Schauspieler im Interview

Franz Hartwig: Ein Zweifler vor dem Herrn

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Der Beruf des Schauspielers sei der Rolle des verzweifelten Pfarrer Thaddäus gar nicht so unähnlich, meint Franz Hartwig (Szene mit Andrea Sawatzki): „Zweifel habe ich fast tagtäglich.“

„Zweifel habe ich fast tagtäglich“, sagt Franz Hartwig. Für den Beruf des Schauspielers ist das schon fast eine Schlüsselqualifikation ...

Noch hat seinen Namen nicht jeder auf dem Zettel, dabei ist der Schauspieler Franz Hartwig (30) durchaus sehr präsent. Der wandlungsfähige Künstler spielt Theater an der Schaubühne in Berlin und ist seit einigen Jahren vermehrt auch in Film- und Fernsehrollen zu sehen. Nach einigen Auftritten im „Tatort“ dieses Jahr, kann man den jungen Schauspieler aus Dresden nun (am Donnerstag 20. Oktober, 20.15 Uhr) endlich in einer Hauptrolle bewundern - in Sylke Enders' ZDF-Komödie „Zwei verlorene Schafe“ an der Seite von Andrea Sawatzki. Er spielt den schlechtesten Pfarrer Berlins, der von einer erfolglosen und chronisch abgebrannten Schauspielerin gecoacht wird. Seine Rolle als Pfarrer ist geprägt von Zweifeln - ein Zustand, den Franz Hartwig in seinem Beruf als Schauspieler sehr gut kennt, wie er im Interview durchblicken lässt.

nordbuzz: Was hat Sie daran gereizt einen Pfarrer zu spielen?

Hartwig: Das Spannende war nicht nur einen Pfarrer zu spielen, sondern wie diese ganz spezielle Figur angelegt ist: nämlich mit Selbstzweifeln und vor allem mit Zweifeln an Gott. Diese Rolle hat so viele Facetten. Das wurde zum letzten Mal in der Schauspielschule von mir verlangt.

nordbuzz: Wie haben Sie sich auf diese besondere Rolle vorbereitet?

Hartwig: Ich war vor allem auf der Suche nach schlechten Predigern. Das klingt jetzt doof. Aber ich meine nicht inhaltlich schlecht, sondern haltungs- und ausdruckslos. Bei meinen Eltern, im Umland von Heidelberg, bin ich dann fündig geworden.

nordbuzz: Was genau haben Sie gefunden?

Hartwig: Dort habe ich mir bei einem Pfarrer eine Art Sing-Sang abgeschaut. Die große Herausforderung lag darin, als ausgebildeter Sprecher und Schauspieler, sich nicht über etwas lustig zu machen, sondern eine gewisse Art und Weise des Sprechens zu entwickeln. Ich wollte den Pfarrer in der Rolle nicht als Trottel darstellen, wo sich Franz Hartwig als Schauspieler daneben stellt und sagt: „Schau dir mal diesen Idioten an!“

nordbuzz: Kennen Sie auch gute Prediger?

Hartwig: Aus familiären Gründen wurde ich zwar nie getauft, habe aber selbstständig in meiner Jugend zum Glauben gefunden. Nach meinem Umzug nach Berlin, habe ich bestimmt über ein Jahr jeden Sonntag die Kirche besucht. Ich habe festgestellt, wie toll es ist, wenn ein Pfarrer predigen kann. Der Pastor, den ich dort kennengelernt habe, war früher selbst Schauspieler. Anfang 40 hat er angefangen Theologie zu studieren ... Verrückte Geschichte.

nordbuzz: Haben Sie noch überlegt, sich taufen zu lassen?

Hartwig: Ja, doch. Ich wurde sogar schon zweimal gefragt.

nordbuzz: Und?

Hartwig: Die Kirche ist eine Institution. Man muss Urkunden aus seinem Bezirk einholen, um sich woanders taufen zu lassen. Es wird auf einmal so seltsam bürokratisch, und dafür ist mir mein Glaube momentan zu persönlich.

nordbuzz: Und dann kam die Rolle des Thaddäus ...

Hartwig: Erst in Vorbereitung auf meine Rolle habe ich dann gemerkt, dass Predigten auch fürchterlich einschläfernd sein können. Die Kirche ist mittlerweile für die Wenigsten so unterhaltsam wie Pokeman Go, da muss man sich einfach was einfallen lassen. Zumindest muss man als Prediger hinter dem stehen, was man da sagt. Und ich hoffe mir ist das vor allem am Anfang des Films gelungen, einen, sagen wir mal, halbwegs glaubhaften Dilettanten zu kreieren.

nordbuzz: War das die größte Herausforderung bei dieser Rolle?

Hartwig: Absolut.

nordbuzz: Im Film wird der Pfarrer von einer Schauspielerin gecoacht - ist das ein realistischer Weg?

Hartwig: Es gibt einen etwa 20 Jahre alten Dokumentarfilm über den einzigen Coach für Pfarrer in Deutschland. Diese Doku war auch Ausgangspunkt für „Zwei verlorene Schafe“. Als ich das Drehbuch las, dachte ich erst: das ist ja ein bisschen viel. Aber auch die Doku zeigt, wie der Coach an den Talaren der Pfarrer reißt, sie in der Kirche anbrüllt mit den Worten „Jetzt öffne dein Herz“ und sie auf dem Trampolin springen lässt.

nordbuzz: Gibt es Parallelen zwischen der Rolle des Pfarrer Thaddäus und dem Beruf des Schauspielers?

Hartwig: Ich sehe dort extreme Parallelen. Zweifel habe ich fast tagtäglich. Als Künstler muss man sich ständig hinterfragen. Jedoch ständig Gott zu hinterfragen, wie das die Filmrolle Thaddäus macht, ist als Pfarrer natürlich hinderlich. Aber wenn man sich mit sich selbst und mit dem Leben auseinandersetzt und „leise“ an sich zweifelt, dann kann einen das voranbringen. Das ist konstruktiver Zweifel.

nordbuzz: Wie genau sehen Ihre Zweifel aus?

Hartwig: Ich kann das immer ganz gut anhand von Theaterproben erklären. Erst kommt das Angebot. Das ist die Phase der Freude. In der zweiten Phase stellt man fest, wie schlecht man eigentlich im Texte lernen ist. Dann beginnen die ersten Zweifel. Dann kommen die Proben. Wenn dann zum Beispiel die eigene Vorstellung, wie die Rolle sein könnte, sehr weit davon entfernt ist, was der Regisseur sich über die Rolle gedacht hat, dann entstehen die nächsten Zweifel. Aber das ist ein normaler Weg, zumindest für mich. Ich bin kein abgebrühter Schauspieler, der schon seit 30 Jahren im Beruf steht. Ich spiele seit acht Jahren Theater und etwas kürzer Film, aber ich glaube, Zweifel bringen mich weiter. Denn am Ende - möchte ich mal behaupten - kommt immer was ziemlich Gescheites dabei raus. Bisher hatte ich immer das Glück.

nordbuzz: Ein Zitat aus dem Film: „Theater - einer muss es ja machen“. Bieten Film und Fernsehen wirklich die „besseren“ Rollen?

Hartwig: Ganz ehrlich? Nein. Zumindest ist es mir bisher nicht untergekommen. Dass ich den Thaddäus spielen durfte, war wirklich ein riesengroßes Glück für mich. Da diese Rolle im Ansatz eine theatrale Figur ist. Man könnte höchstens sagen, es sind die besser bezahlten Rollen.

nordbuzz: Kann man Theater überhaupt mit Film vergleichen?

Hartwig: Man kann Theaterrollen wie in „Richard 3“ oder „Macbeath“ nicht mit der Rolle von „Tatort“-Kommissar XY vergleichen. Ich glaube, das ist aber auch gar nicht die Aufgabe von Fernsehen oder Kino. Der künstlerische Anspruch und die Rollenvielfalt im Theater sind oft wesentlich höher. Deshalb spiele ich auch so gerne Theater.

nordbuzz: Sie haben schon in den „Tatort“-Filmen „Totenstille“ und „Auf einen Schlag“ mitgespielt ...

Hartwig: Ja, Anfang des Jahres ist der Saarbrückener „Tatort“ ausgestrahlt worden, da habe ich den Mörder gespielt. Für den Dresdner „Tatort“ drehen wir gerade die dritte Folge. Dort spiele ich den Lebensgefährten von Hauptkommissarin Henni Sieland, die Alwara Höfels spielt. Ich bin aber ehrlich gesagt ganz froh, dass es eine kleine Rolle ist. Ein Reihen-Format wie der „Tatort“, ist zwar schön und gut, aber immer auch sehr distanziert. Wenn man sich im Theater bei einer Probe gegenüber sitzt, dann acht Wochen probt und dann noch 20 Vorstellungen spielt, dann hat das eine ganz andere Verbindlichkeit, als wenn man sich mal wieder ein halbes Jahr nicht sieht und danach erst mal wieder neu kennenlernen muss.

nordbuzz: In „Zwei verlorene Schafe“ wird gezeigt, dass man als Schauspieler auch mal ohne Gage arbeiten muss ...

Hartwig: Ich arbeite gerade an einem eigenen Projekt, das hat aber nichts mit Film zu tun, sondern geht in Richtung Hörspiel. Dafür gibt es momentan auch kein Geld. Mein Ziel ist es, gutes Geld zu verdienen, um auch einmal was für „umme“ machen zu können, wo man merkt, da steckt künstlerisch mehr dahinter. Und wenn das klappt, dann wäre ich mir auch für gut bezahlte Jobs nicht zu schade. Irgendwie muss man ja die Miete und die Brötchen bezahlen.

nordbuzz: Haben sie eine Rolle mal nur wegen des Geldes angenommen?

Hartwig: Das ist bisher noch nicht passiert. Gott sei Dank.

tsch

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