Pro Evolution Soccer 2017

Brillante Taktik - aber ohne FC Bayern

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„PES 2017“ steht ganz im Zeichen des FCB - nein, nicht der aus München. Der fehlt komplett.

Flottes Gameplay, ungeheure Taktik-Tiefe und authentische Animationen geben „PES 2017“-Spielern den Kick. Und doch fehlen ein paar Dinge zum Glück ...

Es ist vermutlich zum Haare-Raufen. Da schließt Konami eine dreijährige „Premium-Partnerschaft“ mit dem FC Barcelona, um Stadion und Spieler „perfekt“ in digitaler Form wiedergeben zu können - und dann das: Lionel Messi lässt sich kurz vor der Veröffentlichung von „Pro Evolution Soccer 2017“ einen Vollbart wachsen und die Haare blondieren. Sturmpartner Neymar trägt seit Kurzem ebenfalls eine gelb-weiße Frisur. Im Spiel, das im alljährlichen Duell mit der „FIFA“-Konkurrenz vorlegt, laufen die Barca-Stars noch im alten Look auf. Aber das sind Haarspaltereien ...

Die gute Nachricht vorweg: Ein erstes Update hat die Teams pünktlich zum Verkaufsstart und zum Anpfiff des alljährlichen Duells der Fußballsimulationen auf einen aktuellen Stand gebracht. Bedeutet: Der 105-Millionen-Mann Paul Pogba kickt in „PES 2017“ für Man Red alias Manchester United, Last-Minute-Transfer Shkodran Mustafi für Arsenal und Renato Sanches - nun ja - für Portugal. Denn das ist die schlechte Nachricht: Weil der FC Bayern mit dem „FIFA“-Publisher EA einen Exklusiv-Deal geschlossen hat, fehlt der Rekordmeister erstmals im Konami-Kader.

Die einzigen deutschen Vereine im Spiel sind Schalke 04, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund, mit denen Konami wiederum eine vierjährige Partnerschaft geschlossen hat. Was - Randnotiz - EA offenbar nicht daran hindern kann, BVB-Star Marco Reus aufs Cover von „FIFA 17“ zu heben ...

Die seit Jahren bestehende Lizenzschwäche hat sich also durch den Wegfall von Deutschlands meist geliebt-gehassten Verein weiter verschärft und wird sich auch in naher Zukunft nicht verbessern. Konami versucht zwar, mit einem leistungsstarken Editor und punktuell einzelnen Club-Rechten sowie neuen südamerikanischen, asiatischen und europäischen Ligen entgegensteuern. Aber mal ehrlich: Wer will das Duell zwischen CD Cobresal (Chile, Teamstärke: 1 Stern) und Becamex Binh Duong (ebenfalls 1 Stern) aus der Asiatischen Champions League nicht nur aus Gag-Gründen austragen?

Davon abgesehen ist „PES 2017“ ist eine Wucht: fußballerisch, taktisch, grafisch.

Das Laufverhalten der teils beeindruckend authentisch nachgebildeten Computer-Kicker ist zusammen mit der Ballphysik und unfassbaren Animationsvielfalt schlicht der Wahnsinn: Jeder Pass, jeder Schuss, jede Ballmitnahme, jedes Foul, jede Kollision, der Sturz ist anders - selten hat ein Fußballspiel in Bewegung so gut, so lebhaft und so nachvollziehbar ausgesehen! Unverständlich, warum ein Verwischeffekt die Wiederholungen verunstaltet.

Das Verhalten der Torhüter wurde ebenfalls komplett überarbeitet. Bei Nachschüssen sind die Keeper auf Zack, so manch unhaltbarer Strahl wurde während der Testpartien aus dem Giebel gefischt. Grobe Patzer sind selten.

Was „PES 2017“ jedoch zur ersten Anlaufstelle für Freunde des Fußballs macht, ist seine taktische Tiefe. Als hätten Pep Guardiola, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel bei der Entwicklung mitgearbeitet, lassen sich über das Digitalkreuz schnelle Anpassungen während des Spiels vornehmen. Gegenpressing, falsche Neun, Tiki Taka, Außenverteidiger, die bei Ballbesitz bis an die Grundlinie durchgehen ... - auf höheren Schwierigkeitsgraden kann man die gegnerische Abwehr oft nur durch eine flexible Spielgestaltung knacken. Den Gegner lesen, seine Schwachstellen ausmachen und diese mit einer raschen Umstellung ausnutzen - da werden virtuelle Erfolge zu echten Glücksgefühlen.

Man muss aber nicht in taktische Tiefen abtauchen. „PES 2017“ funktioniert auch als Spaß-Kick für zwischendurch - angereichert durch eine Flut von Modi, die man alle bereits aus den Vorgängern kennt: von der Champions und Europa League über Online-Duelle und der etwas drögen Solo-Karriere bis hin zu diversen Herausforderungs-Minispielchen mit Trainingscharakter. Von der „Adaptiven Künstlichen Intelligenz“, die sich laut Konami dem Verhalten des Spielers in der zentralen „Meisterliga“ anpassen will, spürt man vermutlich erst nach vielen Partien etwas.

Fazit: „PES 2017“ liefert einen famosen Kick, der wirklich Spaß macht - und dennoch mit drei Schwächen zu kämpfen hat. 1.: das alljährliche Fehlen der Bundesliga im Allgemeinen und des FC Bayern München im Speziellen. 2.: die im Grunde erfahrenen Kommentatoren Hansi Küpper und Marco Hagemann, die es nicht schaffen, das Geschehen auf dem Rasen auch nur ansatzweise packend zu begleiten. Und 3.: Die PC-Version hinkt technisch der PS4- und Xbox-One-Version hinterher. Aber zumindest hier ließe sich per Patch schnell Abhilfe schaffen.

tsch

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