Petula Clark: Neues Album

Wissen, Verstehen, Glauben ...

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Die 83-jährige Clark stand mit 159 Songs in den Top 40 unterschiedlicher Länder, gewann drei Grammys.

„From Now On“ heißt das neue Album von Petula Clark. Über ihre reiche Vergangenheit erzählt sie im Interview allerdings ebenso gerne. Geschichten über Elvis, John Lennon und Frank Sinatra inklusive ...

Man kann es nüchtern darstellen: Petula Clark ist eine Sängerin und Schauspielerin, die in den 60er-Jahren mit dem Song „Downtown“ weltbekannt wurde. Das ist jedoch nur ein kleiner Teil der Geschichte: Denn Petula Clark ist eine Legende. Sie sang als Kind im Zweiten Weltkrieg vor Truppen, arbeitete mit den größten Unterhaltungsstars des letzten Jahrhunderts, trat am Broadway auf und wurde von der Queen als „Commander of the British Empire“ ausgezeichnet. Sie stand mit 159 Songs in den Top 40 unterschiedlicher Länder, gewann drei Grammys. Die Dame ist 83 Jahre alt, steht am Fenster und genießt den Blick über den Berliner Gendarmenmarkt. Und dann fängt sie an zu erzählen. Über das, was ist. Und über das, was war.

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass die in Genf lebende Petula Clark der Hauptstadt einen Besuch abstattet. Im April trat sie im Rahmen der „Berlin live“-Konzertreihe von ARTE und ZDF auf. Dabei standen neben Klassikern zum ersten Mal auch Songs ihres neuen Albums „From Now On“ (ab 16.9.) auf dem Programm. Selbst für eine solch erfahrene Sängerin wie Petula Clark Grund genug, „etwas nervös“ zu sein. Aber, so fährt sie fort, es sei sehr gut gelaufen. Und die Offenheit des Publikums in Bezug auf neue Klänge ist keine Überraschung. So enthielt ihr letztes Album „Lost In You“ (2013) Nummern wie „Cut Copy Me“ und „Crazy“, die Clark laut eigener Aussage auf ihrer Tour in Großbritannien spielen muss. „Weil einige Leute diese Songs mehr mögen als diejenigen aus den 60-ern.“

Auch „From Now On“ klingt nach der Gegenwart, nach Selbstbewusstsein und alles andere als angestaubt. Petula Clark stimmt zu: „Wobei wir nicht mit dem Vorsatz ins Studio gingen, eine zeitgemäße Platte zu machen. Wir waren einfach sehr offen.“ Aber eines ist klar: „Ich bin sicherlich nicht nostalgisch. Ich sitze nicht da, höre meine alten Platten und denke 'Ah, das waren die guten alten Zeiten'.“ Gut und schlecht habe es schließlich immer schon gegeben - heute wie damals. „Die neuen Songs sind immer so etwas wie eine Liebesaffäre“, meint sie und schmunzelt auf die Nachfrage, ob man die alten dann als Ehe betrachten könne: „Irgendwie schon. Sie ähneln einer netten, komfortablen Beziehung. Während die neuen Songs aufregend sind. Ich weiß noch nicht viel über sie.“

Über 1.000 Songs hat Petula Clark im Laufe ihrer Karriere aufgenommen. In unterschiedlichsten Konstellationen, an den unterschiedlichsten Orten. Kürzlich sei BMG mit der Idee einer neuen Kompilation auf sie zugekommen, verrät sie. Natürlich gibt es schon Zusammenstellungen ihrer Songs auf dem Markt. „Aber wir wollen ein bisschen etwas anderes machen. Mit Songs, von denen ich denke, dass sie es wert sind, gehört zu werden. Die aber nie gehört wurden. In dem Sinne, dass sie zum Beispiel nie im Radio liefen.“ Zu diesem Zwecke hörte sie sich einmal quer durch ihre eigene Diskographie: „Ich mache das eigentlich nie, glauben Sie mir“, kommt das Geständnis.

Und doch: „Es war eine sehr seltsame Erfahrung. Weil ich hörte, wie ich mich über die Jahre verändert habe.“ Clark schiebt direkt ein Beispiel hinterher: „Die Sachen, die ich in Memphis und Nashville aufnahm“, setzt sie an und hält direkt einen Moment inne, als sich daran erinnert, dass ihr damaliger Produzent Chips Moman erst kürzlich verstarb. „Auf diesen sang ich anders als zum Beispiel in London oder Los Angeles.“ Und: „Ich werde auch immer von den Leuten beeinflusst, mit denen ich arbeite. Insbesondere wenn es jemand ist, den du bewunderst. Quincy Jones zum Beispiel. Du willst einfach nur, dass er zufrieden mit dir ist. Weil er fantastisch ist. Aber das sagen alle über ihn, Barbra Streisand zum Beispiel auch.“

Wobei Petula Clark in all den Jahrzehnten gelernt hat, vor allem an sich selbst zu glauben. „Keep' Doin' What You're Doin'“ lautet eine Textzeile aus dem Song „Never Let Go“ auf ihrem neuen Album. „Du musst wissen, wer du bist. Und verstehen, was du tust. Daran glauben, was du tust“, erklärt sie im Hinblick auf die schnelllebige Welt des 21. Jahrhunderts. Und holt dann aus: „Wissen Sie, ich lebe nun auch schon eine ganze Weile. Ich fühle tief in mir drin, dass ich etwas bieten kann. Es ist etwas Kleines. Es wird die Welt nicht verändern. Aber nur ich weiß, wie es funktioniert.“ Clark wird nachdenklich, spricht mit Bedacht: „Auch ich hörte auf die Ratschläge und Meinungen anderer Leute. Das muss man auch. Aber es kommt der Punkt, an dem du sagen musst: 'Entschuldigung, nein. Ich werde es so machen, wie ich es für richtig halte'.“

Eine richtige Wahl waren sicher auch die drei Coverversionen auf „From Now On“ . Neben „While You See A Chance“ von Steve Winwood begeistert Clarks Version des Klassikers „Fever“ zu der sie anmerkt: „Den Song wollte ich eigentlich nicht singen. Denn als ich aufwuchs, war Peggy Lee mein Idol. Und das war ihr Song, einer ihrer Hits. Irgendwann aber traf ich sie, wir sangen gemeinsam und wurden Freunde. Das Arrangement wurde nun für mich angepasst, es ist in gewisser Weise rockiger. Und ich glaube, es hätte ihr gefallen.“

Petula Clark scheut sich nicht, in Erinnerungen einzutauchen. In ihren Augen glänzt es, wenn sie über ihre Beziehung zu Menschen wie Fred Astaire - „Der Beste. Ein totaler Perfektionist. Lustig. Freundlich. Bescheiden. Großartig“ - oder John Lennon berichtet, bei dessen „Give Peace A Chance“-Aufnahme sie einst anwesend war: „Wir hatten schöne Momente in Montreal. Ich meine das aber nicht romantisch. Yoko war eh die ganze Zeit bei ihm. Ich war offenbar seine Lieblingssängerin.“

Was heutzutage immer mehr in Vergessenheit gerät, ist dagegen der Karrierestart von Petula Clark. Als „britische Shirley Temple“ wurde sie gefeiert, trat im Zweiten Weltkrieg vor den Truppen auf. Wobei die Gefahr von Starallüren und Abstürzen nach dem Kinderstar-Dasein nicht bestand. „Es war ja Krieg“, wird Clark nachdenklich. „Das Leben war ein anderes. Du hast nicht genug zu essen.“ Auch die Erziehung spielte eine Rolle: „Ich war absolut kein verzogenes Mädchen aus dem Show-Business.“ Ihr Vater hätte das in keiner Weise toleriert. „Er hatte keinen Jungen, also erzog er mich in manchen Dingen wie einen. Er lehrte mich zum Beispiel das Boxen. Weinen war dumm. All das Zeugs. Er war streng. Aber er war fein, ich verehrte ihn.“

Trotzdem war der Zeitpunkt vorprogrammiert, an welchem das Verhältnis zur Belastungsprobe wurde: „Während meiner Jugend fing etwas an, schiefzulaufen. Ich war kein Kind mehr, aber das Business wollte, dass ich ein Kind blieb.“ Und mit wem sollte man diskutieren, wenn der Vater gleichzeitig der Manager war? „Es gibt einige Künstler, die in dieser Phase dann auf der Strecke blieben. Ich machte weiter, blieb dran. Aber es war nicht leicht. An einer Stelle stand ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch“, seufzt sie und beschließt das Kapitel mit dem bitteren Fazit: „Die Jugend war die schlimmste Zeit meines Lebens.“

Doch die schlimme Zeit ging vorbei. Mitte der 60er-Jahre zählte Petula Clark zu den Superstars der Branche. Ihr größter Hit „Downtown“ entstand, den die Ikone auch heute noch gerne performt: „Es ist doch ein großartiger Song“, lautet die einfache Begründung, an welche sie direkt die nächste Anekdote knüpft: „Wenn ich jeden Abend einen schrecklichen Song singen müsste, dann wäre es etwas anderes. Sinatra mochte 'My Way' nicht. Ich erinnere mich an eine Show von ihm, bei der er sich weigerte, ihn zu singen.“ Ebenfalls in diese Zeit fällt „This Is My Song“, jene Nummer, die Charlie Chaplin schrieb. Mit dem großen britischen Komiker verbindet Clark eine besondere Begebenheit: „Nachdem der Song ein großer Hit wurde, zeigte er sich darüber natürlich erfreut. Also lud er mich zu sich zum Tee ein. Er lebte in Vevey, was nicht weit von uns in Genf entfernt war. Wir verbrachten einen tollen Nachmittag miteinander. Ich spielte Klavier für ihn, er tanzte im Raum. Eine unvergessliche Zeit.“

Unvergesslich bleibt auch die abschließende Geschichte, die Clark auf das Stichwort „Elvis Presley“ hin schildert. „Ich traf Elvis mehrere Male. Und er flirtete mit mir recht ernsthaft“, beginnt sie, und man spürt förmlich, wie sie sich in die Situation hineinversetzt. „Karen Carpenter und ich waren Freunde und gingen einmal zusammen zu ihm. Er stellte uns von der Bühne aus vor, wir gehörten damals ja wahrscheinlich zu den größten weiblichen Stars überhaupt. Danach gingen wir zu seiner Garderobe. Und nun, sagen wir mal so: Er hatte definitiv Pläne für uns drei“, erklärt Clark verschmitzt. „Er wollte, das etwas passiert.“ Und dann lacht sie laut los: „Ich rettete Karen! Wir hoppelten weg wie zwei verängstigte Hasen. Ich werde nie das Gesicht von Elvis vergessen, wie er in der Tür stand und lachte.“

tsch

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