Alles zum App-Hype „Pokémon Go“

Globale Monster-Manie

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Suchen und sammeln: Die App „Pokémon Go“ hat eine globale Hysterie entfacht und tausende „Smombies“ auf die Straßen und in die Natur gelockt.

Die Hysterie ist groß: Smartphone-Besitzer in aller Welt suchen aus Neugier und Sammeltrieb ihre Umgebung nach virtuellen Monstern ab - und finden mitunter Leichen, verursachen Autounfälle oder werden niedergestochen. Was Sie über „Pokémon Go“ wissen müssen.

Die Welt ist im Monsterfieber - und schuld daran ist eine App: Mit „Pokémon Go“ für Android- und Apple-Smartphones rollen die niedlichen Kreaturen, die seit über 20 Jahren für leuchtende Kinderaugen sorgen, gerade den mobilen Spielemarkt auf, verursachen Verkehrsunfälle und verhelfen Nintendo zu einem Aktien-Höhenflug sondergleichen - auch wenn die Firma wenig damit zu tun hat. Was also steckt hinter dem Hype? Welche kuriosen Blüten treibt das Augmented-Reality-Abenteuer? Und worauf sollten Eltern achten?

Gamer sind nicht für ihren Bewegungsdrang bekannt, trotzdem hecheln seit einigen Tagen Hunderttausende von ihnen mit gezücktem Smartphone durch die Innenstädte oder krabbeln keuchend durchs ländliche Unterholz. Was ist da nur los? Das „Pokémon Go“-Fieber grassiert - weltweit. Erst in den USA, Neuseeland und Australien, seit Kurzem auch in Deutschland, nachdem der Europa-Start der App wegen ächzender Server zunächst verschoben wurde. Es ist das erste Abenteuer in 20 Jahren währender Monster-Manie, das ohne Nintendo-Hardware auskommt und stattdessen auf allen Android- und iOS-Gerätschaften läuft. Hier setzen die Entwickler auf den cleveren Einsatz von GPS-Unterstützung und der eingebauten Handy-Kamera, um „Pokémon Go“ in ein Massenphänomen zu verwandeln, das Legionen von Digital Natives an die frische Luft lockt.

Mithilfe von Google Maps verortet das Spiel die Jagdgründe der Pokémon-Trainer in der realen Welt - Pikachu, Schiggy, Glumanda & Co. verstecken sich hinter den Büschen im Vorgarten, auf Verkehrsinseln, auf dem Schulhof oder im Büro. Manchmal schweben die putzigen Figuren in der Luft, machen es sich frech auf der Schulter eines Kollegen bequem oder purzeln sogar im heimischen Kochtopf herum - die möglichen Situationen reichen von witzig bis urkomisch. Fachleute nennen diese Kombination von tatsächlicher und digitaler Realität „Augmented Reality“. Das Echte wird um das Digitale ergänzt.

Die Spiele-Logik, die Entwickler Niantic über diese Sammelei gestülpt hat, ist denkbar einfach: Wie in den „Pokémon“-Ablegern für 3DS, Gameboy & Co. sollen so viele Monster wie möglich mithilfe eines „Pokéballs“ eingefangen werden - per Fingerwisch über den Touchscreen geschleudert. Verfütterte Bonbons lassen die Kreaturen die nächste Evolutionsstufe erreichen: Aus Taubsi wird dann Tauboa, Glumanda mutiert zu Glutexo, und der wächst später zum geflügelten Glurak heran. Viel komplizierter wird es nicht, dafür aber umso geselliger: Die „Pokémon Go“-Trainer sind praktisch überall anzutreffen - und an Gesprächsstoff mangelt es nicht!

Nicht ohne Gefahren

All das macht „Go“ zu einem Phänomen, das die Grenzen der digitalen Sphäre einreißt. Und obendrein phänomenal erfolgreich ist: Aktuell generiert die App, über die alle reden, mehr als eine Million Dollar Umsatz pro Tag. Sie hat Nintendo zum größten Aktienplus seit Jahren verholfen, obwohl die Firma nur einen kleinen Bruchteil an den Ingame-Umsätzen bekommt und ein Drittel der Anteile an der Pokémon Company hält. Sie führt praktisch alle App-Charts an und stiehlt in Sachen Frequentierung selbst Twitter oder der Dating-Plattform Tinder mühelos die Show.

Aber harmlos ist der Spaß nicht. Die Welt muss erst lernen, wie man mit dieser neuen Art von Spiel umgeht: In den USA fand eine Frau bei der Pokémon-Jagd am Fluss eine Leiche, an anderer Stelle ging ein werdender Familienvater lieber im Krankenhaus auf Monsterjagd, als der Geburt seines Kindes beizuwohnen. Und in einer Klinik in Amsterdam haben sich Pokémon-Jäger rücksichtslos gezeigt, indem sie kurzerhand in geschlossene Bereiche vorgedrungen sind, weil sich dort seltene Pixel-Tierchen verborgen hielten.

Einige Zeitgenossen machen sich die Vorwitzigkeit der Sammler sogar zunutze: Im günstigsten Fall sind es Ladenbetreiber, die mithilfe von Ingame-Lockstoffen Pokémon und damit auch potenzielle Kunden in ihr Geschäft locken. Im schlimmsten Fall sind es Kriminelle - wie in den USA geschehen: Hier hatten ein paar Teenager unvorsichtige Sammelwütige überfallen und ausgeraubt.

Pietätlos: Manche der virtuellen Gym-Arenen, die zum Duell Trainer gegen Trainer einladen, befinden sich in Gedenkstätten wie dem Holocaust-Museum in Washington oder dem KZ-Auschwitz. Die Verantwortlichen haben die Macher gebeten, die Geolokalisierung in der App zu unterdrücken. Das Spielen sei dort schlicht „deplatziert“.

Darauf sollten Eltern achten

Wirklich interessant an diesen Vorfällen ist vor allem die Frage nach der moralischen Zuständigkeit: Wen darf man hier zur Verantwortung ziehen? Den Entwickler - oder doch eher die Nutzer? Die Macher mögen für die Gestaltung und Interpretation des Spiels verantwortlich sein, der Rest sollte gesunden Menschenverstand walten lassen. Zur Verantwortung aufgerufen sind darum gerade bei minderjährigen Monster-Jägern die Eltern: Die sollten sich unbedingt mit dem neuen Hobby ihrer Sprösslinge vertraut machen und entsprechende Verhaltensregeln festlegen.

Auch das Wissen um eventuell anfallende Folgekosten gehört dazu: Der Download der Spiele-App ist zwar kostenlos. Doch im Ingame-Shop des Titels lassen sich echte Euro in Pokémünzen eintauschen, die sich wiederum in nützliche Jagd- und Trainings-Utensilien wie Lockmodule, einen größeren Rucksack oder eine Eibrutmaschine investieren lassen. Letztere kostet 150 Pokémünzen - umgerechnet 1,35 Euro. Für 100 Euro bekommt man 14.500 Einheiten der virtuellen Währung - unter Umständen also ein teures Vergnügen.

Außerdem kann es nicht schaden, die Sprösslinge regelmäßig nach den abgeklapperten Orten zu befragen. Entwickler Niantic verlässt sich für die Bestimmung wichtiger Lokalitäten auf die Datenbank seiner artverwandten Spiele-App „Ingress“ - und die ist längst nicht immer aktuell. Oder gefahrlos. Befinden sich besonders reichhaltige Monster-Jagdgründe in einer abgelegenen Gegend, sollten sich gerade kleine Nutzer nicht alleine dorthin wagen.

Der ständige Kontakt zu den Spiele-Servern von Niantic und Googles Map-Service nagt zudem am mobilen Datenvolumen. Wer den Traffic vorsichtshalber auf ein Minimum reduzieren möchte, greift auf einen Trick zurück: Einfach die „Google Maps“-App auf demselben Smartphone installieren und hier in den Einstellungen eine Offline-Karte der betreffenden Region installieren - fertig.

Einsteigertipps

Andere Tipps erleichtern das Sammlerleben. Der wichtigste vorab: Das kleine Elektro-Monster Pikachu lässt sich bereits zu Spielbeginn einfangen. Einfach die drei wartenden Start-Pokémon konsequent ignorieren und weiterlaufen - irgendwann taucht Pikachu im Umfeld auf. Apropos: Spieler können einen Umkreis von bis zu 300 Metern auf die Anwesenheit von Pokémon überprüfen. Hierfür ruft man einfach das Menü unten rechts auf und checkt die Liste der anwesenden Kreaturen: Die Anzahl der Fußabdrücke neben dem Pokémon zeigt dabei an, wie weit es entfernt ist.

Aber wie fängt man das kleine Biest ein, wenn man es laut Karte vor der Nase hat? Der Trick: Einfach das Bildchen des Monsters auf der Karte mit dem Finger berühren, dann öffnet sich die Fang-Ansicht. Beim Hantieren mit dem Pokéball ist manchmal Geduld gefragt: Entfernung und Flugbahn des Geschosses sind schwer abzuschätzen - außerdem weichen manche Pokémon-Arten dem Ball aus oder wehren ihn sogar mit geschickten Hieben ab. Um die Tierchen so schnell wie möglich dingfest zu machen, sollte man auf den farbig markierten Zielkreis achten: Der beste Moment für das Verschießen des Balls ist gekommen, wenn der Kreis ganz klein wird. Trotzdem ist dabei manchmal Geduld gefragt - und ein ausreichend großer Ball-Vorrat.

Darum sollte eine der ersten Trainer-Aktionen darin bestehen, die umliegenden Poké-Stopps abzuklappern - auf der Karte sind diese Stationen blau markiert. Wer die Stopps durch Berühren in Besitz nimmt, der bekommt als Belohnung einige Gegenstände geschenkt - darunter vor allem neue Bälle. Wer irgendwann Level 5 erreicht hat, darf schließlich eine der Gym-Arenen besuchen: Diese von allerlei Pokémon belagerten Türme sind auf der Karte nicht zu übersehen - und die hier ausgetragenen Duelle gegen die Monster anderer Spieler versprechen jede Menge Erfahrungspunkte!

tsch

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