein Cyborg-Erscheinungsbild zwar für allerlei Anfeindungen sorgt, ihn aber auch einen Terroranschlag am Prager Bahnhof überleben lässt.

Die Suche nach dem mutmaßlichen Attentäter und die Erkenntnis, dass viel mehr dahintersteckt, wird einen über viele Stunden beschäftigen. Wie viele das sein werden, hängt stark vom eigenen Vorgehen ab. Denn wie in allen Teilen der einst von Warren Spector geschaffenen Reihe sind die Haupt- und Nebenmissionen so konzipiert, dass sie mehrere Lösungswege zulassen. Der Spieler allein entscheidet, ob er buchstäblich mit der Tür ins Haus fällt und wie ein humanoider Panzer mit gezücktem Großkaliber wütet. Oder ob er lieber sich in Sicherheitssysteme hackt und Widersacher geschickt umgeht, indem er durch Rohre und Luftschächte schleicht. Selbst die wenigen Boss-Kämpfe lassen sich unterschiedlich bewältigen.

Der beschränkte Energievorrat von Jensens Kunst-Körper legt dem kybernetisch gestählten Agenten zudem nahe, sich für eine Spielweise zu entscheiden, wobei Rambos klar im Nachteil sind und lautloses Vorgehen mit deutlich mehr Erfahrungspunkten belohnt wird.

Wie raffiniert oder rabiat man in den weitläufigen Arealen zu Werke geht, ist nicht die einzige Entscheidung von Tragweite: „Deus Ex“ definiert sich seit jeher über Wahlmöglichkeiten, die den Ausgang des Abenteuers mitbestimmen - und die meisten davon sind moralischer Natur. Einem Menschen zu helfen, bedeutet gleichzeitig, den anderen seinem sicheren Untergang zu überlassen. Es geht um die Konsequenzen menschlichen Handelns in einer Welt, in der es keine klare Trennung zwischen Gut und Böse gibt. Und durch exakt dieses Dilemma wirkt Maschinen-Mann Jensen menschlicher als die meisten anderen Spiele-Helden.

Wer einer gut erzählten Rollenspiel-Geschichte den Vorzug vor geschliffenem Gameplay und feingezeichneter Edel-Optik gibt, erlebt an der Seite von Jensen eines der packendsten Science-Fiction-Abenteuer der letzten Jahre. Alle anderen sollten gründlich überlegen, ob sie den Augmentierungs-Trip wagen wollen: Wie sein Vorgänger ist „Mankind Divided“ ein komplexer Brocken, der Geduld und Einarbeitungszeit erfordert und Neulingen das Leben alles andere als leicht macht.

Obwohl das neue „Deus Ex“ wahlweise mit konventioneller Shooter-Steuerung gespielt werden darf, fühlt es sich zu keinem Zeitpunkt so flüssig oder rund an, als wäre es eine moderne Ego-Schießbude - allen zeitgemäßen Deckungs- und Schleichmanövern zum Trotz. Stattdessen ist Jensen ein von Kopf bis Fuß kantiger Blechkamerad, der nur auf das Kommando von Genre-Profis hört. Die werden an dem Cyborg allerdings ihre helle Freude haben - denn alles, was ein anspruchsvolles Rollenspiel ausmacht, wurde hier gekonnt auf Hochglanz poliert.

tsch

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